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Übergewicht Wir Fett-Junkies

04.01.2004 ·  Die WHO hat soeben Übergewicht zum Gesundheitsproblem Nummer eins erklärt. Immer deutlicher zeigt sich: Es ist auch ein soziales.

Von Anna von Münchhausen
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Vorsichtig setzt der Dreizehnjährige erst den linken, dann den rechten Fuß auf die Waage. Bei knapp 150 Kilogramm hält der Zeiger zitternd. Kommentarlos nimmt es der Junge hin, scheinbar gleichmütig. Doch die Krankenschwester in der Diabetes-Klinik, die immer häufiger auch junge und jüngste Patienten zu sehen bekommt, stellt strenge Fragen: Was er ißt, wieviel er ißt, ob er Sport treibt - ein einziger Code des Vorwurfs: Wie kommt es bloß, daß du seit der letzten Untersuchung schon wieder zugenommen hast?

Die Mutter des Jungen, gerade einmal fünfzig Kilo leicht, ist verzweifelt bis ratlos. Der Junge esse nur einmal täglich warm, und zwar vernünftig: Gemüse, Reis, Kartoffeln. Warum er immer dicker werde? Ihr ist es ein Rätsel - besonders, da seine Brüder ebenso dünn seien wie sie selbst. Zum wiederholten Mal wird Jimmy von einem Ernährungswissenschaftler nun erläutert, wie wichtig kleine Portionen und viel Bewegung für ihn seien. Jimmy geht - und stolpert beinahe wie von selbst in das Fast-food-Restaurant, das sich - ausgerechnet - im Erdgeschoß der Diabetes-Klinik befindet. Nach seinem Wunsch gefragt, zögert er keine Sekunde: ein Big Mac, einmal Pommes frites und ein Softdrink, "große Portion, bitte".

Heimlichtuerei, Einsamkeit, Verdrängung

Später erzählt er, was er seiner Mutter erfolgreich verschweigt: daß Fast- food-Restaurants so etwas wie sein zweites Wohnzimmer seien, daß er sie oft vor und nach der Schule aufsuche und am Wochenende auch mit Freunden. Er liebt alles, was sie zu bieten haben, und kann davon einfach nicht genug bekommen. Ein Gefühl von Freiheit erfüllt ihn hier, zu wählen, was er mag, und es so zu haben, wie er es liebt.

Jimmys kleine Geschichte umreißt das ganze Drama der Vielfresser: Heimlichtuerei, Einsamkeit, Verdrängung, Lust und Selbstbetrug. Die amerikanische Wissenschaftsautorin Ellen Ruppel Shell berichtet von Jimmy in ihrem jüngsten Buch, einer Geschichte, die manchem Leser auf den Magen schlagen kann: "Fat Wars. The Inside Story of the Obesity Industry" (Atlantic Books, 8,99 Pfund).

Adipositas wird zum Massenphänomen

Drei Jahrzehnte Diät-Hysterie haben keine Erleichterung gebracht. Übergewicht und seine krankhafte Ausformung, Adipositas genannt, werden unter unseren Augen zum Massenphänomen: Nur ein Drittel der Männer in Deutschland bringt Normalgewicht auf die Waage, bei den Frauen ist es etwas weniger als die Hälfte. Seit die WHO 2003 offiziell festgestellt hat, daß nicht der Hunger, sondern das Übergewicht zur "globalen Epidemie" geworden sei, ist wieder die Diskussion darüber entbrannt, wie der Epidemie Einhalt geboten werden kann. Bei einem Body Mass Index (BMI) jenseits von 30 verlangen die Lebensversicherungen inzwischen von einem 25 Jahre alten Kunden bereits einen Zuschlag.

"Tatsächlich taucht Übergewicht bei der Risikoeinschätzung sehr häufig im Rahmen eines sogenannten metabolischen Syndroms auf, das heißt, es kommen weitere Wohlstandsphänomene wie Bluthochdruck, erhöhtes LDL-Cholesterin, Arteriosklerose, Diabetes dazu, die alle bewertet werden", sagt Claudia Mohr Calliet, Sprecherin der Allianz Lebensversicherung. Krankheiten, die auf falsche Ernährung zurückzuführen sind, schlagen 2004 mit 77 Milliarden Euro zu Buche, hat die Gesellschaft für Ernährungsmedizin und Diätetik soeben errechnet.

Auch ein volkswirtschaftliches und soziales Problem

Bislang wurde die Fett-Epidemie vor allem als medizinisches Problem erörtert. Jetzt schält sich heraus, daß es ein volkswirtschaftliches und somit auch ein soziales wird. Von Helmut Kohl, Otfried Fischer und Reiner Calmund mal abgesehen, zeigen abnormes Übergewicht vor allem Menschen aus niedrigen Einkommensschichten. Dicke mögen hier und da noch als heitere Gemütsmenschen durchgehen. Doch weil für seine Figur ja jeder selbst verantwortlich ist, können Fettsüchtige auf Mitleid nicht zählen. Sie haben keine Lobby. Sie finden keine Jobs ("Die Dicke schnauft ja schon, wenn sie zwei Treppen hochsteigen muß"). Sie gelten als träge, undiszipliniert und willensschwach.

Zuviel zu essen, hat allerdings eine andere Logik, als zuviel zu trinken oder zu rauchen. Gewiß hat der maßlose, nie zu stillende Hunger mit Lebensstil, Selbstwertgefühl und psychosozialen Komponenten zu tun. Doch anders als einem Alkoholiker, einem starken Raucher oder einem Drogensüchtigen kann man einem übergewichtigen Patienten das Essen nicht versagen. Strengste Fastenkuren und Null-Diäten sind schließlich keine auf Dauer angelegten Verhaltensregeln.

Magenband soll Hunger verhindern

"Das ist, als würde man einem Alkoholiker eine Flasche hinstellen und von ihm fordern, nur einen Schluck täglich zu trinken", sagt Beate Herbig, Chirurgin am Hamburger Krankenhaus Alten Eichen. Seit vier Jahren operiert sie dort Fettsüchtige mit einem BMI von mehr als 35: Sie setzt ihnen das sogenannte Magenband ein. Ein Gürtel aus Silikon, der den oberen Teil des Magens zuschnürt und dadurch das Fassungsvermögen begrenzt. Für manche die letzte Rettung: Da ist die 45 Jahre alte Mutter zweier Kinder - früher 160, heute 79 Kilo.Ein Kind verlor sie durch eine Krebserkrankung, ein weiteres ist schwerbehindert. Kummer, dem sie sich so ausgeliefert fühlte, daß sie aß und immer weiter aß. Da ist der Geschäftsmann aus Fernost, der jeden erfolgreichen Abschluß mit einem Freßgelage feierte. Intensive Nachsorge dieser Patienten hält Beate Herbig für entscheidend, was den langfristigen Erfolg betrifft. "Man wird zur Ehe-, Berufs- und Lebensberaterin." Und dann sagt die Chirurgin mit der Idealfigur noch einen Satz, der hängenbleibt: "Ich habe großen Respekt vor dicken Menschen, denn sie haben in ihrem Leben häufig ihr eigenes Gewicht abgenommen."

Sogenannte "Sweeter" verfallen allerdings nach der Magenband-Operation häufig auf die List, Tausende von Kalorien in flüssiger Form in sich hineinzuschütten - Haushaltspackungen von Walnußeis, Limonaden, gläserweise Nutella. Der verhängnisvolle Circulus vitiosus: Ich mag mich nicht, also esse ich, und weil ich zuviel esse, mag ich mich nicht... Ruppel Shell ist überzeugt davon, daß Übergewicht in erster Linie eine Frage der genetischen Veranlagung ist. Von wegen: "Bei mir sind es die Drüsen" - so einfach ist die Sache nicht. Stephen O'Rahilly, Endokrinologe und Diabetes-Forscher in Cambridge, sagt zum Beispiel: "Normalgewichtige halten sich selbst für willensstark und diszipliniert. Die Wahrheit ist, daß sie einfach Glück haben." Glück in der Lotterie der Gene. Für die komplizierten Zusammenhänge zwischen Hunger, Sättigung und Gewichtsregulation sind mehr als 200 Gene verantwortlich. Ist die Balance zwischen Über- und Unterfunktion erst einmal nachhaltig gestört, ist es ein Vabanque-Spiel, es wieder herzustellen.

Milliardengeschäft Übergewicht

"Keine Angst ist dem Hunger vergleichbar, keine Geduld kann ihn überwinden, und Abscheu existiert nicht, wo er regiert", heißt es bei Joseph Conrad. Ruppel Shell schildert Diät-Karrieren, assistiert Chirurgen bei wenig appetitlichen Operationen wie Darmverkürzungen und Magenumbauten und schildert die abenteuerliche Suche von Biochemikern, Molekularbiologen und Pharmakologen nach jener Zauberdroge, die den Appetit auf ein Normalmaß stutzt, ohne den gesamten Stoffwechsel durcheinanderzubringen. Es wäre ein Milliardengeschäft.

Noch machen es die Hersteller der Kalorienbomben. Bis zur Mitte der neunziger Jahre dienten die Tabakkonzerne als Feindbild Nummer eins. Diese Rolle haben sie inzwischen an die Fastfood-Konzerne abgetreten. Zwar konnten sie die ersten Klagen von übergewichtigen Teenagern, die ihre Erkrankung auf jahrelangen Genuß von Hamburgern und Pommes frites zurückführten, abschmettern. Doch zumindest in den Vereinigten Staaten könnten dennoch gigantische Schadensersatz-Forderungen auf sie zukommen - "die Frage ist nicht ob, sondern wann", sagt ein New Yorker Anwalt, der sich schon auf entsprechend einträgliche Mandate freut. Analysten stufen bereits Unternehmen herab, deren Produkte mit Übergewicht in Zusammenhang gebracht werden können.
Anfang der siebziger Jahre enthielt eine Tüte Pommes frites bei McDonald's in der Regel etwa 200 Kalorien. Heute sind es 610 - dank des "Largesizing", jenem Konzept der Mega-Portion, zu beobachten nicht nur bei Fritten, sondern ebenso bei Chips, Popcorn, Schokotafeln. Daran ändert auch nichts, daß es bei McDonald's sogar Salat gibt, der von wahren Fast-food-Fans allerdings höchstens als Beigabe geordert wird.

Daß in den Regalen der Supermärkte fast ausschließlich vorgefertigte Nahrung angeboten wird, hält der Frankfurter Kulturwissenschaftler Klaus E. Müller für ein "kulturgeschichtliches Indiz". "Manche Gastrosophen sehen darin das Ideal neuzeitlicher Freiheit verwirklicht: Man kann jederzeit, wo immer man sich gerade befindet, allein oder in Gesellschaft, essen, wonach einem der Gaumen steht." Allerdings habe das Essen auch seine gemeinschaftsstiftende Bedeutung weitgehend eingebüßt. Die einsamen Schlinger können ein Lied davon singen. In Ruppel Shell haben die Dicken ihre Fürsprecherin gefunden - jedem ihrer Zeugen, der ihr sein schweres Los erzählt, gilt ihre Sympathie. Doch so sanft sie mit den Dicken umgeht, so scharf umrissen ist ihre These: Ähnlich wie das Industrieproletariat des 19. Jahrhunderts das Ergebnis unmenschlicher Arbeitsbedingungen war, so büßen die Übergewichtigen heute dafür, daß die aus dem Lot geratene Konsumgesellschaft elementare menschliche Bedürfnisse ignoriert. Sich richtig zu ernähren kostet Zeit und Geld. Billig und schnell verfügbar ist, was fett und satt macht.

Jetzt, so fordert die Amerikanerin, müsse die Gesellschaft die Fett-Epidemie zum Anlaß nehmen, ein "Downsizing" voranzutreiben. Daran wird mancher schwer zu schlucken haben.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 04.01.2004, Nr. 1 / Seite 37
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