01.12.2007 · Rose Atibunis hat Aids. Als von ihrer Krankheit erfuhr, beschloss sie, nicht zu schweigen. Im Gegensatz zu vielen anderen in Uganda, die aus Angst, den Job zu verlieren, die Krankheit verbergen.
Von Lisa Nienhaus, BerlinAls Rose Atibunis Mann krank wurde, benahmen sich die anderen Lehrer der Mvara Secondary School in Arua im Nordwesten Ugandas seltsam. Wenn die Kunstlehrerin sich zu den Kollegen setzte, gingen die auf Abstand oder verließen den Raum. Auch die Schüler waren anders. „Sie haben sich unwohl mit mir gefühlt“, sagt Atibuni. „Ihnen war klar, dass mein Mann Aids hatte, sehr krank war, Gewicht verlor.“ Gesprochen wurde darüber nicht. „Das Stigma HIV war da noch sehr stark.“
Damals, 1990, wusste Rose Atibuni noch nicht, dass sie einmal ein erfolgreiches Netzwerk für Frauen mit Aids gründen würde; dass ihr Kampf gegen das Stigma und die Krankheit sie auch international bekannt machen würde; dass sie auch in Deutschland über ihre Erfahrungen berichten würde. 1991 ließ sich Atibuni auf den HI-Virus testen - und erhielt das Ergebnis, dass auch sie HIV-positiv war. Sie beschloss, nicht zu schweigen, im Gegensatz zu vielen anderen in Uganda, die aus Angst, den Job zu verlieren, die Krankheit verbergen. Wenn Rose Atibuni von dieser Zeit erzählt, erwacht sie aus einer inneren Starre, wird lebendig, hebt die Hände, spricht laut, aufgeregt, überzeugt. „Ich wollte der Welt sagen: Ich bin HIV-positiv, na und?“
Sie hatte Glück
Atibuni ging zum Schuldirektor. „Ich sagte ihm, dass ich meine Arbeit weitermachen möchte. Ich sagte, dass es manchmal schwierig werden würde, aber dass ich Unterstützung brauchte.“ Sie hatte Glück. Der Direktor unterstützte sie - und die Kollegen gingen ihr nicht mehr aus dem Weg, sondern zeigten ihre Bewunderung. „Sie sagten: Du bist so stark, Rose, Du bist so mutig.“ Atibuni lacht. „Da wollte ich, dass andere Menschen auch mutig sind. So hat alles angefangen.“
Die Diskriminierung von Aidskranken droht weltweit Fortschritte im Kampf gegen Aids zunichte zu machen.
Im Jahr 1994 gründete sie eine Selbsthilfegruppe für Frauen mit Aids in Arua. „Vor allem wollte ich Hoffnung geben“, sagt Atibuni. „Und Information.“ Sie las viel, arbeitete sich in das Thema ein und kam 1996 in Kontakt mit der Gesellschaft für technische Zusammenarbeit (GTZ). Sie wurde eingeladen, auch in Deutschland über Aids in Uganda zu sprechen. „Wir wollten wachsen, und jetzt wurden wir ernst genommen und unterstützt. Wir wurden sichtbar, auch für örtliche Behörden.“
Last der Frauen
Die größte Last der Krankheit, sagt sie, tragen die Frauen. Sie kümmern sich um die Kranken, auch wenn sie selbst krank sind. Sie kehren nach Hause zurück, wenn ihr Bruder an Aids erkrankt ist, selbst wenn sie verheiratet sind. Atibunis Selbsthilfegruppe wuchs und erhielt ein eigenes Zentrum. Frauen, die selbst den HI-Virus in sich tragen und sich auskennen, sorgen dafür, dass betroffene Frauen die Medikamente einnehmen, dass Schwangere HIV-Tests vornehmen lassen, um Gefahren für das Kind vorzubeugen. „Die Selbsthilfe ist gut, weil Betroffene wissen, wie sie helfen können. Und sie ist günstig, denn sie ist ehrenamtlich.“
Atibuni ist heute die regionale Koordinatorin in der National Community of Women living with Aids. In Arua sind allein 400 Frauen in der Selbsthilfegruppe. „Viele sind gestorben“, sagt Atibuni. Aber es gibt auch große Erfolge. In Uganda ist der Prozentsatz der HIV-Infizierten in der Bevölkerung seit den neunziger Jahren stark zurückgegangen - von mehr als 15 Prozent auf sechs Prozent. In der letzten Zeit gehe es leider nicht mehr weiter nach unten, sagt Atibuni. „Früher gab es drei Punkte, die den Menschen beigebracht wurden: Sei abstinent, sei deinem Partner treu, und benutze Kondome. Doch heute gibt es viele Geldgeber, die den letzten Punkt nicht mehr unterstützten.“ Das gelte vor allem für das Geld aus der Initiative des amerikanischen Präsidenten.
Wenn jemand unbedingt Sex haben wolle, meint Atibuni, dann solle er auch erfahren können, wie er das sicher tue. In der kirchlichen Schule, in der sie weiter im Hauptberuf arbeitet, hat sie den „Straight Talk Club“ gegründet, eine Gruppe, in der offen über Sex geredet wird - für viele in Uganda ein Tabuthema. Rose Atibuni, die nun schon seit 16 Jahren mit HIV lebt, kann viele Erfahrungen weitergeben. Manchmal war es schwer. So ging es ihr im Jahr 2002 gesundheitlich sehr schlecht. „Doch ich habe akzeptiert, dass ich mit diesem Virus leben muss. Ich stelle mir immer vor, dass wir an einem runden Tisch sitzen, der Virus und ich. Ich sage ihm: Okay, ich halte mich fern von bestimmten Dingen. Dann musst du aber auch einige Dinge unterlassen. So ist es bisher gutgegangen.“
Lisa Nienhaus Jahrgang 1979, Redakteurin in der Wirtschaft der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
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