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Vitamin-D-Mangel : Sonne statt Stoff

Aus Zeitgründen konsumieren viele Deutsche Vitamin D in Tablettenform, anstatt Sonne zu tanken. Bild: Craig Frazier

Tausende Deutsche glauben, an Vitamin-D-Mangel zu leiden. Deshalb machen sie Tests und kaufen Pillen. Das freut die Hersteller, kostet die Krankenkassen jede Menge Geld, ist aber sonst völlig unnötig – und manchmal sogar gefährlich.

          Das Wichtigste gleich zu Beginn: Wer an einem schweren Vitamin-D-Mangel leidet, kann auf Dauer ernsthaft krank werden. Rachitis heißt die dann drohende Erweichung der Knochen bei Kindern, Osteomalazie bei Erwachsenen. Die Sache ist bloß: Die allermeisten Menschen in Deutschland haben keinen solchen Mangel. Bei vielen ist noch nicht einmal das Risiko erhöht, einen zu bekommen. Trotzdem zählen die Krankenkassen heute rund vier Millionen Vitamin-D-Tests im Jahr, die Menschen durchführen lassen; trotzdem werden jedes Jahr Pillen mit dem Vitamin für mehr als 70 Millionen Euro verkauft.

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Denn Vitamin D hat einen goldenen Ruf. Ihm wird nicht nur nachgesagt, gut für die Knochen zu sein. Es soll auch gegen Müdigkeit helfen, Erkältungen, Depressionen, Diabetes, Herzinfarkte und sogar Krebs vorbeugen. Ein echter Tausendsassa also, dieses Vitamin D, was?

          Alarmierende Online-Tests

          Einer, der das sofort bejahen würde, ist Rafael Frenk. Er betreibt eine Seite im Netz, sie heißt „Vitamin D Portal“. Frenk bietet dort einen „Vitamin D Schnell-Test“ an. Nutzer sollen sieben Ja-Nein-Fragen beantworten, dann wird ihr Risiko eingeschätzt, an einem Vitamin-D-Mangel zu leiden. Ob man nördlich von Rom lebe, will Frenk wissen, oder im Sommer oft lange Kleidung trage – einen Großteil seines Vitamin D bildet der Organismus nämlich selbst, sobald wir in der Sonne sind. Aber die Antworten auf Frenks Fragen kann man sich eigentlich sparen. Denn das, nun ja, am wenigsten alarmistische Testergebnis, das man überhaupt erreichen kann, warnt in orangefarbener Schrift: „Sie haben ein latentes Vitamin-D-Mangel-Risiko.“

          Überall auf Frenks Seite gibt es Links zur Lösung dieses Problems: ein hochdosiertes Vitamin-D-Präparat, knapp 30 Euro das Fläschchen. Warum quasi jeder, der den Schnelltest gemacht hat, dieses Präparat kaufen sollte, lässt Frenk auf Nachfrage unbeantwortet.

          Wie hoch muss der Vitamin-D-Spiegel steigen?

          Tobias Welte ist Chefarzt der Pneumologischen Universitätsklinik an der Medizinischen Hochschule Hannover, und wenn man ihm von dem Schnelltest erzählt, weiß er gar nicht, wo er anfangen soll, die Dinge richtigzustellen. Vielleicht bei dem Wort Mangel. Was als normal gilt, sagt er, hat sich in den vergangenen Jahren verschoben. Wird der Vitamin-D-Spiegel im Blut gemessen, stehen die Grenzwerte nicht für einen Mangel – sondern höchstens für ein erhöhtes Risiko, künftig an einem Mangel zu leiden. „Es ist aber unklar“, sagt Welte, „ob es klinisch überhaupt etwas bringt, wenn man einen nicht als optimal geltenden Spiegel durch die Gabe von Vitamin D erhöht.“ Soll heißen: Natürlich steigt der Vitamin-D-Spiegel, wenn jemand Vitamin-D-Pillen nimmt. Fraglich ist aber nicht nur, wie hoch er steigen muss. Sondern auch, ob das dann tatsächlich gesünder macht.

          Vitamin D wird ein positiver Einfluss auf viele Krankheiten nachgesagt, darunter Depressionen, Krebs und Erkältungen. Es gibt Studien, die das jeweils andeuten – allerdings halten sie genaueren oder auch nur wiederholten Überprüfungen nie stand. Nehmen wir zum Beispiel Atemwegsinfektionen. Dort gibt es zwei Untersuchungen, die nahelegen, dass Schulkinder sich seltener erkälten, wenn sie täglich Vitamin D einnehmen. Die eine stammt aus Afghanistan, die andere aus der Mongolei. In Ulan-Bator wurde die tägliche Schulmilch von 143 Kindern mit Vitamin D angereichert – in einer Stadt also, in der die jährliche Durchschnittstemperatur bei minus zwei Grad Celsius liegt. Die Eltern gaben an, dass ihre Spezialmilch trinkenden Kinder sich nur halb so oft erkälteten als die mit der normalen Milch. Ein immenser Effekt, der sich allerdings in größeren Studien an anderen Orten nie wiederholen ließ.

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