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Veröffentlicht: 19.05.2017, 20:43 Uhr

Vereinte Nationen „Aids lässt sich bis 2030 besiegen“

Noch immer gilt der Kampf gegen Aids große Herausforderung. Doch mit Hilfe von Aufklärung und wissenschaftlichen Fortschritt wird ein Sieg immer wahrscheinlicher. UN-Aids-Chef Michel Sidibé über ehrgeizige Ziele und das Vorbild Deutschland.

von
© dpa Die Hoffnung Aids zu besiegen steigt.

Herr Sidibé, UN-Aids will bis 2030 Aids besiegen. Was heißt das?

Peter-Philipp Schmitt Folgen:

Wir befinden uns im Übergang in eine neue Zeit. Die Jahre, als Aids ein Todesurteil war und die meisten Menschen keinen Zugang zu Medikamenten hatten, gehen zu Ende. Die Todesraten sind um 45 Prozent gesunken, 18 Millionen Menschen bekommen eine Therapie, die Neuinfektionszahlen sind zurückgegangen, in immer mehr Ländern bringen HIV-infizierte Mütter dank der Therapie gesunde Kinder zur Welt. Wenn die Weltgemeinschaft jetzt zusammensteht, können wir die Epidemie beenden. Die Zeit ist reif, auch darum haben wir uns ein ehrgeiziges Ziel für 2020 gesteckt: 90-90-90.

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Was steckt hinter den Zahlen?

2020 sollen 90 Prozent der Menschen, die infiziert sind, wissen, dass sie infiziert sind. 90 Prozent der Infizierten, die ihre Diagnose kennen, sollen Medikamente bekommen. Und bei 90 Prozent der Behandelten soll kein Virus mehr nachweisbar sein. Das heißt, sie sind nicht mehr infektiös. Das wäre ein erster Meilenstein, um die Seuche zu besiegen.

Lässt sie sich denn besiegen?

Wenn wir vom Ende von Aids sprechen, heißt das nicht, dass es nach 2030 keine HIV-Infektionen mehr geben wird. Aids soll aber keine Bedrohung für das Gesundheitswesen mehr sein.

Wie viele Menschen leben mit HIV, ohne es zu wissen?

Wir gehen von elf Millionen HIV-Infizierten aus, die ihren Status nicht kennen. Sie zu erreichen ist unsere größte Herausforderung. Darum brauchen wir Aids-Tests, die einfach und schnell sind und zu einer Routine werden. Denn wir müssen jeden HIV-Infizierten möglichst schnell mit antiretroviralen Medikamenten behandeln, damit er sein Virus unterdrücken und nicht weiterverbreiten kann.

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Berlin gehört zu den Städten, die schon 2020 das Ende von Aids erklären wollen.

Berlin hat 2014 mit 120 anderen Städten die Pariser Erklärung unterzeichnet. Damit hat sich die Stadt verpflichtet, unseren Aktionsplan schneller umzusetzen, um als Vorbild zu dienen.

Warum wurde Berlin ausgewählt?

Ich war schon 2006 in Berlin, als ich noch nicht Direktor von UN-Aids war, und ich war beeindruckt davon, wie die Stadt und die Deutsche Aids-Hilfe versuchten, das Schweigen um die Diskriminierung und Stigmatisierung der Hauptbetroffenen-Gruppen zu brechen – von Prostituierten, Drogenbenutzern, Migranten, Männern, die Sex mit Männern haben. Das Angebot an Aids-Tests ist groß, der Zugang zur Aids-Therapie gut. Deutschland könnte so als eines der ersten Länder Aids besiegen.

Gibt es etwas, was Deutschland besser machen könnte?

Noch immer erkranken jährlich 1000 Menschen in Deutschland an Aids, weil die meisten von ihnen nichts von ihrer HIV-Infektion wissen. Es wäre wichtig, diese Menschen frühzeitiger zu erreichen, damit sie andere nicht anstecken können. Außerdem sollte es einen leichten und preiswerten Zugang zur Prep geben. Das würde die Infektionsraten vor allem bei Drogenbenutzern und Männern, die Sex mit Männern haben, reduzieren.

Deutschland begann spät mit der Prep, obwohl man in Amerika sehr gute Erfahrungen mit der Präexpositionsprophylaxe, der vorbeugenden Gabe von Aids-Medikamenten, gemacht hatte.

Prep ist für unser Programm von großer Bedeutung. In Los Angeles oder San Francisco haben sich die Infektionszahlen zum Teil halbiert. Entscheidend ist, dass Prep preiswert zu haben ist.

Was sonst ist wichtig, um Ihr Ziel zu erreichen?

Aids-Tests! Wir müssen noch mehr Menschen auf HIV testen. Und wir dürfen nicht vergessen, dass immer wieder neue Generationen heranwachsen, die wir stets aufs Neue informieren müssen. Aids ist noch immer eine tödliche Infektion, und wir müssen jungen Leuten diese Bedrohung vor Augen führen. Zugleich müssen wir das Stigma, das mit einer HIV-Infektion einhergeht, bekämpfen.

Da scheint es gerade viele Rückschritte zu geben. Homosexuelle und Drogenbenutzer werden wieder kriminalisiert, auch in den Vereinigten Staaten.

Leider. Am Mittwoch, dem Internationalen Tag gegen Homophobie, Transphobie und Biphobie, haben wir daran erinnert, dass es in 73Ländern Gesetze gegen Homosexuelle gibt, in einigen droht ihnen sogar die Todesstrafe. Das ist inakzeptabel. Dagegen müssen wir ankämpfen, die Gesetze verhindern, dass sich Menschen auf HIV testen und behandeln lassen.

In Afrika wurden in den vergangenen Jahren 20 Millionen Männer in 14 Ländern beschnitten, weil damit die Wahrscheinlichkeit steigt, dass sie sich nicht mit HIV infizieren.

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