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Venezuela Süßes gegen die Härten des Lebens

Venezuela gehört zu den Ländern der Welt mit der größten Zahl an Fettleibigen. Doch viele Bewohner haben das noch nicht als Problem erkannt.

© Getty Vergrößern Jumbo, deutsch, polnisch: Diese Hamburger-Verkäuferin in Caracas sorgt dafür, dass ihre Landsleute nicht vom Fleisch fallen

Der Titel „Miss Venezuela“ wird 60 Jahre alt, geschaffen wurde die Auszeichnung ebenso wie das Prädikat „Miss Universum“ 1952. Bis heute hat Venezuela sechsmal eine Miss Universum hervorgebracht - junge Frauen, zurechtgehungert und zurechtgestutzt auf das Gardemaß des nationalen Mythos, 90-60-90. Auf den Straßen des Landes sieht man jedoch immer mehr Frauen von überbordenden Ausmaßen, hineingequetscht in Trainingshosen oder Jeans, in Blusen, die beim nächsten Atemzug ihrer Trägerin zu platzen drohen. Venezuela gehört heute zu den sechs Ländern der Welt mit der größten Anzahl Fettleibiger im Alter von mehr als 15 Jahren. Der Anteil lag 2010 laut „Euromonitor International“ bei 29,6 Prozent der Gesamtbevölkerung. Im Nachbarland Brasilien, das mit dem gleichen Problem kämpft, sind nur etwa 14 Prozent der Bevölkerung fettleibig, 50 Prozent übergewichtig.

Die 57 Jahre alte Berenice Gómez, die selbst 60 Kilogramm in einem halben Jahr heruntergehungert hat und durch eine Fernsehsendung bekannt geworden ist, verweist auf einen „Speckgürtel“ in den besonders heißen Regionen Venezuelas, vor allem in Zulia und im Osten, wo „wenig Sport getrieben, aber viel Bier und süßer Fruchtsaft getrunken wird“. Nach Untersuchungen der Weltgesundheitsorganisation liegt Venezuela auf Platz vier bei der Zahl der Übergewichtigen mit 65,2 Prozent (70 Prozent der männlichen und 61 Prozent der weiblichen Bevölkerung sind übergewichtig, 26 Prozent der Frauen und 23 Prozent der Männer fettleibig). Alarmierend sind vor allem die steigende Zahl fettleibiger Kinder und Jugendlicher und die damit einhergehenden Krankheiten. Die schlimmsten Fälle von Fettleibigkeit mit einem Übergewicht von 45 bis 60 Kilogramm verringern die Lebenserwartung um 15 bis 29 Jahre, so Claudio Navarro, Experte für Bypass-Operationen.

Fetttriefende Fladen zum Frühstück

Viele Venezolaner scheinen an ihrem Körpergewicht gar nicht zu leiden. Sie genießen weiterhin alles, was dick macht. Und dazu gehört neben Süßigkeiten der allgegenwärtige National-Leckerbissen: die Arepa, ein fetttriefender, weil meist in Öl frittierter Maisfladen, der mit Eiern, Tomaten, Rindfleisch, Hühnchen, Schinken, Käse, Wurst oder Krabben gefüllt sein kann und schon beim Frühstück, aber eigentlich den ganzen Tag über gierig verzehrt wird. Ebenfalls schon zum Frühstück, vor allem aber zu den Hauptmahlzeiten, gibt es auch noch eine dicke Suppe aus schwarzen Bohnen (caraotas), die mit reichlich Zucker oder Salz versehen ist.

Fachleute sehen die Ursache der venezolanischen Fresslust in mangelndem Ernährungsbewusstsein. Die Regierung des Präsidenten Hugo Chávez kümmert sich bislang nicht groß um die Gefahr für die Volksgesundheit. Dass auch Chávez massig ist, liegt allerdings an seiner Krebsbehandlung. Art und Ausmaß der Krankheit sind Staatsgeheimnis, ebenso die Verzehrgewohnheiten des Präsidenten. Früher, als er häufiger etwas aus seinem Privatleben preisgab, kokettierte er jedoch damit, dass ihm die Mutter deftige Hausmannskost in den Präsidentenpalast schickt.

Essen ist Teil der Kultur

Lesbia González Gutiérrez, die frühere Präsidentin der Kammer der venezolanischen Ernährungs- und Diätwissenschaftler, schiebt die Schuld auf „die tägliche Süßigkeit, unsere bevorzugte Nahrung“. Viele Menschen griffen aus Stress auf Süßes zurück. „Aber nach 34 Jahren Berufserfahrung weiß ich, dass wir hier dick werden, weil wir alles auf einmal essen anstatt fünf oder sechs Mal am Tag ein bisschen weniger.“ Ausgehungert und mit überhöhtem Insulinspiegel kämen ihre Landsleute zum Abendessen. Wonach sie zuerst griffen, das seien eben Kohlehydrate. Darin pflichtet ihr der Schauspieler Alejandro Chabán bei, der mit seinem Buch „Vom Dicken zum Dandy“ (De gordo a galán) zum Bestsellerautor geworden ist: „Es ist Teil unserer Kultur, jedes freudige oder traurige Ereignis mit Essen und Alkohol zu begehen. Es fehlt an Information über ausgeglichene Ernährung.“ Außerdem gebe es immer noch einen großen Anteil Armer im Land, die sich von Lebensmitteln minderer Qualität ernähren müssten.

Obwohl Chávez immer wieder gegen das „Imperium“ Amerika wettert, scheint er gegen die Existenz der „imperialen“ Fast-Food-Ketten nichts zu haben. Sie sind im ganzen Land zu finden. Im Wahlkampf hingen mancherorts sogar Wahlplakate mit seinem Bild vor diesen Fresstempeln, in denen dem amerikanischen Way of Life mit seinen Auswüchsen gefrönt wird.

Ernährungswissenschaftler fordern Gesetze

Der venezolanische Alltag ist Stress. Die hohe Kriminalitätsrate, die Venezuela zu einem der gefährlichsten Länder macht, trägt dazu bei, dass vor allem Angehörige der Mittelschicht lieber zu Hause bleiben und sich mit Videospielen vergnügen statt Sport zu treiben. Außer Haus legen sie jeden Meter mit dem Auto zurück. Das kann sich zwar jeder leisten, weil Benzin billiger ist als Mineralwasser oder Bier (eine Tankfüllung von 50 Liter kostet etwa zwei Dollar). Doch auch das Autofahren ist der reine Stress. In den Straßen von Caracas und den anderen großen Städten steht man oft stundenlang im Stau. Womit bauen die Venezolaner den Stress ab? Mit süßen Leckereien, mit Arepas, Junk Food, Bier und Whisky.

Bei den Festen zum 15. Geburtstag von Mädchen, einem gesellschaftlichen Ereignis, für das sich manche Familie tief verschuldet, wird von Zuckerwatte bis zu turmhohen Torten alles aufgefahren, was süß ist und dick macht. Die Ernährungswissenschaftler fordern ein Gesetz gegen das „Schrottessen“, die „comida chatarra“. Übergewicht und Fettleibigkeit sollten endlich als Gesundheitsproblem betrachtet werden. Chávez geht mit seiner „bolivarischen Revolution“ gegen Analphabetismus und Armut vor - die Fettleibigkeit als eines der Übel im Lande hat er noch nicht entdeckt.

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Quelle: F.A.Z.

 
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Veröffentlicht: 26.10.2012, 05:20 Uhr

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