21.10.2005 · Während die EU-Gesundheitsminister über die Bekämpfung der Vogelgrippe beraten, simuliert der britische Gesundheitsschutz eine gefährliche Epidemie in einer Computersimulation. In Deutschland muß spätestens von Samstag an Geflügel in den Ställen bleiben.
Die Europäische Union spielt den Ausbruch einer gefährlichen Grippe-Epidemie parallel zur Beratung der EU-Gesundheitsminister über die Vogelgrippe in einer groß angelegten Computersimulation durch. In Deutschland gilt seit Mittwoch eine Eilverordnung von Bundesverbraucherminister Jürgen Trittin (Grüne), wonach bis spätestens Samstag Geflügel nur noch in Ställen gehalten werden darf. Ein Verdachtsfall in einem Geflügelbestand in Baden-Württemberg hat sich zunächst als unbegründet herausgestellt. Aus Thailand wurde unterdessen ein weiterer Vogelgrippe-Todesfall gemeldet.
Das in ganz Deutschland geltende Freilaufverbot wurde verhängt, nachdem der auch für Menschen gefährliche Erreger H5N1 im europäischen Teil Rußlands nachgeweisen worden war. Aus dem Gebiet südlich von Moskau gibt es Zugvogelrouten nach Deutschland. Österreich folgte am Donnerstag dem Beispiel und verhängte ebenfalls ein Verbot für Freilandhaltung. Wie die übrigen EU-Länder verfahren wollen, ist bisher unklar. Lediglich Frankreich plant bisher kein Freihaltungsverbot.
Stallpflicht möglichst ab sofort
Hierzulande soll die Stallpflicht möglichst schon von diesem Donnerstag an, spätestens aber am Samstag gelten. Nach der Verordnung müssen Geflügelzüchter und Hobbytierhalter freilaufende Vögel bis zum 15. Dezember weggesperren, dem voraussichtlich Ende des diesjährigen Vogelzugs. Bei einem Verstoß drohen Bußgelder bis zu 25.000 Euro.
Wo Geflügel nicht in Ställe gesperrt werden könne, müsse der Kontakt zwischen Haus- und Wildvögeln auf andere Art vermieden werden. Die Bundesländer seien sich in einer Telefonkonferenz bei der Risiko-Abschätzung einig gewesen, sagte der Minister. Die Lage habe sich verändert, die Situation sei besorgniserregend. Wie Trittin weiter mitteilte, gibt es nach bisherigen Erkenntnissen in Deutschland keine erkrankten Vögel. Dennoch beurteilten die wissenschaftlichen Experten das Risiko „mäßig bis hoch“, nachdem das gefährliche Virus H5N1 diesseits des Urals aufgetreten sei (siehe auch: Wo sich der Vogelgrippe-Virus weiter ausbreitet).
Dem Virus H5N1 vorbeugen
Die Bundesregierung reagiert mit ihrer Verordnung auf eine entsprechende EU-Rechtsgrundlage, die ein bundeseinheitliches Vorgehen nach sich zieht. Bisher haben die Länder auf der Grundlage des Tierseuchengesetzes gehandelt. Bund und Länder hatten sich am Dienstag zur Abwehr der Vogelgrippe auf eine Ausweitung des Freilaufverbotes geeinigt.
Mit der Stallpflicht soll einem Einschleppen des unter Umständen Vogelgrippe-Virus H5N1, mit dem sich unter besonderen Umständen auch Menschen infizieren können, vorgebeugt werden. Das Risiko, daß Zugvögel das Virus übertragen, bemesse sich etwa nach der Nähe der Ställe zu Vogelrastplätzen oder Feuchtbiotopen.
Tauben ausgeschlossen
Viele Bundesländer hatten zuvor bereits regionale oder absolute Freilaufverbote verhängt. So ordnete Bayern als erstes Bundesland eine generelle Stallpflicht für Geflügel an, die seit Mittwoch gilt. Baden-Württemberg wollte noch im Laufe des Tages eine entsprechende Verordnung erlassen. Niedersachsen, Nordrhein-Westfalen und Mecklenburg-Vorpommern hatten bereits im September ein regionales Freilaufverbot verfügt.
In Schleswig-Holstein muß Geflügel unter anderem entlang der Küste in den Stall, in Sachsen-Anhalt entlang von Elbe, Saale und Mittellandkanal und in Rheinland-Pfalz nahe der Zugvogel-Rastplätze am Rhein. Hessen erließ ein Verbot für zehn Rastgebiete von Zugvögeln und strenge Auflagen für überregionale Geflügelschauen. Die Stallpflicht gilt für Hühner, Perlhühner, Truthühner, Rebhühner, Fasane, Wachteln, Enten, Gänse und Laufvögel wie Strauße. Tauben sind dagegen nicht betroffen, weil das Risiko einer Verbreitung des Virus durch diese Tiere als äußerst gering eingeschätzt wird.
Fleisch und Eier gründlich kochen
Das EU-Zentrum für die Prävention und die Bekämpfung von Seuchen hält unterdessen Befürchtungen, die Vogelgrippe könne sich in Europa ausbreiten und die gefährliche Virusvariante H5N1 auf den Menschen übergreifen, für überzogen. „Das Infektionsrisiko ist für die meisten Menschen in Europa nahezu unbestehend“, heißt es in einer am Mittwoch veröffentlichten Stellungnahme der in Stockholm ansässigen Behörde. Sie veröffentlichte allerdings Leitlinien zur Vorbeugung für Personen, die selbst Geflügel halten oder in Zucht- sowie Schlachtbetrieben tätig sind.
Für die übrigen Bevölkerungsgruppen sei das Infektionsrisiko dann „praktisch unbestehend“, wenn Geflügelfleisch und Eier gründlich gekocht sowie tote und kranke Tiere nicht berührt werden sollten. Die EU-Behörde widersprach dem weit verbreiteten Eindruck, das Auftreten des H5N1-Virus sei Vorbote einer menschlichen Grippe-Pandemie. Bei aller Wahrscheinlichkeit einer Pandemie stehe keineswegs fest, daß diese schon in wenigen Jahren ausbrechen und durch das H5N1-Virus ausgelöst werde.
Gesundheitsminister und Seuchenexperten tagen
Bei der Computersimulation einer gefährlichen Grippe-Epidemie in der EU geht es vor allem darum, die Fähigkeit nationaler und regionaler Dienststellen zur Krisenreaktion zu stärken. Die Notfallübung „Common Ground“ wird von der britischen Behörde für Gesundheitsschutz koordiniert, da Großbritannien derzeit die EU-Ratspräsidentschaft innehat. Den Teilnehmern sollen simulierte Katastrophenwarnungen nicht zuvor angekündigt werden, damit Lücken und Fehler bei den Reaktionen auf die Alarmauslösung möglichst realistisch erfaßt werden können, hieß es bei der britischen Health Protection Agency.
Derweil trafen Gesundheitsminister und Seuchenexperten der EU-Staaten zu einem informellen Treffen in Chandler's Cross unweit von London ein. Die zweitägigen Gespräche waren lange vor den jüngsten Vogelgrippe-Fällen im Rahmen der routinemäßigen EU-Konsultationen vereinbart worden. Sie sollten sich nun aber vor allem mit der Gefahr einer Grippe-Katastrophe beschäftigen. Bisher ist die Vogelgrippe weiterhin eine reine Tierseuche, Menschen haben sich bisher nur bei engem Kontakt mit Geflügel infiziert. Die Vorsichtsmaßnahmen dienen der Vorbeugung.
13. Vogelgrippeopfer in Thailand
Thailand hat unterdessen das 13. Todesopfer durch die Vogelgrippe gemeldet. Bei dem Mann aus der westlichen Provinz Kanchanaburi sei das aggressive Virus H5N1 nachgewiesen worden, teilte Regierungschef Thaksin Shinawatra am Donnerstag mit. Zuletzt war vor rund einem Jahr ein Mensch in Thailand an der Krankheit gestorben, die Ende 2003 ausgebrochen war. Der 48 Jahre alte Mann war Züchter von Kampfhähnen und hatte eines der Tiere gegessen, bevor er erkrankt war.
Die Vereinten Nationen (UN) warnen nachdrücklich vor einem Übergreifen der Vogelgrippe auf den Nahen Osten und Ostafrika. „Eine der Hauptsorgen ist jetzt die mögliche Ausbreitung der Vogelgrippe durch Zugvögel ins nördliche und östliche Afrika“, sagte Joseph Domenech, Veterinärexperte der UN-Organisation für Ernährung und Landwirtschaft (FAO) in Rom. Arme afrikanische Länder hätten größere Schwierigkeiten bei der Bekämpfung der Krankheit als europäische und asiatische Staaten.