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Stressverstärker : Pendeln gefährdet die Gesundheit

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Egal ob Flugzeug oder Auto - Pendeln ist immer stressig. Das Foto zeigt einen Abschnitt der A3 am Frankfurter Flughafen. Bild: Wolfgang Eilmes

Für rund 17 Millionen Deutsche gehören lange Wege zum Alltag: Und es werden ständig mehr. Viele werden unglücklich und krank. Aus gutem Grund.

          Dreieinhalb Stunden saß der Mann jeden Morgen in der Bahn: Von seinem Wohnort südwestlich von Berlin pendelte er mit dem Zug in die Hauptstadt. Erst fuhr er Regionalbahn, dann ICE, dann S-Bahn. In Berlin angekommen, verbrachte er acht Stunden im Büro und trat dann den Rückweg an: dreieinhalb Stunden - erst mit der S-Bahn, dann im ICE, schließlich mit der Regionalbahn. Wenn alle Züge pünktlich waren und der Arbeitstag keine Überstunden verlangte, war er nach 15 Stunden wieder zu Hause.

          Nun ist der Mann Patient im sächsischen Bad Elster. Steffen Häfner, Chefarzt des Fachbereichs Verhaltensmedizin an der Deutschen Klinik für Integrative Medizin und Naturheilverfahren, behandelt ihn dort auf seiner Station. Diagnose: Schlafstörungen und Erschöpfung. „Kein Wunder“, sagt Häfner. „So eine Belastung hält niemand auf Dauer aus.“

          17 Millionen Berufspendler deutschlandweit

          Nicht jeder Pendler absolviert täglich eine solche Mammut-Tour wie der Patient von Steffen Häfner. Doch unter den 17 Millionen Berufspendlern in Deutschland gibt es viele, die vom Fahren und Fliegen gestresst sind. Im Jahr 1900 verließen zehn Prozent für die Arbeit ihre Heimatgemeinde; 40 Jahre später waren es schon 40 Prozent. Heute sind es 60 Prozent.

          Alle Pendler haben eins gemeinsam: Dort, wo sie arbeiten, können oder wollen sie nicht leben. Weil die Mieten zu hoch sind, weil ihre Partner und Kinder in einer anderen Stadt fest verwurzelt sind, weil ihr Arbeitsvertrag befristet ist und unklar ist, ob und wie es danach weitergeht.

          Sechs Millionen Menschen sind deshalb täglich mehr als 25 Kilometer pro Strecke unterwegs. 8,5 Millionen brauchen länger als eine Stunde pro Weg, rund 850.000 sogar länger als 90 Minuten. Und rund eine Million Menschen pendeln am Sonntagabend oder Montagmorgen an ihren Arbeitsplatz und am Ende der Woche zurück in die Heimat. Dazu kommen die Arbeitnehmer, die viel reisen müssen und fast keine Woche einfach mal im Büro am Heimatort sind.

          Wer freiwillig pendelt ist glücklicher

          Die meisten von ihnen allen sind im Auto unterwegs, die anderen mit öffentlichen Verkehrsmitteln, und viele fühlen sich erheblich belastet: Studien haben ergeben, dass Pendler häufiger unter Kopf-, Rücken- und Magenschmerzen leiden und durch das viele Sitzen eher zu Übergewicht neigen. Pendler leiden schneller unter Bluthochdruck, Herz-Kreislauf-Erkrankungen und Schlafstörungen, sind tendenziell gereizter und können sich bei der Arbeit schlechter konzentrieren. Ist Pendeln also ungesund?

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          „Das kommt darauf an“, sagt Sabine Löhr-Schwaab, Verkehrsmedizinerin beim TÜV Süd in Stuttgart. Zunächst müsse man die Gruppe der Pendler einteilen in diejenigen, die freiwillig pendeln, und in solche, die zum Pendeln gezwungen sind. Denn: Wer eine echte Wahl hat, sich theoretisch auch für einen Umzug entscheiden könnte oder ganz bewusst auf dem Land lebt, reist mit einer positiveren Grundhaltung.

          Chefarzt Häfner von der Klinik in Bad Elster ist Facharzt für psychosomatische Medizin und Psychotherapie. Er beschäftigt sich seit Jahren mit den Auswirkungen des Pendelns und weiß, dass das Reisen allein nur die wenigsten stresst. „Pendeln ist eine Zusatzbelastung“, sagt Häfner. „Wenn Sie im Job sowieso schon Stress haben, weil die Arbeitsbelastung zu hoch ist oder Sie sich ständig über Ihren Chef oder die Kollegen ärgern, dann wirkt das Pendeln wie ein Verstärker.“

          Als Autofahrer am meisten gestresst

          Entscheidend für das Stressgefühl ist gar nicht so sehr die Entfernung, die jemand zurücklegt, sondern die Zeit, die er mit dem Pendeln verbringt. Ab 90 Minuten pro Tag - also 45 Minuten pro Strecke - führt Pendeln nach Häfners Erfahrung vermehrt zu Stress.

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