08.06.2009 · Der Sumo-Sport leidet unter schwerwiegenden Problemen. Das harte Training schreckt den Nachwuchs ab. Und Ausländer, die zahlreich die Spitzenplätze im japanischen Nationalsport einnehmen, benehmen sich oft daneben.
Von Petra Kolonko, TokioAls Hakuho vor neun Jahren nach Japan kam, war er ein schüchternes Kind, das Heimweh nach seiner Familie in der Mongolei hatte und für einen Sumo-Ringer viel zu dünn war. Die harten Sitten im „Sumo-Stall“ machten den Anfang nicht leicht für den jungen Mongolen. Er musste die Schläge der anderen erdulden, wie es Sumo-Brauch ist. Und er musste sich mit dem Essen begnügen, das die Stärkeren übrig ließen.
Mittlerweile macht dem riesigen Sumo-Ringer niemand mehr etwas streitig. Der 24 Jahre alte Hakuho ist heute einer der erfolgreichsten Ringer der Sumo-Welt. Beim Sumo-Turnier in Tokio hat er gerade nur knapp einen weiteren Titel verpasst. Doch der 155 Kilogramm schwere, bullige Mann, der im traditionellen Gewand der Sumo-Ringer mit den nach oben gebundenen Haaren auftritt, schämt sich nicht, sich von weniger harten Seiten zu zeigen.
Schläge heißen offiziell „Kawaigari“ (Liebkosung)
In der ersten Zeit im Sumo-Stall, wie die Trainingslager der Ringer genannt werden, hat er jeden Tag geweint. Als jüngstes von fünf Kindern war er noch nie von seinen Eltern getrennt und litt schrecklich. Weil er an Körpergewicht zulegen musste, die älteren Schüler aber alles Fleisch wegaßen, habe er viel Suppe gegessen. Als er irgendwo las, dass man auch durch Schlaf sein Gewicht steigern könnte, versuchte er, jede Nacht mehr als zehn Stunden zu schlafen, erzählt er im Gespräch in Tokio. Und dann die Schläge. Sie heißen offiziell „Kawaigari“ (Liebkosung). Es gehört zum Training der Sumo-Ringer, dass die Älteren die Jüngeren schlagen dürfen. Die Trainer sagen ihren Schützlingen, das sei gut für sie. Es härte sie ab und mache sie stark für die Kämpfe. „Ich habe es durchgestanden“, sagt Hakuho erleichtert und stolz, „und jetzt habe ich es geschafft und stehe an der Spitze.“
Doch die barbarischen Gebräuche im Nationalsport Japans werden nun an den Pranger gestellt. Sogar ein Gericht musste sich mit der Praxis befassen. Vor zwei Jahren starb ein 17 Jahre alter Sumo-Schüler an den Verletzungen, die er nach zwei Tagen Misshandlungen in seinem „Sumo-Stall“ erlitten hatte. Ein Gericht in Nagoya befand den Leiter des „Sumo-Stalles“ Junichi Yamamoto für schuldig, die Schläge angeordnet zu haben. Sie seien eine Strafe dafür gewesen, dass der Junge aus dem Stall davonlaufen wollte. Der Sumo-Trainer wurde zu einer Freiheitsstrafe von sechs Jahren ohne Bewährung verurteilt. Das Gericht sprach davon, dass er seine „unermessliche Macht als Stall-Leiter“ missbraucht und die Würde des Schülers missachtet habe.
Sumo-Riesen sind ein wichtiger Teil der Gesellschaft
Der Fall schockierte die japanische Öffentlichkeit, die den Sport der Sumo-Riesen als wichtigen Teil der japanischen Kultur bewundert. Zeitungskommentare sprachen zum ersten Mal von „fragwürdigen Trainingsmethoden“ und überholten Traditionen. Es ist nicht die erste dunkle Wolke über dem Ringkampf, bei dem es darauf ankommt, den Gegner aus einem Kreis zu drängen oder ihn so aus dem Gleichgewicht zu bringen, dass er den Boden nicht nur mit den Fußsohlen berührt. Der Sport ist geplagt von Nachwuchssorgen. Es gibt in Japan, wo immer weniger Kinder geboren werden, auch immer weniger junge Männer, die sich dem harten Leben eines Sumo-Kämpfers unterziehen wollen. Die Sumo-Kämpfer selbst verteidigen das alte System. Der Ringer Kaio sagt, dass harte Methoden ein Teil des Trainings sind. Nur durch sie könne der Sumo-Kämpfer wirklich stark werden. Kaio glaubt aber auch, dass die harten Methoden den japanischen Nachwuchs abschrecken, während die Mongolen und andere ausländische Ringer ehrgeiziger sind und das harte Regime durchstehen können. Die Ausländer seien „hungrig“, sie trainierten härter als die Japaner, deshalb seien sie erfolgreich, meint der Japaner.
Kein Wunder vielleicht, dass die Sumo-Kämpfer ihrem strengen Regime auch auf andere Weise zu entkommen versuchen: In den vergangenen Monaten wurden mehrere Sumo-Ringer dabei ertappt, wie sie Marihuana rauchten oder in Besitz hatten. Das ist kein Kavaliersdelikt in Japan, wo die Gesetze gegen Drogen sehr streng sind. Die ertappten Sumo-Raucher, unter ihnen auch ein Russe, wurden bestraft und meist von ihren Verbänden ausgeschlossen. Heute sind schon mehr als ein Viertel der Sumo-Ringer in der oberen Liga Ausländer. Oft kennen sie die komplizierten Hintergründe der Sumo-Kultur nicht und erregen Aufsehen, wenn sie gegen die Etikette verstoßen. Auch Hakuho gerät ins Stottern, als er einige der Maximen des Sumo-Kanons referieren will. Dabei hat er sich besser als jeder andere seinem Gastland angepasst. Als Hakuho nach Japan kam, sprach er kein Wort Japanisch. Heute spricht er es fließend. Auch außerhalb des Rings hat sich Hakuho ganz an japanische Sitten angepasst – und erfreut damit die Bürger seiner Wahlheimat. Man vermerkt mit Genugtuung, dass er eine japanische Frau geheiratet hat. Die Kehrseite: Nicht alle sind glücklich darüber, dass Mongolen zur Zeit den japanischen Nationalsport dominieren.
Ungeschriebene Regeln der Sumo-Welt
Das hat Gründe. Ein weiterer Mongole, der in den vergangenen Jahren erfolgreiche Asashoryu, empört regelmäßig das Publikum, weil er sich nicht an die geschriebenen und ungeschriebenen Regeln der Sumo-Welt hält. Immer wieder fällt er mit unangemessenen Äußerungen und flegelhaftem Benehmen auf. Hakuho dagegen verbeugt sich vor seinem Gastland, bedankt sich beim Publikum und zeigt sich überhaupt dankbar gegenüber Japan. Nach seiner aktiven Karriere will er in Japan bleiben und dort eine Schule für junge Sumo-Ringer leiten. Doch selbst Hakuho verstößt manchmal gegen die japanische Tradition. Vor dem jüngsten Turnier fing er sich samt seinem Rivalen Asashoryu einen Rüffel von der japanischen Sumo-Vereinigung ein. Sie waren dabei ertappt worden, wie sie zwei Tage vor dem Turnier Golf spielten. Das sei unerhört, wüteten die Wächter der Tradition: Sie sollten sich ernsthaft auf das Turnier vorbereiten.