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Veröffentlicht: 23.09.2010, 19:53 Uhr

Studie zum Übergewicht Rund um die Welt

Die Zahl der Übergewichtigen ist sprunghaft gestiegen. Nicht nur in Nordamerika, sondern auch in Europa. Da Dicke früher sterben, belasten sie die Gesundheitssysteme weniger als Normalgewichtige.

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© dpa Pfundig: Dirndl und Mannsbild auf dem Münchner Oktoberfest

Noch vor 30 Jahren galt nicht einmal jeder zehnte Einwohner der industrialisierten Welt als fettleibig. Seither hat sich die Zahl der stark Übergewichtigen mehr als verdoppelt, sogar verdreifacht. Besonders stark gestiegen ist ihre Zahl in Nordamerika und in vielen Teilen Europas. Nach Angaben der Organisation für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung (OECD) ist inzwischen in der Hälfte ihrer 33 Mitgliedstaaten jeder zweite Bürger zu fett. Deutschland liegt dabei noch knapp unter dem OECD-Durchschnitt, wie die am Donnerstag in Paris vorgestellte Studie „Fettleibigkeit und die Ökonomie der Prävention: Fit not fat!“ belegt.

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Demnach sind 16 Prozent der deutschen Frauen und Männer fettleibig, 45 Prozent der Frauen und 60 Prozent der Männer gelten als übergewichtig. Grundlage der von den einzelnen Staaten errechneten Daten ist der Body-Mass-Index (Gewicht in Kilogramm dividiert durch die Körpergröße in Meter zum Quadrat). Dabei ist den Autoren der Studie bewusst, dass der Körpermasseindex (BMI) lediglich einen groben Richtwert angibt, da er die Statur eines Menschen und die individuell verschiedene Zusammensetzung der Körpermasse aus Fett- und Muskelgewebe nicht berücksichtigt.

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Jedes dritte Kind ist übergewichtig

Trotzdem sind die Zahlen der OECD alarmierend. Stark übergewichtige Menschen sterben (genauso übrigens wie Raucher) acht bis zehn Jahre früher als normalgewichtige Personen (beziehungsweise Nichtraucher). Jeweils 15 Kilogramm zusätzlich erhöhen das Risiko, früher zu sterben, um 30 Prozent. Studien in zehn europäischen Ländern belegen darüber hinaus, dass Übergewichtige kein normales aktives Leben führen können.

Infografik / Deutschland Fettleibigkeit Übergewicht Europa USA / Gewichtige Probleme © F.A.Z. Vergrößern

Es ist ein Teufelskreis: Wer sich wenig bewegt, wird schneller dicker und bewegt sich dann noch weniger. Das wachsende Nahrungsmittelangebot (fast food, convenience food, Fertiggerichte) und sich ändernde Ernährungsgewohnheiten (man kocht nicht mehr so oft selbst und isst nicht mehr so oft gemeinsam) hätten bei einer allgemein stark nachlassenden körperlichen Betätigung die Fettleibigkeit zu einer Epidemie auf der ganzen Welt werden lassen, heißt es bei der OECD. Zudem ist Fettleibigkeit gewissermaßen „vererbbar“ – zumindest was die Lebens- und Essgewohnheiten angeht: Die Wahrscheinlichkeit, dass ein Kind fettleibig wird, ist besonders hoch, wenn mindestens ein Elternteil stark übergewichtig ist – und zwar drei bis vier Mal so hoch. Schon jetzt ist jedes dritte Kind in den OECD-Staaten übergewichtig.

Nur bei Frauen spielt der Bildungsgrad eine Rolle

Die meisten Übergewichtigen leben – prozentual gesehen – in den Vereinigten Staaten und in Mexiko, die wenigsten gibt es in Japan und Korea. Insgesamt aber steigt ihre Zahl überall massiv an. Auffällig ist dabei, dass nur bei Frauen offenbar der Bildungsgrad eine Rolle zu spielen scheint, was von der OECD auf soziale Ungleichheiten zurückgeführt wird. Demnach sind weniger gebildete Frauen besonders von Übergewicht und Fettleibigkeit betroffen. Sie haben eine zwei bis drei Mal höhere Wahrscheinlichkeit, übergewichtig zu werden, als Frauen mit einer höheren Bildung. Bei Männern gibt es diese Unterschiede hingegen kaum.

Im Arbeitsleben sind Frauen wie Männer benachteiligt: Arbeitgeber bevorzugen nach OECD-Angaben normalgewichtige Mitarbeiter, da sie eine höhere Produktivität versprechen. So sind zum Beispiel fettleibige weiße Amerikanerinnen wesentlich häufiger arbeitslos als normalgewichtige. Im Schnitt verdienen dicke Menschen bis zu 18 Prozent weniger als ihre schlanken Kollegen, was unter anderem auch daran liegt, dass sie häufiger krank sind.

55.000 Todesfälle könnten vermieden werden

Schwer fettleibige Menschen entwickeln mit höherer Wahrscheinlichkeit Krankheiten wie Diabetes, Herz-Kreislauf-Erkrankungen, aber auch Krebs. Würden die Regierungen nur einige wenige Dollar pro Person und Jahr mehr für entsprechende Aufklärungsprogramme ausgeben – nach OECD-Angaben zum Beispiel zwölf Dollar in Mexiko –, könnten in dem Land Jahr für Jahr 55.000 Todesfälle vermieden werden, die auf schwere chronische Erkrankungen zurückzuführen sind. Die Kosten, die den Gesundheitssystemen durch Übergewichtige entstehen, sind immens. Im Schnitt betragen sie mindestens 25 Prozent mehr als für Normalgewichtige. Die kürzere Lebenserwartung dicker Menschen führt aber insgesamt sogar dazu, dass die Ausgaben für die Krankenkassen geringer ausfallen können – die OECD spricht von bis zu 13 Prozent. So verursachen gesund und vor allem lang lebende normalgewichtige Menschen höhere Kosten für die Gesundheitssysteme als fettleibige – auch wenn letztere zu ihren Lebzeiten viel öfter krank sein sollten.

Wie die Politik zur Fettleibigkeits-Epidemie beigetragen hat


Nach Ansicht der OECD tragen die elf untersuchten Mitgliedsstaaten einen Teil der Schuld an der Gewichtszunahme ihrer Bürger: Indem sie etwa die Landwirtschaft subventionierte und Steuern senkte, habe die Politik es zum Beispiel erst ermöglicht, dass Nahrungsmittel immer günstiger wurden und die Menschen sich mehr davon leisten konnten. Als weitere Stellhebel identifiziert die OECD etwa eine Transportpolitik, die die Menschen ermuntert, mit dem Auto zu fahren, sowie eine Stadtplanung, die das Pendeln zur Regel macht und zu wenig Raum für Spielplätze oder Sportplätze lässt.

Allerdings konnte die OECD in Paris auch mit einer guten Nachricht aufwarten: Indem sie die Politik verändern, können Regierungen auch dazu beitragen, dass die Bürger wieder dünner werden. Je nach Land könnte mit einem relativ geringen finanziellen Aufwand von 10 bis 30 US-Dollar pro Person und Jahr die Fettleibigkeit effizient bekämpft werden. Mit diesem Geld könnten die Staaten ihre Bürger zu einem größeren Gesundheitsbewusstsein erziehen und zum Beispiel Ärzte bezahlen, die die Bürger beraten, ihren Lebensstil zu ändern. Wichtig sei vor allem, schreibt die OECD, dass die Staaten sich für eine umfassende Präventionstaktik entscheiden, die verschiedene Altersgruppen anspricht und verschiedene Ursachen der Fettleibigkeit angeht.

Deutlich macht die OECD-Studie aber auch, dass bei der Bekämpfung der Fettleibigkeit immer eine Austauschbeziehung existiert: Dünne Menschen leben länger als dicke und kosten das Gesundheitssystem mehr, weil sie älter werden und damit die Gesundheits- und Sozialsysteme auch länger belasten. Deshalb kommt die Studie auch zu dem Ergebnis, dass eine effektive Präventionspolitik die Gesamtkosten des Gesundheitssystems wahrscheinlich nicht in großem Stil senken könnte. „Im besten Falle könnte diese Politik eine Senkung der Gesamtkosten für chronische Erkrankungen in Höhe von 1 Prozent generieren“, heißt es dort. Und so könne am Ende auch nicht das Einsparpotential das Hauptziel der Fettleibigkeitsprävention sein, sondern „die Gesundheit und die Lebensdauer der Bevölkerung zu verbessern“. (magr.)

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