29.01.2008 · Wer arm ist, stirbt früher - und wird noch viel früher krank. Um lange fit zu bleiben, braucht man jedoch keine Luxusmedizin: Viel wichtiger sind Bildung und gute Vorbilder, sagt eine neue Studie.
Von Magnus HeierSie heißen Hannah und Philipp Neumann, sind erst zwölf und 14 Jahre alt und die bisher jüngsten Autoren in der Geschichte der renommierten „Deutschen Medizinischen Wochenschrift“. Die beiden Gymnasiasten befragten 729 Mitschüler über deren Ernährung, Bewegung und Freizeitverhalten. Und sie fanden heraus, dass diejenigen ihrer Mitschüler mit guten Noten schlanker sind (oder umgekehrt schlankere Schüler bessere Noten bekommen). Und dass jene Schüler, die viel Zeit vor Fernseher und Computer verbringen, sich deutlich ungesünder ernähren.
In der Vestischen Kinderklinik in Datteln wird offensichtlich, wohin falsche Ernährung und fehlende Bewegung im Extremfall führen. „Obeldicks“ heißt ein Programm, in dem stark übergewichtige Kinder zu einem normalen Essverhalten zurückfinden. „Wir haben hier Kinder, die bei einer Körpergröße von 1,20 Metern über 45 Kilogramm wiegen - und von ihren Eltern eigentlich gar nicht für zu dick gehalten werden“, sagt Thomas Reinehr, Leiter des Programms.
„Wir behandeln nicht nur die Kinder, sondern deren Eltern gleich mit, denn gegen ein schlechtes Vorbild der Eltern kommen Kinder nicht an und Jugendliche nur mit starkem Willen.“ Obeldicks - natürlich ein Wortspiel über den dicken Obelix - dauert ein Jahr: Die Kinder treffen sich ein- bis zweimal wöchentlich zu Bewegungstherapie, Verhaltenstraining und Ernährungskursen. Ein positives Beispiel: „Einer unserer Jungen hatte als Achtjähriger entschieden: Ich trinke jetzt keine Cola mehr und esse nur noch einmal täglich Süßes. Jetzt ist er normalgewichtig und ein sehr erfolgreicher Handballer“, sagt Reinehr.
An zu schlechter Medizin liegt es nicht
Damit hat der Absolvent beste Chancen, gesund ein sehr hohes Alter zu erreichen. Denn die durchschnittliche Lebenserwartung in Deutschland steigt alle zehn Jahre um etwa 2,5 Jahre: Kinder dürfen damit rechnen, bis zu zehn Jahre älter zu werden als ihre Eltern. Aber diese zusätzlichen Lebensjahre sind ungleich zwischen Arm und Reich verteilt: Frauen aus dem untersten Fünftel der Einkommensskala haben hierzulande eine Lebenserwartung von 77 Jahren. Frauen aus dem reichsten Fünftel werden dagegen im Durchschnitt 85 Jahre alt. Bei Männern beträgt der Unterschied sogar 10,8 Jahre (70 statt 81). Die Statistik des Robert-Koch-Instituts lässt eigentlich keine Fragen offen: Ausgewertet wurden Sterbetafeln des Statistischen Bundesamtes und Daten des Sozio-oekonomischen Panels (SOEP), um Einkommen und Gesundheit in Beziehung zu setzen. Das Ergebnis ist eindeutig: Wer arm ist, stirbt früher - und wird noch viel früher krank.
Aber warum profitieren Arme weniger von den Segnungen der modernen Medizin als Reiche? Wieso unterscheidet sich in einer Industrienation mit teurer ärztlicher Versorgung die Lebenserwartung verschiedener sozialer Schichten um Jahrzehnte? Die naheliegende Erklärung, dass Arme eine schlechtere ärztliche Versorgung bekämen, ist falsch. „Wir haben viele diesbezügliche Studien der letzten sechs Jahre analysiert und bei der therapeutischen Medizin außerhalb der Vorbeugung keine größere soziale Ungleichheit festgestellt“, sagt Christian Janßen von der Medizinischen Soziologie der Uniklinik in Köln. An zu schlechter Medizin für Arme liegt es nicht.
Armut macht dick und unbeweglich
Auch fehlende Vorbeugung ist nicht die Ursache: Die Kölner haben festgestellt, dass Männer selten zur Krebsfrüherkennung gehen, fast unabhängig von ihrer sozialen Schicht. Frauen nutzen sie erwartungsgemäß sehr viel konsequenter - auch die aus dem unteren Einkommensdrittel. Andere medizinische Angebote, vor allem die Vorsorgeuntersuchungen im Kindesalter, werden immer besser genutzt, und zwar von allen Schichten.
Die gravierenden Unterschiede in der Lebenserwartung ruhen vor allem auf drei einfachen Säulen: Ernährung, Bewegung und Sucht. Pointiert gesagt: Armut macht dick, unbeweglich und abhängig. Alle drei Faktoren haben wenig mit Geldmangel, nichts mit schlechter ärztlicher Versorgung, aber viel mit ungesundem Verhalten zu tun, sogar vor der Geburt. Denn Frauen aus der unteren sozialen Schicht rauchen und trinken häufiger, auch während einer Schwangerschaft.
Jetzt gibt es erstmals umfassende Zahlen über die Gesundheit von Kindern: Das Robert-Koch-Institut hat für den sogenannten Kinder- und Jugendgesundheitssurvey (KiGGS) zwischen 2003 und 2006 mehr als 17 600 Kinder untersucht und deren Eltern befragt - und die Ergebnisse gerade veröffentlicht.
Kinder aus dem Prekariat ernähren sich falsch
So lässt sich schon bei Kindern ein eindeutiger Zusammenhang zwischen Übergewicht und sozialer Schicht feststellen. Unter den Jungen zwischen elf und 17 Jahren waren 12 Prozent der oberen sozialen Schicht übergewichtig, aber 22 Prozent der unteren Schicht. Bei den Mädchen war der Unterschied noch gravierender: Jedes vierte der unteren Schicht, aber „nur“ jedes zehnte der Oberschicht war zu dick. Die Kinder aus dem Prekariat ernähren sich falsch: zu fett, zu viel, zu beiläufig. Das gemeinsame Mittag- oder Abendessen in der Familie lernt der Nachwuchs häufig überhaupt nicht mehr kennen. Man isst stattdessen, wann immer man Hunger hat, und das, was gerade greifbar ist. Und das in der Kindheit erlernte Verhalten ändert sich im Alter nicht mehr.
Janßen hat die riskanten Verhaltensweisen in einem GRABE-Index zusammengefasst (die Todesassoziation ist beabsichtigt), ein Akronym aus den Begriffen Gewicht, Rauchen, Alkohol, Bewegung, Ernährung. Nur beim Alkohol seien statistisch alle gleich: „Die Menge des konsumierten Alkohols ist unabhängig von den sozialen Schichten - alle anderen Faktoren aber zeigen einen eindeutigen Zusammenhang zur sozialen Schicht“, sagt Janßen. Seine roten Warnlampen sind: ein Body-Mass-Index von über 27,3 (Frauen) und 27,8 (Männer); Raucher zu sein; wenn Frauen mehr als zwanzig Gramm Alkohol pro Tag und Männer mehr als vierzig Gramm konsumieren; weniger als eine Stunde Bewegung am Tag sowie ungesunde Ernährung mit wenig Obst und Gemüse.
Vorbilder anbieten
Und genau diese Faktoren machen krank, führen zu Bluthochdruck, Schlaganfall und Herzinfarkt. „70 bis 80 Prozent aller Todesfälle in den Industrienationen sind lebensstilbedingt, sagt die Weltgesundheitsorganisation (WHO)“, so Janßen. Und der Lebensstil wird schon in den ersten Lebensjahren von den Eltern kopiert.
Wer schon in den entscheidenden ersten Lebensjahren gegensteuern will, muss den Kindern zusätzliche Vorbilder anbieten. Thomas Lampert von der Gesundheitsberichterstattung des Robert-Koch-Instituts plädiert dafür, „vor allem Kindern aus sozial schwächeren Familien schon in den ersten Lebensjahren eine Unterbringung in der Kindertagesstätte anzubieten, so früh und so konsequent wie möglich“. Dann können sich schon die Kleinkinder auch an anderen Vorbildern orientieren. Sie können Erfolgserlebnisse in der Gruppe sammeln, soziale Beziehungen ausprobieren. Und sie können sich schon im Kindergarten an Sport gewöhnen.
Ganztagsschulen tun den Kindern gut
Aber die Früherziehung hört mit dem Kindergarten nicht auf: „Die höchste Zunahme an Übergewicht beobachten wir bei Kindern in der Phase des Übergangs zur Grundschule“, sagt Lampert. Deswegen plädiert er für ein umfassendes Angebot an Ganztagsschulen - um auch hier Einfluss zu nehmen, notfalls auch gegen das Vorbild der Eltern. So könnten Kinder die Begeisterung für Sport in eine unsportliche Familie tragen. Dazu seien vor allem Ganztagsschulen mit guter Betreuung geeignet. Aber nur 23 Prozent aller Grundschulen bieten sie. Und auch diese Zahlen sind geschönt, denn bereits eine siebenstündige Aufsicht an mindestens drei Tagen pro Woche wird von der Kultusministerkonferenz als „Ganztagsschulbetrieb“ anerkannt.
Wichtig wäre aber ein größeres Angebot von Ganztagsschulen, um Mütter zurück in ihren Beruf zu locken. Denn auch das tut Kindern offensichtlich gut. Kinder berufstätiger Mütter sind seltener psychisch auffällig, auch wenn sie aus Familien der unteren Einkommensschichten stammen. Die Ursache liegt vermutlich darin, dass diese Kinder fast immer in Kitas, Kindergärten oder Ganztagsschulen untergebracht sind und ihnen diese Betreuung guttut. Wahrscheinlich auch gesundheitlich. Wer möchte, dass seine Kinder ohne Krankheiten alt werden, muss schon Kleinkindern ein gesundes Leben beibringen. Oder beibringen lassen.