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Viertes Todesopfer durch verseuchte Milch Die Profiteure gehen über Kinderleichen

In China ist ein vierter Säugling an verseuchtem Babymilchpulver gestorben, mehr als 6200 Kinder sind erkrankt. Die Milchpanscherei ist nur der letzte in einer Reihe von Lebensmittelskandalen, die Verbraucher in der Volksrepublik regelmäßig in Angst und Schrecken versetzen.

© AP Vergrößern Auch ein Opfer der Profitgier

Es sollte wohl eine beruhigende Feststellung sein, die Chinas Qualitätsprüfungsamt am Mittwoch abgab: Die Milchprodukte, die bei den Olympischen und den Paralympischen Spielen in Peking auf den Tisch kamen, waren nicht vergiftet. Die Behörden nannten auch etwas naiv den Grund dafür gleich beim Namen: In der Zeit vor und während der Spiele habe es spezielle Kontrollmaßnahmen bei der Versorgung der olympischen Gäste gegeben.

Petra  Kolonko Folgen:    

Tausende Eltern, deren Kinder nach dem Verzehr vergifteter Milch aus Milchpulver an Nierenstörungen erkrankt sind, wird das wohl kaum trösten. Wenn die Reinheit von Milchprodukten und anderen Lebensmitteln für ausländische Gäste garantiert werden kann – warum dann nicht die für chinesische Kinder? Die Antwort liegt in einer einfachen Feststellung der Aufsichtsbehörden: Zu normalen Zeiten fehlt es an wirksamen Kontrollen.

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Schweinefleisch mit Asthmamedikamenten

Nur zu besonderen Anlässen, wenn das Ansehen Chinas auf dem Spiel steht, greifen Kontrollen. Sonst aber ist fast alles, was in China an Lebensmitteln produziert wird, mit Vorsicht zu genießen. Die jüngste Milchpanscherei ist nur der letzte in einer Reihe von Lebensmittelskandalen, die den Verbraucher in der Volksrepublik in den vergangenen Jahren in Angst und Schrecken versetzt haben.

milch-kitti © Vergrößern Eine Mutter sitzt neben ihrem erkrankten Kind

Da gab es Schweinefleisch, dem Asthmamedikamente zugesetzt waren. Da gab es Hühner, die voller Antibiotika steckten. Da gab es Garnelen, die in verbotenen Nährlösungen gezogen worden waren. Und es gab Mehl, das mit Gips versetzt war. In chinesischem Gemüse finden sich nicht selten zu hohe Rückstände an Pestiziden, sogar das längst verbotene DDT. Fische werden in Zuchtfarmen mit verbotenen Substanzen gefüttert. Überall geht es darum, schnell mehr zu produzieren und mehr Gewinn zu machen, ohne Rücksicht auf die Gesundheit der Verbraucher.

Zwölf Tote vor vier Jahren

Es ist auch nicht der erste Kindermilchskandal in China. Vor vier Jahren starben zwölf Kinder und Hunderte bekamen einen Wasserkopf, als sie mit gepanschter Milch gefüttert worden waren. Damals wurden 54 Molkerei-Unternehmen geschlossen. Die Aufsichtsbehörden ermahnten alle, von nun an mehr Verantwortung zu zeigen. Die Gesundheit der Kinder und der Konsumenten sei zu schützen. Da hat offenbar niemand so genau hingehört.

Der jetzige Skandal ist noch weit größer als der vor vier Jahren. Nachdem zunächst die Milchprodukte des Unternehmens Sanlu zurückgezogen werden mussten, fanden staatliche Inspektoren jetzt in 69 Produkten von weiteren 21 Molkerei-Unternehmen die Chemikalie Melamin. Unter den Unternehmen sind auch bekannte Namen wie Mengniu und der Olympia-Sponsor Yili. Melamin, das eigentlich zur Herstellung von Plastik und Klebstoffen verwendet wird, ist jetzt sogar in einem Joghurteis von Yili nachgewiesen worden. Damit kommt nun auch die Frage nach der Qualität der Frischmilch auf, die in China verkauft wird. Die staatlichen Behörden geben an, Frischmilch, die nach dem 14. September, also dem Tag des Bekanntwerdens des Skandals, verpackt worden sei, könne ohne Bedenken getrunken werden. Wie es davor um die Qualität der Milch stand, sagt niemand.

Proteingehalt vorgetäuscht

Es scheint weitverbreitete Praxis in Chinas Molkereien zu sein, zuerst die Milch mit Wasser zu strecken und dann Melamin hinzuzufügen, um so einen angemessenen Proteingehalt der verwässerten Milch vorzutäuschen. Warum aber mussten erst drei Kinder sterben und Tausende krank werden, ehe die Produkte zurückgezogen wurden? Bevor die Behörden sich zum Handeln genötigt sehen, werden die Missstände so lange wie möglich geheimgehalten und vertuscht.

Chinesische Verbraucher beklagen, dass es immer erst zu Katastrophen kommen muss, bis die Inspektoren aktiv werden und mit drastischen Strafen durchgreifen. Vier Kinder sind bislang an der Milch gestorben, 6244 sind nach offiziellen Angaben erkrankt, bei 158 von ihnen versagen die Nieren. Der Markt für Milchprodukte sei „chaotisch“, hieß es laut einem Bericht des staatlichen Fernsehsenders CCTV bei einer Kabinettssitzung unter Leitung von Regierungschef Wen Jiabao. Die Vorstandsvorsitzende und der Geschäftsführer von Sanlu wurden aber erst jetzt ihrer Posten enthoben, ebenso vier für Landwirtschaft und Qualitätskontrolle zuständige örtliche Funktionäre.

Folgen auch im Ausland

In Zeiten der Globalisierung zieht der Milchskandal auch im Ausland Folgen nach sich. Zwei der panschenden Milchunternehmen exportieren ihre Produkte, und Sanlu gehört zu 43 Prozent dem neuseeländischen Unternehmen Fonterra, das nun seinen guten Ruf verteidigen muss. Der skandinavische Molkereikonzern Arla, der an Mengniu beteiligt ist, gab am Mittwoch bekannt, dass er alle Milchprodukte vom chinesischen Markt zurückziehen und die Produktion in China einstellen will.

Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 18.09.2008, 13:12 Uhr

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