23.08.2006 · Der Reiz des Orients: Wasserpfeifen haben in Deutschland Konjunktur. Da kümmert es wenig, daß Shisas noch ungesünder sind als Zigaretten. Im Café wird die Pfeife mit exotischem Tabak traditionell von Freund zu Freund gereicht.
Von Bernhard KochDas Bild eines in Lederhose gekleideten und mit Gamsbart bewehrten oberbayerischen Urgesteins, das genußvoll an der blubbernden arabischen Wasserpfeife saugt, bleibt der Welt in diesem Jahr erspart. Der Regen und die Verkehrssperrungen wegen der Deutschland-Tour der Rennradfahrer haben zur Verschiebung des Mittelaltermarkts auf dem Falkenhof Lenggries bei Bad Tölz geführt. Zum Ausweichtermin hat die orientalische Bauchtanzgruppe, die auch die Wasserpfeifen zur Verfügung stellt, schon eine andere Zusage gegeben. Denn Orientalisches hat Konjunktur. Und Wasserpfeifen haben Konjunktur - nicht nur im oberen Isartal.
In der Isarmetropole München selbst, vor allem in Schwabing, ist Wasserpfeifenrauchen schon für viele Alltag. Das „Nirvana“ in der Belgradstraße preist auf großen Schildern Wasserpfeifen für sechs Euro an. In der Herzogstraße weiter östlich, unweit der Münchner Freiheit, im „Mocca“, trudeln um 17 Uhr die ersten Stammgäste ein. Manfred Knallinger kommt täglich ins Mocca und „baut“ sich seine Wasserpfeife selbst. Drei Stunden mindestens verbringt er jeden Tag in der Shisha-Bar. „Shisha“ ist der arabische Ausdruck für die Wasserpfeife und wird heute vor allem deshalb verwendet, um die orientalischen Wasserpfeifen gegen die „Bongs“ abzugrenzen, die kleinen Wasserpfeifen aus Glas, in denen Cannabis geraucht wird. Andere Ausdrücke sind „Narghile“ oder „Hookah“. Manfred Knallinger hat heute zwei Bekannte mitgebracht, die er selbst erst in das Shisha-Rauchen einweisen muß, was er als Fachmann und Insider gern übernimmt.
Kampf mit Vorurteilen
Abdullah kommt aus Saudi-Arabien und braucht keine Einweisung. Er hat in der Bar seine eigene Wasserpfeife hinterlegt. Er raucht zum Essen und nach dem Essen zur Entspannung. „It makes you cool“, sagt er, des Deutschen noch nicht recht mächtig. An einem Nischentisch, auf dem vier Cocktails und eine Wasserpfeife stehen, sitzen Susanne, Anna und Andreas. Die drei Studenten warten auf einen weiteren Andreas und haben schon reihum, mit jeweils eigenem Mundstück, an der Wasserpfeife gezogen. Als das vierte Mitglied der Gruppe zurückkommt, soll er die Aromatisierung des Pfeifentabaks erkennen. Andreas schwankt zwischen den oft verwendeten Sorten Apfel und Melone und weist sich damit als Kenner aus: Melone ist richtig. Seine ersten Erfahrungen mit der Wasserpfeife hat er nicht im Orient, sondern in Moskau gemacht. Dort sei die Shisha fast in jeder Bar üblich. Hier habe er, wenn er sich als Wasserpfeifenraucher bekenne, noch mit Vorurteilen zu kämpfen. „Viele meinen doch, das hätte etwas mit Drogen zu tun.“
Im Orient-Laden „Ali Baba“ in der Münchner Amalienpassage, gegenüber der Universität, verkauft Mohammed Wasserpfeifen. Er glaubt zu wissen, daß die Wasserpfeife am persischen Königshof entstanden und über Indien in die arabische Welt gelangt sei. Tatsächlich ist die Geschichte der Wasserpfeife noch wenig erforscht. Da man auch in der islamischen Welt den Tabak erst nach der Entdeckung Amerikas kennengelernt hat, kann das Wasserpfeifenrauchen in seiner heutigen Form noch nicht älter als einige hundert Jahre sein. Das Prinzip wurde offensichtlich in Indien erfunden. Alte Aufzeichnungen in Sanskrit aus dem ersten und vierten Jahrhundert belegen, daß man sich zum Abrauchen von Heilkräutern einer wasserpfeifenähnlichen Vorrichtung bediente. Im 16. Jahrhundert scheint die Wasserpfeife dann im Osmanischen Reich Fuß gefaßt zu haben.
Shishas aus der ganzen Welt
In vielen arabischen Ländern ist die Shisha heute fester Bestandteil der Alltagskultur. Fast hundert Millionen Wasserpfeifenraucher gibt es auf der Welt. In Ägypten und Syrien, wo das Rauchverhalten schon wissenschaftlich untersucht worden ist, rauchen eher ältere Personen Wasserpfeife. Der Anteil der Männer unter den Rauchern ist merklich höher als der der Frauen. In Ägypten liegt der Anteil der Raucherinnen bei nur einem Prozent. Mohammeds Kunden sind oft deutsche Touristen, die im Urlaub in Tunesien oder Marokko Wasserpfeife geraucht haben und jetzt auch in Deutschland nicht mehr darauf verzichten wollen. Türken oder Araber kaufen bei ihm weniger - sie bringen sich ihre Wasserpfeife aus der Heimat mit. In den vergangenen zwei, drei Jahren habe es einen starken Boom bei den Wasserpfeifen gegeben, mittlerweile schwäche sich der Trend wieder etwas ab. Die Wachstumsraten steigen nicht mehr so wie bislang.
Die Shishas, die Mohammed verkauft, stammen fast alle aus Ägypten. Zuweilen führt das Ali Baba aber auch Modelle aus Syrien oder aus Iran. Abdullah im „Mocca“ schwört auf französische. Die ägyptischen seien die billigsten, meint er. Sie gibt es schon ab 15 Euro. Für 70 Euro erhält man bereits eine Shisha der gehobenen Preisklasse. Eine französische, wie sie Abdullah verehrt, kostet bis zu 300 Euro. Die Preise variieren auch mit der Größe. 70 Zentimeter sollte die Wasserpfeife schon hoch sein. Der Kenner investiert aber vor allem in den Tabak. Bis zu 150 Dollar kann man für das Kilogramm bezahlen, sagt Abdullah. In Saudi-Arabien, seiner Heimat, habe jeder sein privates Geheimnis, wie er den Tabak mische. In Deutschland geht man damit offener um. In Internetforen stellen passionierte Wasserpfeifenraucher ihre Rezepte vor, die von den Besuchern der Website bewertet werden können.
Kein Wort über Risiken
Überhaupt trägt das Internet zur Verbreitung der Wasserpfeife bei. In Internetshops können Wasserpfeifen und Tabak aller Art gekauft werden. Auch bei Ebay gibt es alles, was der Shisha-Raucher haben muß. In Chats und Foren werden die Adressen der besten Shisha-Kneipen einer Stadt ausgetauscht und Hilfe bei Schwierigkeiten angeboten. So klagt im shisha-forum.de der Nutzer „c0br4“, daß er sich in eine Nibo H514 „verliebt“ habe, sie aber trotz mehrmaliger Bestellung bei seinem Online-Händler nicht mehr bekomme. „Die H514 war meine Traumshisha . . .“ Glücklicherweise ist aber auch der Verkäufer Nutzer des Forums und versucht die Lieferverzögerung zu erklären. Andernorts geht es um die Reinigung der Pfeifen. Der Teilnehmer mit dem klangvollen persischen Namen „Ahmedinischad“, der jedoch angibt, aus dem ehemaligen Jugoslawien zu stammen, versucht Termine für das Münchner Oktoberfest zu vereinbaren.
Nur über die Risiken wird wenig gesprochen. Wasserpfeifenrauchen gefährdet die Gesundheit. Die Vorstellung, die Schadstoffe würden durch das Wasser aus dem Rauch herausgefiltert, trifft nicht zu. Das Bundesinstitut für Risikobewertung (BfR) in Berlin hat in einer aktualisierten Stellungnahme erst am 31. Juli auf die Gefahren durch das Wasserpfeifenrauchen hingewiesen. Die gesundheitlichen Risiken seien kaum geringer als bei Zigarettenkonsum. „Nach langjährigem Wasserpfeifenkonsum wurden unter anderem Verschlechterungen der Lungenfunktion und ein erhöhtes Risiko für Tumorerkrankungen beobachtet.“ Die Nikotinkonzentration im Blut steige beim Wasserpfeifenrauchen sogar stärker als nach dem Zigarettenkonsum - daher die die hohe Suchtgefahr. „Die hohe Nikotinaufnahme und die damit verbundene Suchtgefahr gehören nach heutigem Kenntnisstand zu den wichtigsten Problemen im Zusammenhang mit der Wasserpfeifennutzung.“ Das BfR empfiehlt daher, gerade Jugendliche auch über die Gefahren des Wasserpfeifenrauchens aufzuklären.
Tabak speziell für Deutschland
Der Tabak für die Wasserpfeifen enthält Glyzerin, so daß er feucht bleibt. Dadurch kommt es aber zu Konflikten mit der deutschen Tabakverordnung, die nur den Verkauf von Tabak mit einem Befeuchtungsgrad von bis zu fünf Prozent erlaubt. An Wasserpfeifen hatte man 1977, als die Verordnung erlassen wurde, noch nicht gedacht. In Ägypten wird Tabak verraucht, der einen Befeuchtungsgrad von mindestens 15 Prozent aufweist. Für den deutschen Markt muß also eigener Wasserpfeifentabak produziert werden. Um dennoch das orientalische Rauchgefühl zu erhalten, mischen viele Raucher selbst Glyzerin bei. Daß in Deutschland nicht der Originaltabak verwendet werden kann, ist vielen ein Ärgernis. So klagt Ahmet, Kellner im „Kanki“ in der Frankfurter Zeil-Galerie, einem der bekanntesten und stimmungsvollsten Shisha-Clubs Deutschlands, der Tabak in der Türkei sei doch „tausendmal besser“ als hier. Das Kanki versuche über spezielle Lieferanten aus den Vereinigten Arabischen Emiraten und aus Marokko seinen Kunden beste Qualität zu bieten.
Im Zollfahndungsamt Essen ist man über so manchen „speziellen Lieferanten“ weniger glücklich. „Im Tonnenbereich“ liege mittlerweile die Menge illegal eingeführten und in Tarnladungen versteckten Wasserpfeifentabaks. So wurde etwa im vergangenen Dezember bei einer Inlandskontrolle ein Lastwagen untersucht, der einen über einen niederländischen Containerhafen nach Deutschland gelangten Kühlcontainer transportierte. Den Papieren nach sollte der Container nur tiefgekühltes Gemüse aus Ägypten beinhalten, aber Tabakspürhunde stöberten auch anderes auf. Letztlich konnte man bei einer genaueren Untersuchung in Gelsenkirchen einige Tonnen Wasserpfeifentabak sicherstellen.
Die Extravaganz der Wasserpfeife
Das Problem, daß in Deutschland kein Original-Wasserpfeifentabak aus dem Orient verkauft werden darf, ist dabei nur einer der Schmuggelanreize. Natürlich geht es vor allem darum, die Tabaksteuer zu umgehen. Der Handel mit Wasserpfeifentabak hat ein so großes Ausmaß angenommen, daß sich auch die Imitation von Markenware zu lohnen scheint. Beim Zoll nimmt man mittlerweile an, daß sich die organisierte Kriminalität in dem Feld betätigt. Der logistische Aufwand, der zum planmäßigen Schmuggel notwendig ist, würde Einzeltäter überfordern. Der Konsument, so die Fahnder vom Zoll, sollte sich überlegen, daß das Geld, das mit illegal eingeführtem Tabak verdient wird, schnell in anderen Deliktfeldern reinvestiert werden könnte, mit denen selbst derjenige, der die Hinterziehung der Tabaksteuer für eine Bagatelle hält, nichts mehr zu tun haben will.
Aber auch der Handel mit ordnungsgemäß versteuertem Wasserpfeifentabak ist in den vergangenen Jahren gestiegen. Das belegt der Bezug deutscher Steuerzeichen - sozusagen die offizielle Bestätigung für die Zunahme des Wasserpfeifenrauchens in Deutschland, und dies nicht nur auf Mittelaltermärkten, zu denen die Wasserpfeife gar nicht paßt. Das Extravagante oder das, was man jeweils dafür hält, ist immer attraktiv, schützt aber nicht davor, in alte Gewohnheiten zurückzufallen. Sie sei hier, weil Shisha-Rauchen für sie eine Abwechslung bedeute, sagt Susanne aus der Studentengruppe im Münchner Mocca - reicht die Wasserpfeife an Andreas weiter und zündet sich eine Zigarette an.
Orientalische Wasserpfeifen sind aus drei zentralen Elementen aufgebaut: einem nicht ganz mit Wasser gefüllten Wassergefäß, der „Bowl“, einer in das Wasser reichenden Rauchsäule und, darauf aufgesetzt, einem Tabakkopf (Head). Die Shisha wird mit Feuchttabak geraucht. Er kann in den unterschiedlichsten Geschmacksrichtungen, die an Speiseeissorten erinnern, aromatisiert sein: Minze, Orange, Traube, Zitrone, Mango, Vanille, Banane, Cappuccino, Karamell, Lakritze, Kokosnuß, Kirsche, Multifrucht, Erdbeere oder Pfirsich. Im Frankfurter Club Kanki sind Apfel und Melone am beliebtesten. Zwischen fünf und zwanzig Gramm Tabak werden in den Tabakkopf eingefüllt und mit Alufolie oder einem Sieb abgedeckt. Der Tabak soll von der Folie nicht berührt werden. Durch die Hitze eines glühenden Kohlestücks, das auf die Alufolie gelegt wird, verschwelt der Feuchttabak und gibt Rauch ab. Damit der Rauch nicht kratzig wird, sollte ein Verbrennen des Tabaks verhindert werden. Ein Ascheteller fängt Tabak- oder Kohleteilchen auf, die aus dem Tabakkopf fallen. Durch das Ziehen an einem Schlauch, der mit der Bowl, nicht mit der Rauchsäule in Verbindung steht, wird im Wassergefäß ein Unterdruck erzeugt, der den Rauch aus der Rauchsäule in das Wasser und durch dieses hindurch in diesen Schlauch zieht. Dabei entsteht das charakteristische Blubbern im Wassergefäß. Auf seinem Weg durch das Wasser kühlt sich der Rauch ab und wird daher von vielen als angenehmer empfunden als der Rauch einer Zigarette, in der der Tabak verbrennt. Mit einem Eiswürfel im Wasser läßt sich die Kühlwirkung noch verstärken. Die Bowl kann auch mit alkoholischen Flüssigkeiten gefüllt werden. Durch ein Ventil kann die Luftzufuhr in der Bowl zusätzlich reguliert werden - und abgestandener Rauch entweicht aus dem Wassergefäß. Bernhard Koch
1001 Nächte mit der Traumshisha
Ertan Elmaagacli (Ertan)
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