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Suizidgedanken im Alter : Die letzte aller Türen

  • -Aktualisiert am

Der Sonne entgegen: Wie wird man im Alter glücklich? Bild: dpa

Helene ist neunzig. Sie will den Tod so hinnehmen, wie er kommen wird. Das war nicht immer so. Es gab eine Zeit, da ertrug sie das Alter nicht. Da dachte sie jeden Tag daran, sich selbst zu töten.

          Die Zeit, in der Helene fast täglich an Selbstmord dachte, begann im Sommer vor fünfzehn Jahren. Helene war damals Mitte siebzig und lebte in derselben Wohnung mit den quadratischen Fenstern, in der sie auch heute noch lebt. Sie hatte oft Besuch. In der Wohnung herrschte ein ständiges Kommen und Gehen. Freundinnen aus alten Tagen, Enkel, Großnichten, alle schauten gern bei Helene vorbei, denn sie sagte nie: „Endlich zeigst du dich mal wieder!“ Sondern immer: „Wie schön, dass du da bist.“ Der Sohn kam einmal die Woche. An diesen Tagen kochte Helene Kalbsragout, weil er das so gerne aß.

          Sie redeten und lachten. Schwiegen sie, blickte Helene zu dem gerahmten Foto ihrer Tochter, das im Regal zwischen den Kunstbänden und Büchern über Architektur stand. Immer noch steht. Die Tochter war einige Jahre zuvor an Krebs gestorben, und in jenem Sommer vor fünfzehn Jahren spürte Helene, dass der Schmerz über den Verlust endlich erträglicher geworden war. Sie hatte aufgehört, sich zu fragen: „Warum sie, warum nicht ich?“ Sie hatte wieder ins Leben zurückgefunden. Brachte der Sommer einen Tag voller Sonne, fuhr Helene mit dem Auto hinaus aufs Land. Sie fuhr gerne, gerne schnell, und an den Abenden nach solchen Ausflügen duftete die ganze Wohnung nach den Blumen, die sie auf den Wiesen und an den Feldrändern gepflückt hatte.

          Es begann damit, dass die Menschen, denen Helene auf der Straße begegnete, plötzlich leicht gekrümmt waren. Als hätte ihnen jemand auf Höhe des Brustkorbs eine Delle verpasst. Wenig später waren auch die Häuser gekrümmt, die Bäume, die Fugen zwischen den Fliesen, die Laternenpfähle, irgendwann sogar die Buchstaben. Helene ließ sich von einem Augenarzt untersuchen und erfuhr, dass ein winziger Teil ihrer Sehzellen abgestorben war und dass dieser Teil unaufhaltsam wuchs.

          Sie würde im Laufe der Zeit immer schlechter sehen, womöglich erblinden. Schon auf dem Nachhauseweg vom Arzt war die Angst da. Helene erinnert sich, dass sie dachte: „Das halte ich nicht aus. Wenn es schlimmer wird, mache ich Schluss.“ Sie erinnert sich, dass der Gedanke ihr half, die Angst im Zaum zu halten.

          Es braucht Gewalt, um sich selbst auszulöschen

          Helene spricht offen über ihre Selbstmordgedanken. Wie aber darüber schreiben? Oft verbirgt sich die Wahrheit hinter den Worten. Oft muss man die Worte bezweifeln, um an die Wahrheit heranzukommen. Aber gilt das auch, wenn jemand über den Wunsch spricht, sich selbst zu töten? Steht die letzte aller Türen, der Selbstmord, nicht an einem Ort, den nur derjenige kennt, der bis dorthin gegangen ist? Können andere überhaupt ahnen, welche Kräfte dort spielen, an einem zerren? Kurz: Ist es nicht anmaßend, Helenes Worte zu bezweifeln?

          Helene sagt zum Beispiel: „Ich war nicht verzweifelt, sondern satt vom Leben. Es reichte mir. Ich wollte in Würde sterben.“ Gleichzeitig ist Helenes Not mit Händen zu greifen, wenn sie von damals erzählt. Die Angst vibriert in jedem Satz. Ist das keine Verzweiflung? Und was heißt Würde, in Würde sterben? Es klingt wie eine Floskel, hohl, ohne Inhalt. Der Inhalt hätte in Helenes Fall viel mit Gewalt zu tun. Mit Gewalt gegen sich selbst. Es braucht Gewalt, um sich selbst auszulöschen.

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