25.04.2010 · An diesem Sonntag ist Weltmalariatag. Mit neuen Medikamenten und Moskitonetzen wurde viel erreicht. Doch auch das Pflanzenschutzgift DDT wird weiter eingesetzt - mit Erfolg, wie Swaziland beweist.
Von Peter-Philipp SchmittPhepsile Mamba traut sich zunächst kaum zu ihrem Haus. Auf dem Arm hat sie ihren Sohn Tsetelela. Der Junge leidet unter einer akuten Kolik, er mag nichts trinken. Darum war sie im Dorf beim Arzt. Nun nähert sie sich, einen Regenschirm zum Schutz vor der starken Sonne in der Hand, ihrer Lehmhütte und betrachtet erstaunt das Chaos davor. Ihr Hausrat liegt ausgebreitet im Staub. Drumherum ein gutes Dutzend fremder Männer, die auch in ihr Häuschen eingedrungen sind, das mit Stroh gedeckt ist. Sie tragen Gasmasken, blaue Overalls, weiße Schutzhelme und besprühen die Innen- und Außenwände von Phepsile Mambas Hütte. Das Ganze dauert nur wenige Minuten. „Ja“, sagt Zandie Dlamini, einer der Sprühbeauftragten des Königreichs Swaziland. „Wir haben alle, die heute mit der Malariabekämpfung dran sind, vorher informiert.“
Die 25 Jahre alte Mutter Phepsile Mamba, deren um zehn Jahre älterer Mann Fulathela auf der Baustelle des neuen internationalen Flughafens von Swaziland in Sikhuphe arbeitet, wusste aber nicht, das ausgerechnet an diesem Tag ihre Hütte mit dem Pflanzenschutzgift DDT eingesprüht wird. Nun sitzt sie mit ihren vier Kindern im Schatten eines Baums - und wartet. Mindestens eine Stunde soll sie ihr Haus jetzt nicht betreten, damit die giftigen Dämpfe verfliegen können. Doch ob sie sich auch daran hält, weiß niemand so genau zu sagen. Viele Swasis warten nur darauf, dass die Männer nach 20 Minuten weiterziehen. Dann räumen die Bewohner ihre Habseligkeiten samt Kindern schon wieder zurück in die Hütten.
Überhaupt sind einige der von der Anophelesmücke geplagten Swasis im besonders von den Blutsaugern heimgesuchten Distrikt Lubombo alles andere als begeistert, wenn die Sprühkolonnen anrücken. Thwathwa Mamba zum Beispiel, Verwandte und Nachbarin von Phepsile Mamba, sitzt ebenfalls vor ihrer Hütte neben einem Erdhügel, unter dem ihr vor mindestens zehn Jahren gestorbener Mann und wohl auch das eine oder andere ihrer zehn Kinder begraben liegen. Darüber sprechen mag sie nicht. Auch nicht, woran sie gestorben sind. Wie alt sie ist, kann sie erst sagen, nachdem sie ihren alten Reisepass gefunden hat: Sie wurde 1945 geboren.
„Das soll ja auch nicht gut für uns sein“
Thwathwa Mamba ist allein, und genau das bereitet ihr jetzt Sorgen. Die Männer mit den Sprühgeräten, sagt sie, trügen ihre Sachen zwar immer alle vor die Tür - das Bett und die Matratze, ihre wenigen Möbel und die Kochtöpfe genauso wie ihre Kleider. Aber sobald sie fertig seien, verschwänden sie einfach. Sie müsse dann zusehen, wie sie ihre Hütte wieder eingeräumt bekomme. „Und außerdem“, sagt die gebrechlich wirkende Frau, „soll das ja auch nicht gut für uns sein.“
Sie meint das Gift, das sich in den silbern glänzenden Tanks auf den Rücken der Männer befindet. Dichlordiphenyltrichlorethan, kurz DDT, ist ein mehr als umstrittenes Pflanzenschutzgift. Für Simon Kunene, den obersten Malariabeauftragten des Landes, ist es allerdings die einzige Chance, eine der schlimmsten Seuchen der Menschheit bis zum Jahr 2015 aus dem Königreich zu verbannen. Seit 1946 gibt es ein Malaria-Programm in Swaziland. Bis 1972 war das Sumpffieber dank DDT fast schon ausgerottet. „Doch dann“, sagt Kunene, „geriet die Situation wieder außer Kontrolle.“ Vor allem, weil die Regierung kein Geld mehr für die Malariabekämpfung ausgegeben habe. Mitte der neunziger Jahre war die Zahl der Erkrankten auf mehrere tausend gestiegen. Damals starben mehr als 200 Menschen jedes Jahr, inzwischen sind es nur noch eine Handvoll. „Dank DDT“, sagt Kunene. In seinem Büro steht groß an der Wand: „Malalaveva uyabulala“ - Malaria kann tödlich sein.
Moskitonetze sind teuer
Dass man jahrelang vor allem in neue Medikamente und die Verteilung von Moskitonetzen für Betten investierte, habe nur Zeit gekostet. „Bevor die Menschen ins Bett gehen, werden sie doch schon ein halbes Dutzend Mal beim Fernsehen gestochen“, sagt Kunene. Wohl auch darum stockt die Ausgabe der Netze in Swaziland. Eigentlich sollen die Sprühtrupps jeweils zwei Personen pro Haushalt ein Netz geben, doch sie haben den teuren Malariaschutz nicht einmal dabei. Die Lieferung sei verspätet, heißt es lapidar dazu. So muss Phepsile Mamba vorerst weiter ohne Bettnetze für ihre Familie auskommen, Thwathwa Mamba hatte schon vor einem Jahr ein Netz bekommen, unter dem sie seither auch schläft. Selbst wenn das kein ausreichender Schutz ist, würde sie trotzdem lieber aufs jährliche Sprühen verzichten.
DDT gilt als krebserregend, und doch ist es im Kampf gegen die Malaria wohl das kleinere Übel. Dass es sich nach dem Sprühen im Boden anreichert und in die Nahrungskette gelangt, ist bekannt. Für die Mücken ist es schon tödlich, sobald diese sich auf den eingesprühten Wänden niederlassen. Den Mauern haftet das Gift monatelang an. Mittlerweile findet sich DDT - zum Teil stark angereichert - in den Körpern vieler Afrikaner. Die Weltgesundheitsorganisation aber empfiehlt seit 2006 wieder den Einsatz des Insektizids gegen die Malariamücken. Schon in der Stockholmer Konvention, von mehr als 130 Staaten unterschrieben, wurde 2004 festgelegt, dass unter anderem der langlebige organische Schadstoff DDT zur Bekämpfung von krankheitsübertragenden Insekten wieder verwendet werden darf.
Darauf bezieht sich Simon Kunene: „Nur das konsequente Sprühen hat uns so weit gebracht.“ Immerhin sind alleine in Swaziland 300.000 Menschen von Malaria gefährdet, die allerdings nur im tiefer gelegenen Osten des Landes auftritt, wo ausgerechnet die Ärmsten der Armen wohnen. Der Einsatz von DDT ist allerdings auch in den Nachbarländern - Südafrika, Botswana, Namibia - zu einer Erfolgsgeschichte geworden, auch weil sie maßgeblich vom Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria finanziell unterstützt wird. „Sansibar“, sagt Kunene, „hat jahrelang nur Bettnetze verteilt. Ohne Erfolg. Erst seit dort DDT gesprüht wird, sinkt die Zahl der Infektionen drastisch.“
Alkohol und Prostituierte bei Gastarbeit in Südafrika
Es wäre eine große Erleichterung für Swaziland, wenn das Königreich schon in fünf Jahren malariafrei wäre. Denn der Staat, kleiner als Rheinland-Pfalz, ist schwer gebeutelt. Hauptgrund für die massive Epidemie: Zehntausende Swasis arbeiten in Südafrika - in den Minen, aber auch auf Zuckerrohrfeldern. Neun Monate des Jahres waren die Männer früher von ihren Familien getrennt (mittlerweile dürfen sie ihre Familien mitnehmen), die Zeit vertrieben sie sich mit Alkohol und Prostituierten. Zu Hause steckten sie dann ihre Frauen an, die selbst oft heimliche Liebhaber (das Wort in Siswati ist „makhwapheni“) oder ganz offen einen Zweitmann hatten. In dem Königreich ist Polygamie akzeptiert, der Herrscher des Landes, Mswati III., hat offiziell 14 Ehefrauen und 23 Kinder.
Die Frauen des Landes sind sehr schlimm von HIV betroffen, wie Derek von Wissel, der Chef des nationalen Aids-Notstandskomitees Nercha, berichtet. Fast jede dritte Frau im Alter von 15 bis 49 Jahren sei HIV-positiv, bei den Männern seien es knapp 20 Prozent. „Insgesamt gehen wir davon aus, dass 26 Prozent der Erwachsenen das Virus in sich tragen“, sagt Wissel. Jedes fünfte Kind wächst ohne Eltern auf. Mittlerweile sind rund 46 000 Swasis in Therapie, 20 000 weitere wären auf Aids-Medikamente angewiesen, weil die Immunschwächekrankheit bei ihnen ausgebrochen ist. Ein Erfolg der vergangenen Jahre: Die Medikamente sind frei erhältlich. Die Regierung des Landes, unterstützt durch den Globalen Fonds, kommt für die Behandlung auf. Auch darum bringen bereits mehr als 85 Prozent der HIV-Infizierten Frauen gesunde Kinder zur Welt. „Und die Zahl der HIV-positiven Kinder“, sagt von Wissel, „wird noch weiter zurückgehen.“
Für Swaziland, das so viele Aidswaisen hat wie kaum ein anderes Land, wäre die Eliminierung der Malaria eine große Erleichterung - schon allein, weil sich Aids und Malaria gegenseitig noch verstärken. Zugleich sind unter den eine Million Malariatoten im Jahr auf der ganzen Welt viele Kinder unter fünf Jahren. Für Simon Kunene ist der Kampf mit DDT zum Lebensinhalt geworden. Sogar den amerikanischen Senat hat er von der Richtigkeit seines Tuns überzeugt. Kunene selbst hatte Malaria, „und ich lebe noch“. Sein großes Ziel: Einen Nachfolger für sein Amt will er nicht mehr einarbeiten müssen. 2015 wird er in Rente geschickt - von einem Herrscher, der, und da ist er sich sicher, ein malariafreies Königreich regieren wird.
Die schlimmste Infektionskrankheit der Welt
Malaria zählt zu den drei schlimmsten Infektionskrankheiten der Welt. Alle 30 Sekunden stirbt noch immer ein Kind an Malaria. Jeder sechste Todesfall bei Mädchen und Jungen auf dem afrikanischen Kontinent geht auf die Tropenkrankheit zurück. Insgesamt kommen so jedes Jahr 750 000 Kinder durch das sogenannte Sumpffieber zu Tode, wie die Kinderhilfsorganisation Unicef und die internationale Kampagne „Roll Back Malaria“, die 1998 von der Weltgesundheitsorganisation und verschiedenen UN-Organisationen gegründet wurde, anlässlich des Weltmalariatages am 25. April berichtet. Dabei ist die Malaria so gefährlich, dass nach der Übertragung durch eine Anopheles-Mücke bisweilen nur wenige Stunden vergehen, bis der Infizierte stirbt. Auch wenn es keine Impfung gegen die Krankheit gibt, so ist sie doch heilbar. Und man kann sich vor einem nächtlichen Stich recht einfach schützen: durch ein Moskitonetz über dem Bett.
Seit dem Jahr 2000 sind nach Angaben der UN allein durch die Verteilung imprägnierter Moskitonetze mehr als 900 000 Todesfälle durch Malaria verhindert worden. Rund 150 Millionen Netze und 160 Millionen Dosen wirksamer Medikamente seien in dem Zeitraum bereitgestellt worden. Ziel sei es aber, die Versorgung flächendeckend auszuweiten, so eine Unicef-Sprecherin. Noch fehle es an ausreichenden Diagnosemöglichkeiten und medizinischem Fachpersonal. Denn rund 90 Prozent aller Malaria-Todesfälle entfallen auf Länder südlich der Sahara. Damit trägt eine der ärmsten Regionen der Welt mit den schlechtesten Gesundheitssystemen der Welt die Hauptlast der Epidemie.
Mindestens sechs Milliarden Dollar wären nötig
Mehr als 1,7 Milliarden Dollar flossen zwar 2009 in die Malaria-Eliminierung, Geld, das vor allem vom Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria, von der Weltbank, aber auch von der Bill & Melinda Gates Foundation stammt. Um die Malaria ausrotten zu können, wären aber nach Berechnungen von Fachleuten allein in diesem Jahr mindestens sechs Milliarden Dollar vonnöten.
Der Malaria-Erreger, ein einzelliger Parasit der Gattung Plasmodium, wird durch die Anopheles-Mücke übertragen. Sie ist in tropischen und subtropischen Regionen der Welt verbreitet. Der Erreger gelangt durch das Blut in die Leber, wo er sich - vereinfacht gesagt - vermehrt, zurück in den Blutkreislauf gelangt, dort die roten Blutkörperchen zerstört und dann weitere Zellen infiziert. (pps.)
Peter-Philipp Schmitt Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.
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