03.12.2011 · Unsere Gastrokritiker, die Brüder Lange, hatten Produkte von Unilever im Test durchfallen lassen. Nun hat Unilever zum Gegenschlag ausgeholt. Ein Besuch in Hamburg.
Von Alex WesthoffDie Deutschland-Zentrale des Lebensmittelkonzerns Unilever wirkt wie ein Raumschiff, das jemand am Ufer der Elbe geparkt hat: riesig, glasig, schnittig. Der Konzern hat Fabian und Cornelius Lange, zwei der Gourmet-Kritiker der Sonntagszeitung, hierher eingeladen; die beiden Brüder hatten Fertigsoßen getestet, und dabei waren auch einige Knorr-Produkte aus dem Hause Unilever schlecht weggekommen. (Titel des Artikels „Aromatisierter Staub“.) Das will der Konzern nicht auf sich sitzenlassen und bietet für die Überzeugungsarbeit heute gleich eine PR- sowie eine Marketing-Dame, einen Herrn aus dem hauseigenen Entwicklungszentrum und einen Koch auf. Das Geschmackstreffen soll mit einer „Knorr Strauchtomatensuppe“ beginnen. Daneben gibt es eine frisch gekochte Suppe aus echten Strauchtomaten.
Unilever: Mit der Strauchtomaten-Suppe sind wir Testsieger unter vergleichbaren Suppen. Darauf sind wir stolz, und das schreiben wir auch drauf: die Nummer eins.
Cornelius studiert die Packungsaufschrift, liest laut und stutzt: Nur zwei bis drei Prozent von 40 Gramm sind Olivenöl. Und sehr viel Salz ist auch drin.
Unilever: In unserem Werk in Heilbronn nehmen wir das Fein-Tuning für unsere Suppen vor. Die Frage ist: Wie muss eine Suppe für die deutsche Zunge schmecken . . .
Cornelius: DIE deutsche Zunge gibt es nicht, oder sie ist zumindest schwer zu finden.
Unilever: Es gibt den Mainstream und Trends. Wir wollen den Salzgehalt reduzieren. Aber bei den Verbraucher-Tests und Blindverkostungen schmeckt dem Gros der Leute eben Suppe C am besten - wo am meisten Salz drin ist. Danach richten wir uns. Unsere Bio-Range mussten wir einstellen, weil sie sich nicht verkauft hat. Wir sind keine Weltverbesserer, sondern ein Unternehmen.
Inzwischen stehen zwei Teller nebeneinander auf dem Tisch, die frische Tomatensuppe und die aus der Tüte. Die Brüder Lange löffeln los. Die sei gut gemacht, lobt Fabian die frische. Dann nimmt er einen Löffel voll von dem Knorr-Produkt und ist zunächst positiv überrascht. Die lägen gar nicht so weit auseinander, sagt er.
Fabian: Optisch erfüllt sie die Ansprüche. Das Aroma ist stark bearbeitet, final übrig bleibt: Fisch, Säure, eine dumpfe und erdige Note. Und ja, etwas Olivencharakteristik kommt durch. Unilever: Wir produzieren für die Allgemeinheit. Dass wir einen „Ersatz“ anbieten, dem widersprechen wir nicht. Im Durchschnitt kaufen die Leute drei Suppen - und nicht zum Freunde-Verwöhnen.
Cornelius: Die Leute haben durch ihre Produkte eine Erwartung an die Optik einer Suppe. Da muss man erst mal herankochen. Ihr Problem ist doch: Sie haben mit ihrem Pulver einen Perfektionsgrad erreicht, mehr geht nicht. Sie verwalten nur noch ein Erbe.
Unilever: Nein, wir befinden uns auf einer Reise. Da muss noch mehr gehen. Wir haben hohe Anforderungen an unsere Lieferanten, die wir auch beraten in Sachen Anbauzeit, Bewässerungssysteme et cetera. Wir beziehen keine holländischen Gewächshaustomaten.
Die Langes graust es ein bisschen beim Gedanken daran, wie die frischen Tomaten in den trockenen Pulverzustand überführt werden. „Warum muss das in so etwas münden?“, sagt Cornelius und raschelt mit der Tüte. Fabian fällt auf, dass „auf der Verpackung fünfmal die Worte Natur und Nachhaltigkeit vorkommen“. Das Kleingedruckte auf der Packung sei „irreführend“. Er stört sich zudem an den Zutaten Aroma und Hefextrakt.
Unilever: Die helfen uns, dem Produkt die Breite und Mundfülle zu geben, den Salzgehalt zu reduzieren und dennoch das gewünschte Geschmacksbild zu erreichen. Die Leute haben Ansprüche an Preis, Haltbarkeit und Geschmack. Wir können nicht alles revolutionieren. Geschmack ist unsere Rezeptur.
Cornelius nimmt noch einen Löffel von der Tütensuppe und fährt fort: Alle reden von Frische, WindowGardening ist der Trend. Warum sollte man sich eine trockene Tüte ins Regal legen?
Unilever: Es besteht halt auch das Bedürfnis nach sofortiger Verfügbarkeit. Sie beide sind die Klientel, die jeden Tag mit frischen Zutaten kochen. Wer kann das heute? Wer hat die Zeit? Wer kann sich das leisten? Es wäre schön, wenn wir die Pressemitteilung rausschicken könnten: Wir machen die Sparte dicht, weil alle nur noch frisch kochen.
Cornelius: Von Ihnen geht ein Bedrohungspotential aus. Ich fühle mich, als ob ich hier einen anderen Planeten betreten hätte.
Unilever: Studien belegen, dass immer weniger Leute kochen. Und wenn, dann mit Lust, Mühe und den dazugehörigen Ritualen. Wir bedienen den anderen Teil, und das kostet unter einem Euro.
Der Koch hat in der Zwischenzeit Nudeln gekocht, Hackfleisch angebraten und ein Päckchen „Knorr fix Spaghetti Bolognese“ darunter gemischt.
Unilever: Das ist unser Bestseller. Davon verkaufen wir in Deutschland 31 Millionen Tüten, das sind fünf für jeden Haushalt. Es wird also gemocht.
Die Langes betrachten und probieren das, was vor ihnen auf dem Teller liegt. Dann beginnen sie zu kritisieren - so dass die Unilever-Leute kaum noch dazwischen kommen.
Fabian: Schlabberig. Da war die Tomatensuppe besser.
Cornelius: Warum nennen Sie das Ganze nicht „Paprika-Hackfleisch-Soße?“ Sie haben eine gesellschaftliche Verantwortung und stellen fahrlässig die Bolognese als italienischen Klassiker zur Disposition.
Fabian: Das ist ein Angriff auf meine Erwartung, was Essen sein soll.
Cornelius: Es geht ja so weit, dass schon Italiener das Gefühl haben, Ihren Geschmack imitieren zu müssen, damit es den Leuten schmeckt. Das ist eine fatale Entwicklung.
Unilever: Sie sagen, wir sollen den Verbraucher erziehen. Dann haut er uns unsere Produkte am Supermarktregal um die Ohren.
Fabian: Aber das hier lehne ich ab.
Unilever: Wir müssten vermutlich sieben verschiedene Varianten herstellen - wir entscheiden uns aber für den Massengeschmack. Das Produkt wird häufig verbessert und stark nachgefragt.
Nun wird der dritte und letzte Gang serviert: ein gebratenes Lachsfilet mit Kräuterschaum und Paprika-Reis, hergestellt mit Hilfe eines Töpfchens der gelartigen „Knorr Bouillon Pur Gemüse“.
Unilever: Die ist in 26 Ländern auf dem Markt und ermöglicht Hobbyköchen gute Ergebnisse. Das ist eine andere Liga als „Knorr fix“, dafür muss man ein bisschen kochen können.
Cornelius: Vom trockenen Pulver zum nassen Würfel, das ist ja schon mal ein Schritt nach vorne.
Unilever: Acht Portionen sind in einer Packung. Die kosten 2,29 Euro, wohingegen sonst viele unserer Produkte weniger als ein Euro kosten.
Die Brüder probieren und begutachten die Verpackung.
Fabian: Das tut nicht so weh.
Unilever: Das ist die moderne Form des Würfels: feiner, milder und mit weniger Salz. Das Gel lässt sich im Gegensatz zum Würfel auch sauber portionieren.
Cornelius: Das hinterlässt einen gewaltigen Strich auf der Zunge. Das ist wie eine Harley beim Kickdown. Für mich hätte die Hälfte der Bouillon gereicht. Nichts für ungut; ich bin eben der Bad Guy von uns beiden.