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Ambulante Versorgung : Geht doch heim!

  • -Aktualisiert am

Manche Krankenhausaufenthalte lassen sich nicht vermeiden. Doch wer ist schon gerne im Krankenhaus? Bild: dpa

Niemand liegt gerne in der Klinik. Deshalb arbeiten Wissenschaftler und Ärzte daran, Verfahren zu entwickeln, die die ambulante Versorgung und Behandlung zuhause ermöglichen.

          Für Schwangere, denen eine Fehlgeburt droht, wäre es eine große Erleichterung: Statt Wochen, manchmal sogar Monate in einem Krankenhausbett zu liegen, angeschlossen an diverse Überwachungsgeräte, und zu warten, dass sich das Kind trotz des Risikos gut entwickelt, könnten sie ihre Zeit zu Hause verbringen. Auf dem Sofa vielleicht oder im Bett, aber immerhin in ihren eigenen vier Wänden, statt in der anonymen Umgebung eines Krankenhauses.

          Genau diese Möglichkeit will Todd Coleman, ein amerikanischer Professor für Bioingenieurwesen an der University of California San Diego, Tausenden Frauen weltweit gerne eröffnen. Mit Hilfe eines kleinen Pflasters. Es ist durchsichtiger als herkömmliche Pflaster und optisch gepickt mit kleinen braunen Vierecken. Colemans Pflaster ist in etwa so dick wie ein menschliches Haar, stört beim Tragen also kaum – wahrscheinlich sogar fast weniger als die bekannten dicken Pflaster etwa für Schnittwunden.

          Arzt kann Patientin aus der Ferne überwachen

          Seit mehreren Jahren schon tüftelt Coleman mit seinen Kollegen aus den Biowissenschaften und einigen Materialwissenschaftlern an diesem Pflaster und der Idee dahinter herum. Die braunen Vierecke sind Computerchip und Solarzellen, die sie in das Pflaster integriert haben. Der Chip wird über die winzige Solarzelle mit Strom versorgt und zeichnet je nach Körperstelle, auf die das Pflaster geklebt wird, verschiedene Daten auf. Im Fall einer Schwangeren etwa den Herzschlag der Mutter oder des ungeborenen Kindes, die Bewegungen des Embryos oder auch plötzlich auftretende Wehen.

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          Der Chip ist außerdem in der Lage, die aufgezeichneten Daten kabellos an den Computer des behandelnden Mediziners zu übertragen. Auf diese Daten kann der Arzt dann zugreifen und seine Patientin überwachen, ganz ohne ihr persönlich zu begegnen. Genutzt wurde das Pflaster bislang nur in Tests, parallel zu herkömmlichen Untersuchungsmethoden wie etwa einem Wehenschreiber. Wann und ob es demnächst auch erstmals als alleiniges Mess- und Überwachungsinstrument für zu Hause zum Einsatz kommen kann und was es einmal kosten wird, ist noch völlig unklar.

          Krankenhauspatienten belasten das System

          Für Todd Coleman sind Entwicklungen wie diese jedoch die Zukunft der Medizin. Mit Hilfe eines derart kleinen Überwachungsgerätes, so hofft er, könnten Ärzte künftig auch Menschen mit anderen gesundheitlichen Risiken zu Hause überwachen, statt sie ins Krankenhaus zu verlegen: Herzpatienten beispielsweise oder ältere Menschen mit verschiedenen gesundheitlichen Problemen – Diabetes, Bluthochdruck, Herzinsuffizienz. Schlägt das System Alarm, kann der Arzt sofort Kontakt mit seinem Patienten aufnehmen und im Ernstfall einen Krankenwagen losschicken.

          Auch wenn es sicher noch eine Weile dauern wird, bis derartig winzige Minicomputer in Form von Pflastern zum Einsatz kommen, arbeiten Ärzte aller Fachrichtungen weltweit seit Jahren an Methoden, um Patienten möglichst ambulant statt stationär zu behandeln. Dafür gibt es zwei entscheidende Gründe: Zum einen liegt eben niemand gerne im Krankenhaus, und zum anderen belasten Krankenhauspatienten das Gesundheitssystem. Denn ihre Versorgung kosten viel Geld. Sie möglichst schnell wieder nach Hause zu schicken schont unser aller Portemonnaie.

          Krebspatient kann Chemotherapie meist zuhause verbringen

          Dirk Jäger leitet die Abteilung für Medizinische Onkologie am Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen in Heidelberg und beobachtet den Trend zur ambulanten Versorgung schon lange: „In der Onkologie hat sich in den vergangenen zehn bis fünfzehn Jahren so viel getan, dass wir heute rund neunzig Prozent der Krebspatienten in unserer Klinik ambulant behandeln können“, sagt Jäger. Die restlichen zehn Prozent seien Patienten, die beispielsweise wegen einer größeren Operation, einer aufwendigen oder risikoreichen Therapie mit möglicherweise starken Nebenwirkungen oder wegen der Teilnahme an einer Studie stationär aufgenommen werden müssten.

          Die Nachversorgung ist bei einer stationären Behandlung in den meisten Fällen besser.

          Dass so ein großer Teil von Jägers Patienten heute ambulant behandelt werden kann, ist der Tatsache geschuldet, dass Chemotherapien bis heute so weiterentwickelt werden konnten, dass sie besser verträglich sind und deutlich weniger Nebenwirkungen haben. „Der klassische Krebspatient kommt heutzutage zur Behandlung rund fünf bis sechs Stunden in unsere Klinik, erhält seine Therapie und kann dann wieder gehen“, sagt Jäger. Selbst schwerstkranke Patienten im Endstadium ihrer Krankheit können durch die Entwicklung der spezialisierten ambulanten Palliativversorgung häufig zu Hause behandelt und gepflegt werden.

          Lizenzvergabe macht Probleme

          Bevor ein Krankenhaus Patienten in Deutschland ambulant behandeln darf, muss es jedoch eine Hürde überwinden: Es braucht eine sogenannte Ambulanzlizenz von der Kassenärztlichen Vereinigung. Darin sind die niedergelassenen Ärzte der jeweiligen Region organisiert. Immer wieder kommt es vor, dass diese versuchen zu verhindern, dass Krankenhäuser eine solche Lizenz bekommen – aus Angst, mit dieser Lizenz könnten Kliniken ihnen einen Teil ihrer Patienten wegnehmen. Sogar renommierten Kliniken passiert es, dass sie auf Grund des Widerstands niedergelassener Kollegen keine Ambulanzlizenz bekommen. Ein Resultat des streng getrennten dualen Systems in Deutschland.

          Den Krankenkassen kommen solche Streitereien häufig entgegen, denn niedergelassene Ärzte rechnen anders ab als Krankenhäuser: Wird ein Patient von einem niedergelassenen Arzt statt von der Klinik versorgt, ist das für die Kasse günstiger.

          Nachbetreuung ist oft schlechter

          Durch die Entwicklung von minimalinvasiven Methoden besonders in den vergangenen zehn Jahren können auch immer mehr Operationen ambulant durchgeführt werden. Minimalinvasiv bedeutet, dass nur ein winziger Hautschnitt gemacht wird; mit hochmodernen, kleinen Instrumenten und Kameras führt der Arzt dann den Eingriff durch.

          Die Patienten können die Klinik meist schon wenige Stunden danach zusammen mit einer Begleitperson verlassen. Für Birgit Seelbach-Goebel, Direktorin und Chefärztin der Klinik für Frauenheilkunde und Geburtshilfe am Krankenhaus Barmherzige Brüder in Regensburg, ist die Entwicklung hin zu mehr ambulanten Behandlungen und Eingriffen jedoch nicht ausschließlich positiv: „Die Nachbetreuung ist meiner Meinung nach automatisch schlechter, wenn wir Patienten sofort wieder nach Hause schicken. Natürlich kommen sie zur Nachkontrolle, aber die ist längst nicht so engmaschig wie die stationäre Überwachung vor Ort im Krankenhaus.“

          In anderen Ländern gibt es viele ambulante Operationen

          Ambulante Behandlungen gab es zwar schon immer, gerade das ambulante Operieren ist jedoch keine Selbstverständlichkeit. In Deutschland ist es erst seit 25 Jahren überhaupt erlaubt. Mit dazu beigetragen, dass dies möglich wird, hat neben den minimalinvasiven Eingriffen auch die permanente Verbesserung von Narkosemitteln. Im Vergleich zu früher sind diese Medikamente heute deutlich besser verträglich und verursachen seltener starke Nebenwirkungen. Gerade nach einer kurzen Narkose sind Patienten, die ansonsten gesund sind, in der Regel schnell wieder fit.

          Inzwischen können viele Schwangere mit vorzeitigen Wehen auch vorerst wieder nachhause.

          Inzwischen werden rund 37 Prozent aller Operationen in Deutschland ambulant durchgeführt. Im Vergleich zu anderen Ländern ist das eher wenig; in den Vereinigten Staaten und in England sind es rund 80 Prozent. Dazu kommt, dass die Deutschen im europäischen Vergleich deutlich länger im Krankenhaus liegen als Patienten in Nachbarländern: Laut einer Studie der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung in Europa aus dem vergangenen Jahr verbrachten die Deutschen im Jahr 2014 rund neun Tage im Krankenhaus. Die Dänen hingegen nur 4,3.

          Stationäre Aufnahme ist oft nicht nötig

          Was ambulant operiert werden darf, entscheidet in Deutschland jedoch nicht jeder Arzt nach eigenem Ermessen. Stattdessen legen wissenschaftliche Einrichtungen wie das Robert-Koch-Institut regelmäßig aktualisierte Kataloge vor, in denen genau festgeschrieben ist, was ambulant operiert werden darf und wann ein Patient stationär aufgenommen werden muss. Zu den besonders häufigen ambulanten Eingriffen zählen laut Tamara Dietze vom Bundesverband Ambulantes Operieren in Berlin kleinere chirurgische Eingriffe bei Kindern und Augenoperationen, mit denen meist bei älteren Menschen der sogenannte Graue Star – eine Trübung der Linse – behoben wird. Ganz genaue Zahlen darüber, wie häufig in welchem Fachbereich ambulant operiert wird, gibt es jedoch nicht, da sie nirgends zentral gesammelt werden.

          Die Münchner Gesundheitsökonomin Leonie Sundmacher hat 2015 in einer Studie berechnet, dass mehr als 3,7 Millionen Krankenhausfälle in Deutschland bei einer guten Versorgung auch ambulant behandelt werden könnten. Das entspricht einem Fünftel der stationären Behandlungen in deutschen Krankenhäusern. Sundmacher hat eine Liste mit Diagnosen erstellt, bei denen aus ihrer Sicht eine ambulante Versorgung möglich wäre. Nach ihren Berechnungen kosten die vermeidbaren stationären Behandlungen die Krankenkassen jedes Jahr rund 7,2 Milliarden Euro.

          Mikrochip kann Blut überprüfen

          Neben ambulanten Operationen und Behandlungen versuchen deutsche Forscher und Ärzte, ähnlich wie der amerikanische Bioingenieur Todd Coleman, Methoden weiterzuentwickeln, die eine Ferndiagnose und -überwachung möglich machen. Wissenschaftler des Fraunhofer Instituts für Angewandte Informationstechnik haben vor einiger Zeit unter anderem in Zusammenarbeit mit der Charité Berlin ein System vorgestellt, das die Gesundheit älterer Menschen in ihrer Wohnung überwachen kann. Mit Einmalkartuschen können sich die Patienten mit einem kleinen Piks einen Tropfen Blut abnehmen. Die Kartusche ist mit einem Mikrochip ausgestattet, der wiederum in der Lage ist, Blutzucker-, Lactat- oder Cholesterolwerte zu messen. Per verschlüsselter Verbindung werden die Untersuchungsergebnisse an den behandelnden Arzt gesandt.

          Darüber hinaus ist das System beispielsweise mit einem Blutdruckmessgerät ausgestattet und sendet auch diese Ergebnisse direkt an den Arzt. Über eine zugehörige App bekommt der Patient seine Werte und die Diagnose des Arztes zugeschickt.

          Durchsetzung erst in der Generation Smartphone?

          Auf dem Markt ist das Gerät jedoch noch nicht, und bevor es so weit kommen kann, müssen mindestens zwei Probleme gelöst werden: Gerade ältere Menschen, für die solche Methoden auf Grund ihres häufig schwächeren Gesundheitszustandes maßgeblich in Frage kommen, wissen häufig nicht, wie sie richtig mit derartiger Technik umgehen. Durchsetzen werden sich solche Systeme deshalb wohl erst dann, wenn diejenigen ins Rentenalter kommen, die mit Smartphones und Tablets aufgewachsen sind.

          Mikrochips, die das Blut untersuchen? Die entwickelten Geräte werden wohl erst mit der „Generation Smartphone“ eingesetzt werden.

          Viele Menschen fürchten außerdem, dass ihre Gesundheitsdaten bei digitaler Übertragung in falsche Hände gelangen könnten. Das Vertrauen der Patienten gewinnen werden Hersteller solcher Systeme deshalb nur, wenn sie glaubhaft machen können, dass die Daten sicher verschlüsselt sind.

          Mehr Wissen und bessere Technologien

          Neben Systemen, die Gesundheitsdaten an den Arzt weiterleiten, arbeiten Forscher auch an weiteren Hilfsmitteln für eine ambulante Versorgung und Überwachung. An der Technischen Universität Berlin beispielsweise entwickeln Mediziner einen Verband, der Druck und Feuchtigkeit messen und Alarm schlagen kann, wenn er gewechselt werden muss. Den Verbandswechsel an sich müssen Pfleger oder Schwestern zwar noch selbst durchführen. Doch die tägliche Kontrolle am Patienten übernimmt der Verband für sie.

          Aber nicht nur in der Technologie tut sich etwas, auch bessere Untersuchungstechniken und der stetige Wissenszuwachs der Mediziner machen ambulante Betreuung heute häufiger möglich – etwa in der Gynäkologie. So mussten Schwangere früher mit vorzeitigen Wehen grundsätzlich im Krankenhaus bleiben. Heute weiß man, dass erst ab einer bestimmten Ausdehnung und Länge des Gebärmutterhalses tatsächlich die Gefahr für eine Frühgeburt besteht. Per Ultraschall kann der Arzt die Länge messen und die Patientin möglicherweise wieder nach Hause schicken. Auch bei Anzeichen auf eine Schwangerschaftsvergiftung wie Kopfschmerzen, Übelkeit und Bluthochdruck mussten Frauen früher ins Krankenhaus. Seit einigen Jahren weiß man, dass es spezielle Marker im Blut gibt, die diese Erkrankung eindeutig anzeigen können. Sind sie nicht vorhanden, ist eine ambulante Versorgung unter Umständen möglich.

          Dirk Jäger vom Nationalen Centrum für Tumorerkrankungen sieht die Entwicklung hin zu mehr ambulanter Versorgung und Überwachung größtenteils positiv: „Manchmal lässt sich ein Krankenhausaufenthalt nicht umgehen“, sagt er. „Aber ein Ort, um gesund zu werden oder dauerhaft trotz Krankheit eine möglichst hohe Lebensqualität für den Patienten zu erhalten, ist ein Krankenhaus ganz sicher nicht.“

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