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Telemedizin : Zum Arzt, ohne zum Arzt zu gehen

Telemedizin wird Alltag in Deutschland. Reine Ferndiagnosen sind aber (noch) verboten. Bild: F.A.S.

Telemedizin ist auch in Deutschland schon Alltag: Herzschrittmacher senden Patientendaten an Praxen, Mediziner tauschen sich virtuell über Symptome aus. Reine Ferndiagnosen sind aber verboten. Wie lange noch?

          Was in der Schweiz so alles geht. Einfach eine Telefonnummer wählen, Krankheitssymptome schildern, vielleicht noch ein Foto der entzündeten Augen oder der wunden Haut per E-Mail nachliefern. Auf den Rückruf eines Arztes warten, Behandlung besprechen, eventuell ein Rezept bekommen. Es zahlt: die Krankenkasse. Funktioniert an sieben Tagen in der Woche. Rund um die Uhr.

          Florentine Fritzen

          Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Wolfgang Loos findet „Medgate“ super. So heißt das Schweizer Unternehmen, das medizinische Versorgung per Telefon, Internet und Video anbietet. Loos’ Begeisterung ist wenig verwunderlich, schließlich ist er der Geschäftsführende Vorstand der „Deutschen Gesellschaft für Telemedizin“. Aus seiner Sicht hinkt die Medizin hierzulande anderen Ländern hinterher, wenn es darum geht, Entfernungen mit Hilfe von Telekommunikationsmedien zu überwinden.

          Entscheidungsträger wollen nichts ändern

          Sprich: Das deutsche System klammert sich seiner Ansicht nach zu stark an den Gedanken, der Arzt müsse dem Patienten unbedingt gegenübersitzen. Von Angesicht zu Angesicht mit ihm sprechen. In die Augen schauen. Oder in den Hals. Wobei Verfechter der Telemedizin meinen, dass es den Entscheidungsträgern in diesem System eigentlich gar nicht so sehr um die Aura des Arztberufs geht oder um den Seelenfrieden der Patienten. Sondern um Pfründen, Kosten, oder schlicht darum, nichts ändern zu müssen.

          Loos, selbst nicht Arzt, sondern Politikwissenschaftler, sagt: Es ist ungerecht, dass die Telemedizin in Deutschland so dümpelt. Ungerecht den Leuten auf dem Land gegenüber. Denn dort fehlen Ärzte, vor allem Fachärzte – ein Problem, das sich in den nächsten Jahren verschärfen wird. Genau wie die Tatsache, dass auf dem Land immer mehr Alte und damit auch immer mehr Kranke wohnen. Und so ist sich Loos sicher: „Die demographische Entwicklung wird die Telemedizin auch im ambulanten Bereich erzwingen.“ In manchen Kliniken ist sie schon Alltag. Und viele Mediziner schließen sich längst per Videoschalte mit Kollegen in anderen Städten oder Staaten kurz.

          „Telemedizin hat Zukunft, aber nicht bei mir“

          Niedergelassene Ärzte aber können nicht einfach eine virtuelle Sprechstunde anbieten. Das verhindert das sogenannte Fernbehandlungsverbot: Ärzte dürfen Patienten nicht ausschließlich über Telemedien beraten, sondern müssen sie auch unmittelbar sehen. So steht es in Paragraph 7 der Berufsordnung. Loos meint, es sei „längst überfällig“, die Regelung „der aktuellen Entwicklung anzupassen“.

          Franz Bartmann aus dem Vorstand der Bundesärztekammer ist da zurückhaltender: Er hält „gewisse Restriktionen zur Zeit noch für sinnvoll“. Telemedizin dürfe nicht dazu dienen, Abrechnungstatbestände zu schaffen, ohne dass der tatsächliche medizinische Zusatznutzen nachgewiesen sei. Außerdem hätten gerade niedergelassene Kollegen oft Vorbehalte: „Viele sagen, Telemedizin hat Zukunft, aber nicht bei mir.“ Doch der Chirurg Bartmann, zugleich Präsident der Landesärztekammer Schleswig-Holstein, sagt auch: „Sobald Patienten einen Vorteil für sich erkennen, werden sie diese Form der Behandlung einfordern. Dann ist es an der Zeit, über den Paragraphen neu nachzudenken.“ Sobald aber als erwiesen gilt, dass die Telemedizin den Patienten nutzt, steigt der Druck auf die Krankenkassen, sie zu vergüten.

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