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UN-Aids-Direktor Piot „Nicht alle Regierungen sind so fortschrittlich wie Teheran“

28.10.2006 ·  Zehn Jahre UN-Aids: Peter Piot ist von Anfang an Direktor der gegen die Immunschwächekrankheit kämpfenden Organisation der Vereinten Nationen. Im Interview spricht er über Rückschläge und das Musterland Iran.

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UN-Aids ist zehn Jahre alt geworden. Sie sind von Anfang an Direktor der Organisation. Worauf sind Sie besonders stolz?
Daß wir Aids ganz oben auf die politische Tagesordnung in fast allen Ländern der Welt setzen konnten. Das ist der große Unterschied zu 1996. Damals gab es nur wenige Staaten außerhalb Europas und Nordamerikas - darunter Thailand und Uganda -, die sich auf höchster Ebene mit Aids beschäftigten, obwohl damals schon abzusehen war, daß Aids eines der herausragenden Probleme unserer Zeit ist - wie etwa der Klimawandel oder die Massenarmut.

Welches Jahr während dieser Dekade war besonders wichtig?
Das war 2001. Vor zehn Jahren standen den Entwicklungsländern 200 Millionen Dollar für den Kampf gegen Aids zur Verfügung. Im Juni 2001 widmeten sich die Vereinten Nationen erstmals ganz dem Thema Aids und riefen zum globalen Kampf auf. Damit war die Entscheidung gefallen, daß man großzügig gegen die Krankheit vorgehen will. 2002 wurde dann der „Global Fund to Fight Aids, Tuberculosis, and Malaria“ gegründet 2003 hielt Präsident Bush die Rede, in der er 15 Milliarden Dollar für den Kampf gegen Aids zusagte. Daraus wurde 2004 Pepfar - der „President's Emergency Plan For Aids Relief“.

2001 war also finanziell gesehen der Durchbruch.
Auch politisch wurde 2001 viel erreicht. Im Juni 2001 kamen mehr als 40 Staats- und Regierungschefs nach New York, die damit den Kampf gegen Aids zur Chefsache erklärten. Das ist mittlerweile in den meisten Ländern so. Und 2001 einigte sich die Weltgemeinschaft erstmals darüber, wie sie mit Aids umgehen will. Dabei ging es unter anderem um den Zugang zu Aids-Medikamenten. Noch bis 2001 war ja - bis auf Frankreich - kein europäisches Land bereit, Aids-Kranken in der Dritten Welt eine Therapie überhaupt zu ermöglichen.

Waren die Neunziger also verschenkt?
Das nicht. 1996 zum Beispiel wurde während der Weltaidskonferenz in Vancouver verkündet, daß die antiretrovirale Therapie gegen Aids wirkt. Damit veränderte sich alles. Seither sehen wir die Krankheit mit anderen Augen.

Und was war für Sie in den vergangenen zehn Jahren besonders enttäuschend?
Mich ärgert, daß ich immer noch die gleichen Diskussionen über banale Dinge führen muß, über Stigma, Diskriminierung, Homophobie. Es scheint, als gäbe es in dieser Hinsicht kaum Fortschritte. Damit geht einher, daß noch immer einige Länder Präventionsmaßnahmen nicht ergreifen, die von wissenschaftlicher Seite klar als HIV-Schutz anerkannt sind. Wir wissen ganz genau, daß Methadon, weil es nicht gespritzt wird, oder auch der Austausch von Nadeln die Zahl der Neuinfektionen unter Drogenkonsumenten verringert. Deswegen ist es kaum zu verstehen, warum sich ein Land wie Rußland solchen Programmen noch immer widersetzt. Was ist wichtiger: das Überleben von Menschen oder ihre moralische Verurteilung?

Sind nicht sogar in einigen Ländern Rückschritte zu verzeichnen, was die Diskriminierung angeht?
Jedenfalls bedeutet Geschichte nicht unbedingt Fortschritt. Ohne sozialen Wandel geht es nicht. Negativer sozialer Wandel vollzieht sich zur Zeit in osteuropäischen und arabischen Ländern, wo sich die Lage der Frauen verschlechtert. Aber es gibt auch immer mehr Länder, die ihre Anti-Sodomie-Gesetze aufheben. In Indien wird erstmals öffentlich über die Abschaffung der Section 377 im „Indian Penal Code“ debattiert. Die Kriminalisierung Homosexueller geht noch auf die Zeiten Königin Victorias zurück.

Die Neuinfektionszahlen steigen vor allem dort, wo es Diskriminierung gibt.
Ja. Aber es ist auch ein Trugschluß, zu glauben, das Stigma verschwände, sobald sich ein Land intensiv mit der Krankheit auseinandersetzt und zum Beispiel eine Aids-Therapie zur Verfügung steht. Die Diskriminierung ist tief verwurzelt, überall. Darum brauchen wir Kampagnen dagegen, mit denen wir schon in den Schulen anfangen.

Ausgerechnet Iran gilt als Musterland im Kampf gegen Aids. Die Weltgesundheitsorganisation empfiehlt die Islamische Republik sogar als Modell für den Mittleren Osten.
In Iran gibt es eine wachsende Zahl junger Menschen, die Drogen injizieren. Das Rauschgift stammt aus dem Nachbarland Afghanistan und ist beliebt, weil es billig zu haben ist. Die Gefängnisse in Iran sind voll mit jungen Drogenkonsumenten. Die Regierung in Teheran geht allerdings pragmatisch mit dem Problem um: In allen Provinzen werden Methadon-Programme angeboten, auch in den Gefängnissen. Spritzen und Nadeln werden ausgetauscht. Und überall stehen Kondome unentgeltlich zur Verfügung. Ich wünschte, alle Länder in der Region wären dazu bereit.

Berät UN-Aids Iran?
Ja. Wir haben ein Büro in Teheran. Allerdings ist es natürlich weiterhin schwierig, in Iran offen über Sex zu reden, erst recht über Sex zwischen Jugendlichen oder zwischen Männern.

Aids gibt es inzwischen in jedem Winkel der Welt. Seitdem die Krankheit bekannt ist, seit 25 Jahren, steigen die Infektionszahlen. Wie kann die Ausbreitung zum Stillstand gebracht werden?
Der Schutz vor HIV in heterosexuellen Beziehungen ist Männersache. Frauen haben noch immer keine Wahl. Kondome für Frauen werden kaum eingesetzt. Die Feminisierung der Krankheit - im Süden Afrikas sind inzwischen 60 Prozent der Erkrankten weiblich - erfordert es, daß Frauen dieser männlichen Abhängigkeit entkommen. Mikrobiozide, sollten sie auf den Markt kommen, böten diese Chance. Männer würden nicht einmal merken, daß ihre Partnerinnen eine vaginale Substanz als Schutz verwenden. Mikrobiozide könnten der Ausbreitung des Virus zumindest Einhalt gebieten.

Warum aber infizieren sich inzwischen so viel mehr Frauen als Männer?
Dafür gibt es nicht nur biologische Gründe. Man könnte sagen: Frauen sind verwundbarer, und das gleich in doppelter Hinsicht. Eine Vergewaltigung ist in vielen Ländern die erste sexuelle Erfahrung von etwa einem Drittel aller Mädchen. Daran könnten auch Mikrobiozide nichts ändern. Daher müssen wir zum einen die Wissenschaft vorantreiben und nach neuen Therapie- und Präventionsmöglichkeiten suchen. Zum anderen ist sozialer Wandel notwendig.

Seit vergangenem Jahr fällt auch die zweite Generation der Generika unter das „Übereinkommen über handelsbezogene Aspekte der Rechte am geistigen Eigentum“ (Trips). Nachahmerpräparate von Aids-Medikamenten können nicht mehr ohne weiteres gehandelt werden.
Das ist ein großes Problem, da immer mehr Menschen in Therapie sind. Und da sie Resistenzen gegen einige der kombiniert eingenommenen Aids-Medikamente bilden können, sind sie auf Neuentwicklungen der Pharmaindustrie angewiesen. Der rigorose Patentschutz jedoch enthält Aidskranken in Entwicklungsländern nun auch Generika der zweiten, dritten oder sogar schon vierten Generation vor. Auch der Wettbewerb, der die Medikamente preiswerter gemacht hat, fehlt. Darum haben wir mit UN-Generalsekretär Kofi Annan, der Pharmaindustrie und einigen Generika-Herstellern über eine Reduzierung der Preise gesprochen. Genauso haben wir schon einmal unsere Ziele erreicht: Damals habe ich einen Preisnachlaß um 90 Prozent mit der Industrie ausgehandelt. Vom ersten Tag an, sobald ein neues Medikament auf den Markt kommt, sollten zwei Preiskategorien existieren: eine für Industrienationen, eine für Entwicklungsländer. Was wir dann mit den aufstrebenden Nationen wie Brasilien oder Mexiko machen, müssen wir uns noch überlegen.

Teuer sind auch die Diagnostik und die regelmäßigen Untersuchungen der Patienten. Zudem fehlt vor allem in Afrika medizinisches Personal, weil viele afrikanische Ärzte und Krankenschwestern nach Australien, Amerika und Großbritannien auswandern, da sie dort mehr verdienen.
Das ist ein noch viel größeres Problem. Zudem sterben viele an Aids. In Sambia zum Beispiel gibt es inzwischen mehr Krankenschwestern, die an Aids sterben, als Krankenschwestern, die Visa für Großbritannien beantragen. Wir müssen dafür sorgen, daß sie am Leben bleiben. Sie brauchen Aids-Medikamente. Zweitens brauchen sie eine angemessene Bezahlung. In Malawi und Sambia werden Krankenschwestern und Ärzte finanziell unterstützt. Die meisten wollen viel lieber in ihrer Heimat bleiben, wenn sie das nötige Auskommen und einen Arbeitsplatz haben, der ihrer Ausbildung entspricht. Letztlich aber können wir natürlich Migration nicht unterbinden.

Sie wollen immer mehr Aidskranken eine Therapie ermöglichen. Was aber, wenn sich in einem Land die politischen Koordinaten ändern und die Patienten nicht mehr mit Medikamenten versorgt werden können?
Das ist eine meiner großen Befürchtungen. Wir therapieren jetzt 1,6 Millionen Aidskranke in Entwicklungsländern. Sie alle werden auch in einem Vierteljahrhundert noch Medikamente brauchen - wenn es bis dahin keine Heilungsmöglichkeit gibt, wovon wir leider ausgehen müssen. Wer zahlt für die Therapie der womöglich 40 Millionen Patienten, die es jetzt schon gibt? Das betrifft nicht nur die Geberländer wie Deutschland. Wir müssen auch die Entwicklungsländer dazu bringen, daß sie sich beständig um ihre Patienten kümmern können. Übrigens hatten wir während der Hurrikankatastrophe in New Orleans genau damit zu kämpfen: Die Aidskranken in der Stadt hatten über Tage keine antiretroviralen Medikamente zur Verfügung.

Sie reisen mindestens einmal im Jahr nach Berlin, um mit der deutschen Regierung zu reden.
Deutschland hat viel Erfahrung im Kampf gegen Aids. Die Erfolge sind beeindruckend: So gibt es in Deutschland eine der niedrigsten HIV-Prävalenzraten in der ganzen Welt, Die deutsche Regierung hat schon in den achtziger und neunziger Jahren gute und richtige Entscheidungen getroffen.

Und worum ging es in diesem Jahr bei Ihren Gesprächen?
Um die doppelte Präsidentschaft Deutschlands im nächsten Jahr: in der EU und in der G 8. Vor allem die Gruppe der acht spielt eine wichtige Rolle beim Kampf gegen Aids: Sie hat zum Beispiel die Einrichtung des „Global Fund“ im Jahr 2000 initiiert und bei ihrem Treffen in Gleneagles 2005 zugesagt, daß alle Aidskranken bis zum Jahr 2010 eine Therapie bekommen. Aids sollte ganz oben auf der G-8-Tagesordnung bleiben. Es wäre ein verheerendes Signal an den Rest der Welt, wenn dies nicht der Fall sein sollte. Außerdem erwarte ich im nächsten Jahr, daß wir erfahren, was aus den Gleneagles-Versprechungen geworden ist. Zudem ist es an der Zeit, das G-8-Mitglied Rußland stärker in die Pflicht zu nehmen.

Und was erwarten Sie von der deutschen EU-Ratspräsidentschaft?
Zwei Dinge: Mit Gesundheitsministerin Ulla Schmidt habe ich besprochen, daß wir im März 2007 eine Konferenz in Bremen organisieren zum Thema „Aids in Europa“, vor allem Osteuropa. Die EU hat viel für Entwicklungsländer in Afrika getan, aber kaum etwas für die Nachbarländer im Osten, wo sich HIV zur Zeit massiv ausbreitet. Mein zweiter Wunsch ist, daß Aids erstmals Thema eines europäischen Gipfels wird. Man mag es kaum glauben: Überall in der Welt wurde Aids schon auf höchster Ebene thematisiert, die EU hat es noch nie getan - nur auf Ministerebene.

Die Fragen stellte Peter-Philipp Schmitt

Quelle: F.A.Z.
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