Home
http://www.faz.net/-guw-776jf
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, BERTHOLD KOHLER, GÜNTHER NONNENMACHER, FRANK SCHIRRMACHER, HOLGER STELTZNER

Tumordiagnostik Jack und der Krebs

 ·  Mit fünfzehn Jahren soll ein Teenager einen Krebstest erfunden haben, der schneller und billiger ist als bisherige Verfahren. Ein Geniestreich oder ein ziemlich guter PR-Gag?

Artikel Bilder (2) Lesermeinungen (10)
© Intel Die Freude des Jungforschers: Jack Andraka (Mitte) wird für seinen Frühtest mit einem Preis geehrt.

Die Geschichte ist genial. Sie handelt von einem 15 Jahre alten Schüler aus Maryland, der die Krebsdiagnostik revolutioniert hat. Sein Name ist Jack Andraka, er hat das Mondgesicht eines Teenagers und eine Frisur, die der Sänger Justin Bieber vor fünf Jahren trug. Bis vergangenes Jahr war Jack Andraka ein ganz normaler Nerd. „So nennen mich jedenfalls meine Mitschüler“, sagt er am Telefon. In seiner Freizeit faltete er Origami und nahm an Mathematikwettbewerben teil. Dann kam die Sache mit dem Bauchspeicheldrüsenkrebs.

Heute wird Andraka in den Vereinigten Staaten als Einstein Junior gehandelt. Er hat einen Frühtest für Bauchspeicheldrüsenkrebs erfunden und dafür einen wichtigen Preis für Nachwuchsforscher gewonnen, den mit 75 000 Dollar dotierten „Gordon E. Moore“-Preis von Intel. Seither wird er als Genie gefeiert, gibt der BBC und der Zeitschrift „Forbes“ Interviews, wird ins Weiße Haus geladen und plauscht mit dem Präsidenten. „Das ist alles ziemlich cool“, sagt der heute Sechzehnjährige, eben ist er aus der Schule gekommen.

Die Geschichte beginnt mit einer privaten Tragödie

Jacks Geniestreich besteht aus einem Papierstreifen, mit dem man den Mesothelin-Spiegel eines Menschen messen kann. Mesothelin ist ein Protein, eine erhöhte Konzentration im Blut oder Urin kann ein Anzeichen für bösartige Tumore in der Bauchspeicheldrüse sein; auch bei Lungen- und Eierstockkrebs kommt das Eiweiß vor. Als Krebsmarker wird Mesothelin schon im bislang geläufigen Verfahren genutzt, dem Elisa-Test. Der ist aber aufwendig und teuer. Jack Andrakas Methode, bei der ein Antikörper an Nanokohlenstoffröhrchen gedockt wird, ist nach seinen Angaben 168 Mal schneller, 26.000 Mal billiger und zu annähernd hundert Prozent präzise.

“Wenn das stimmt, ist es schon ein großer Erfolg“, sagt der Heidelberger Pankreas-Spezialist Jens Werner. Speziell was den Bauchspeicheldrüsenkrebs betrifft, eine hinterhältige Krebsart, für die es noch keine zuverlässige Früherkennungsmethode gibt. Erst zu einem sehr späten Zeitpunkt bemerkt der Betroffene Symptome, dann ist es oft zu spät für eine Heilung.

Es ist nicht so, als wäre Jack die Idee, in die Krebsforschung einzusteigen, zwischen Hausaufgaben und Papierkraniche-Falten gekommen. Die Geschichte spinnt sich vielmehr aus einer privaten Tragödie: Ein enger Freund der Familie - Jack nennt ihn „Onkel“ - stirbt plötzlich an Bauchspeicheldrüsenkrebs. Der Junge beginnt zu recherchieren, stellt fest, dass die Verfahren zur Diagnostik von Pankreaskrebs kompliziert sind, und, so sagt er auf der Internet-Konferenz Tedx in San Diego: auch noch „älter als mein Dad“. Er will mehr wissen und stöbert im Netz nach wissenschaftlichen Artikeln.

„Krebsforschung ist nicht so easy“

Im Biologieunterricht will er einen Text über die Einsatzmöglichkeiten von Kohlenstoffnanoröhrchen in der Medizin gelesen haben - klammheimlich unter dem Tisch. Dann nimmt er in der Klasse Antikörper durch, Stoffe, die Proteine binden können, wie das Krebs-Eiweiß Mesothelin, das vermutlich auch im Blut seines Onkels in großen Mengen schwamm. Jack kombiniert sein Wissen über Kohlenstoffnanoröhrchen und Antikörper, schreibt ein Exposé und schickt es an zahlreiche Wissenschaftler der renommierten Johns-Hopkins-Universität in Baltimore, die eine halbe Autostunde von dem Zweitausend-Seelen-Nest Crownsville entfernt ist, in dem er mit seiner Familie lebt. Es klingt mühsam wie die biblische Herbergssuche: 200 Anfragen habe er verschickt, 199 Absagen bekommen.

Der Pankreas-Spezialist Anirban Maitra gibt dem Teenager die Chance, seine Ideen weiterzuentwickeln. Maitra lässt ihn im Labor der Uni tüfteln, wohin seine Mutter ihn jeden Tag nach der Schule fährt. „Sie holte mich auch ab, manchmal um zwei Uhr nachts“, erinnert sich Jack. Nach sieben Monaten habe er endlich brauchbare Ergebnisse produziert. „Krebsforschung ist nicht so easy“, bemerkt der Junge etwas altklug während seines Vortrags in San Diego, der auf seiner Facebook-Seite zu sehen ist.

Auf der Bühne zeigt er die rhetorischen Qualitäten und den trockenen Humor eines Showmasters. Performance sei sein Ding, gibt er zu. Er habe schon früh im Musiktheater mitgespielt, das präge. Der Alleskönner kokettiert gern, wenn er auf die ersten Schritte seiner Forschung zu sprechen kommt: „Zuvor wusste ich gar nicht, dass ich so etwas wie eine Bauchspeicheldrüse habe.“ Weniger erwachsen präsentierte sich Jack, als er mit dem hochdotierten Intel-Preis geehrt wird. Da flippte er aus, lief kreischend auf die Bühne und fiel auf die Knie.

Der Test muss Überprüfungen standhalten

Mittlerweile fährt Jack zu internationalen Konferenzen und sitzt in Talkshows. Einige seiner mehr als 5000 Facebook-Freunde haben ihn schon zum Kandidaten für den Nobelpreis gekürt. In der Zwischenzeit durchläuft sein Krebstest das Patentierungsverfahren. Die Details seiner Methode sind noch unter Verschluss. Wie bedeutsam Andrakas Erkenntnisse sind, bleibt zum jetzigen Zeitpunkt unklar. „Der Clou sind wohl die Kohlenstoffnanoröhrchen, die im Teststreifen zum Einsatz kommen sollen“, sagt der Heidelberger Spezialist Werner. Die bisher veröffentlichten Informationen legten nahe, dass mit der Nanotechnologie in Kombination mit dem auch noch nicht näher benannten Antikörper schon eine vergleichsweise geringe Konzentration von Mesothelin aufzuspüren sei als bislang. Jacks Test könnte also eine höhere Sensitivität aufweisen als der Elisa-Test, Tumore in der Bauchspeicheldrüse könnten früher erkannt werden.

Fraglich ist laut Werner, ob das Verfahren des Schülers zwischen gut- oder bösartigem Gewebe differenzieren könne. „Auch bei Entzündungen ist der Mesothelinspiegel erhöht, dafür müssen nicht immer bösartige Tumore verantwortlich sein“, sagt der Krebsforscher. Ist die Sensitivität eines Tests hoch, seine Spezifität aber gering, könnte Patienten fälschlicherweise die Diagnose Krebs gestellt werden. Auch bilde sich nicht bei jeder Art von Bauchspeicheldrüsenkrebs das Eiweiß Mesothelin aus. Der Test müsse Überprüfungen standhalten. An einen PR-Gag glaubt Werner indes nicht. An der Johns- Hopkins-Universität habe man das Thema Bauchspeicheldrüsenkrebs höchstens geschickt lanciert, über den Jungen namens Jack. Johns Hopkins ist eine der renommiertesten Forschungsstätten der Welt. Ein perfektes Fahrwasser für einen ambitionierten Jungforscher.

Der Junge hat indes andere Pläne. „Entweder werde ich Unternehmer oder Politiker“, sagt er. Derzeit engagiert er sich für den freien Zugang zu wissenschaftlichen Artikeln im Netz. „Stellen Sie sich vor, alle Menschen hätten Zugriff auf das gesammelte Wissen der Welt“, raunt er durch das Telefon. „Dann hätten alle die Chance, eine Entdeckung zu machen, Krebs zu heilen.“ Mit 16 wird man ja noch träumen dürfen.

  Weitersagen Kommentieren Merken Drucken
Weitersagen
Themen zu diesem Artikel