16.03.2006 · Nach der lebensbedrohlichen Erkrankung von sechs Menschen bei der Erprobung eines neuen Medikaments hat der deutsche Hersteller TeGenero seine „Erschütterung“ ausgedrückt. Britische Medien schildern derweil die Leiden der Testpersonen.
Nach der lebensbedrohlichen Erkrankung von sechs Menschen bei der Erprobung eines neuen Medikaments hat der deutsche Hersteller TeGenero AG sein Bedauern über den Vorfall ausgedrückt.
TeGenero habe sich bei den Angerhörigen der erkrankten Testpersonen entschuldigt, sagte der wissenschaftliche Leiter der Firma, Thomas Hanke, in London. Die nun eingestellten Tests hätten jedoch den Vorschriften entsprochen. Zwei der Patienten schwebten am Donnerstag nach Klinikangaben weiter in Lebensgefahr. Der Zustand der übrigen Männer war „ernst“. Die Polizei beschlagnahmte die Testunterlagen. Das Medikament habe vor der Erprobung keine ungünstigen Nebenwirkungen gezeigt und die Tests seien vorschriftsmäßig gewesen, beteuerte Hanke.
TeGenero zeigt sich „erschüttert“
Die ersten Versuche mit dem Medikament TGN1412 hätten 1997 begonnen, seit 2000 sei es weiterentwickelt worden. Mit der klinischen Studie hatte das Würzburger Unternehmen die amerikanische Firma Parexel International beauftragt, die auf solche Untersuchungen spezialisiert ist. TeGenero sei „erschüttert“ über die „erschreckenden Entwicklungen“ und habe die Tests gestoppt, sagte Hanke. In der britischen Zeitung „The Times“ kritisierten Ärzte indes, die Klinikstudie des Medikaments habe nicht den höchsten medizinischen Standards entsprochen, weil es allen Probanden gleichzeitig gegeben worden sei. Diese Praxis sei „schwer zu steuern“ und risikoreich.
An dem Test hatten acht gesunde Männer freiwillig gegen Bezahlung teilgenommen. Die sechs Erkrankten wurden auf der Intensivstation des Northwick-Park-Krankenhauses in London behandelt. Laut BBC versagten mehrere Organe. Nur zwei Testpersonen blieben beschwerdenfrei, da sie als Vergleichspersonen wirkstofffreie Placebos bekommen hatten.
„Sein Kopf schwoll fast auf das Dreifache an“
In britischen Medien wurden die Leiden der Patienten geschildert: „Zuerst rissen sie sich ihre Hemden vom Leib und klagten über Fieber, dann schrieen sie, daß ihr Kopf sich anfühlt, als würde er explodieren“, berichtete der 23 Jahre alte Raste Khan, der als Vergleichsperson an den Tests teilgenommen hatte, der Boulevardzeitung „The Sun“. Danach hätten sie sich übergeben, in ihren Betten gewunden und seien in Ohnmacht gefallen. Die 24 Jahre alte Jo Brown sagte der Zeitung, ihr Schwager, der 21 Jahre alte Installateurlehrling Ryan Wilson, sei so von Schmerzen gequält worden, daß er gebeten habe, ihn in Schlaf zu versetzen. „Sein Kopf schwoll fast auf seine dreifache Größe an“, berichtete Brown laut „Sun“ weiter. Myfanwy Marshal sagte dem britischen Sender BBC, ihr 28 Jahre alter Freund sehe nach der Testteilnahme wie ein „Elefantenmann“ aus.
Die Ursachenklärung des schrecklichen Vorfalls wird offenbar noch einige Zeit beanspruchen. Dies sei keine Sache von Tagen, sondern von Wochen, sagte eine Sprecherin der britischen Regulierungsbehörde für Medikamente (MHRA) am Donnerstag. Die Londoner Polizei beschlagnahmte neben den Testunterlagen auch Proben des Medikaments, das gegen Autoimmunkrankheiten wie Multiple Sklerose, rheumatische Athritis und bestimmte Krebsarten wirken sollte.