26.10.2006 · Aids sorgt dafür, daß überall auf der Welt immer mehr Kinder ohne Eltern aufwachsen müssen. Besonders schlimm ist die Situation im südlichen Afrika, das als „Epizentrum der Pandemie“ gilt.
In Asien leben zwar viermal so viele Kinder wie im südlichen Afrika. Trotzdem ist die Zahl der Vollwaisen in beiden Regionen fast gleich hoch: Sie beträgt rund acht Millionen. Die Zahl von Waisen, von Kindern also, die entweder ein Elternteil oder beide Elternteile verloren haben, müßte auf den meisten Kontinenten eigentlich kleiner werden, zumindest aber gleichbleiben, vor allem dank medizinischer Fortschritte. Aids aber sorgt dafür, daß überall auf der Welt immer mehr Kinder ohne Eltern aufwachsen müssen.
Besonders schlimm ist die Situation in Afrika. Wie die Unicef-Beauftragte für West- und Zentralafrika, Esther Guluma, berichtet, leben in den Ländern, die sie betreut, 20 Millionen Waisen. Ein Fünftel von ihnen, 4,1 Millionen, hat mindestens ein Elternteil durch Aids verloren. „Ihre Zahl steigt stetig“, sagt Guluma. „Unter anderem auch deshalb, weil nur 1,3 Prozent der schwangeren Frauen Zugang zu einer antiretroviralen Therapie haben, mit der auch eine Infektion des Neugeborenen verhindert werden könnte.“ Mehr als die Hälfte der 350 Millionen Menschen, die in West- und Zentralafrika leben, sind jünger als 18 Jahre; fast alle von ihnen sind sexuell aktiv.
Epizentrum der Pandemie
Das südliche Afrika aber ist besonders hart von Aids betroffen. Nicht umsonst wird die Region als das „Epizentrum der Pandemie“ bezeichnet. Seit 1990 ist die Zahl der Aids-Vollwaisen von 400 000 auf fast fünf Millionen angewachsen. Insgesamt lebten Ende 2003 mehr als zwölf Millionen Aids-Waisen südlich der Sahara, das entspricht einem guten Viertel aller Waisen (43,3 Millionen). In einigen Ländern ist der Anteil der Kinder, die mindestens ein Elternteil durch Aids und nicht etwa durch eine andere Krankheit oder einen Unfall verloren haben, wesentlich höher: In Malawi und Südafrika liegt er bei 50 Prozent, in Botswana und Zimbabwe bei knapp 80 Prozent.
UN-Aids geht davon aus, daß die Zahl der Vollwaisen im südlichen Afrika bis zum Jahr 2010 auf mindestens 9,6 Millionen steigen wird, 6,5 Millionen davon werden Aids-Vollwaisen sein. Insgesamt werden dann mehr als 18 Millionen Aids-Waisen in Afrika leben. „Selbst wenn es von heute an keine weiteren Neuinfektionen in Afrika mehr gäbe“, sagt Esther Guluma, „so wird die Zahl der Aids-Waisen noch mindestens zehn Jahre wachsen. Denn so lange dauert es im Schnitt, bis ein Mensch, der sich mit dem HI-Virus infiziert hat, an Aids stirbt.“