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Sterbehilfe Leben oder sterben lassen

24.02.2005 ·  Nach sieben Jahren soll die Magensonde der Komapatientin Terri Schiavo in Florida entfernt werden. Ehemann Michael Schiavo will es so. Terris Eltern kämpfen dagegen um das Leben ihrer Tochter.

Von Katja Gelinsky, Washington
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Zwanzig Jahre lang schien es so, als habe die Amerikanerin Sarah Scantlin bei einem Autounfall derart schwere Hirnschäden erlitten, daß sie für den Rest ihres Lebens stumm bleiben würde. Doch vor kurzem geschah, womit die Ärzte nicht mehr gerechnet hatten: Sarah Scantlin, die als Achtzehnjährige von einem Betrunkenen überfahren worden war, begrüßte ihre Mutter mit den Worten: „Hi Mom“. Auf ein solches Wunder warten auch die Eltern von Terri Schiavo. Viel Zeit bleibt Bob und Mary Schindler aus dem amerikanischen Bundesstaat Florida freilich nicht mehr, denn ihr Schwiegersohn Michael Schiavo will nach zwei gerichtlich gestoppten Versuchen erreichen, daß die künstliche Ernährung seiner schwer hirngeschädigten Frau nun endgültig beendet wird.

Dies entspreche ihrem Willen, versichert er. Ob er damit recht hat, läßt sich schwer feststellen, denn eine Patientenverfügung mit Anordnungen zur gewünschten medizinischen Behandlung für den Fall, dann keine Entscheidungen mehr treffen zu können, hatte Terri Schiavo nicht abgefaßt. Eigentlich wollte ihr Mann, der ihr gesetzlicher Vormund ist und mittlerweile angeblich zwei Kinder mit einer Lebensgefährtin hat, schon am Dienstag die künstliche Ernährung beenden lassen. Aber dann setzte Bezirksrichter George Greer für Mittwoch nachmittag eine neue Anhörung an und entschied, zumindest so lange müsse die 41 Jahre alte Terri Schiavo weiter durch eine Magensonde ernährt werden.

Aggressive Kampagne

Das Familiendrama, das die Gerichte seit Jahren beschäftigt und hitzige gesellschaftliche und politische Auseinandersetzungen über Sterbehilfe, den Umgang mit schwerstkranken Patienten und Fragen nach einem würdigen Tod provoziert hat, erreicht damit abermals einen traurigen Höhepunkt. Begleitet wird das juristische Gefecht, das die Eltern und der Schwiegersohn seit fast acht Jahren um Leben und Sterben der Patientin führen, von einer aggressiven Kampagne, die der konservative Aktivist Randall Terry für die Familie Schindler koordiniert. Diese Woche kündigte Terry, der berühmt-berüchtigt für seine Aktionen zum Schutz des ungeborenen Lebens ist, vor dem Pflegeheim der Patientin in der Nähe von St. Petersburg an, er werde Michael Schiavo, derart mit Kundgebungen, Protestbriefen und anderen Kampagnen zu Leibe rücken, bis er nachgebe und Terri Schiavo weiter leben lasse.

Der Streit zwischen den Eltern und dem Schwiegersohn beginnt schon damit, wie der medizinische Zustand der Patientin zu beschreiben ist, die im Februar 1990 kollabierte und in Folge eines Herzstillstands, der zu Sauerstoffmangel führte, schwere Hirnschäden erlitt. Die Gerichte sind nach Anhörung zahlreicher Sachverständiger überwiegend der Argumentation von Michael Schiavo gefolgt, daß seine Frau sich in einem „permanenten vegetativen Zustand“ (Wachkoma) befinde und keine Besserung zu erwarten sei. Umstritten ist, ob Terri Schiavo, deren Atmung und Kreislauf funktioniert, auch bewußt auf ihre Umwelt reagieren kann. Davon sind ihre Eltern fest überzeugt. Sie haben ein eigenes Ärzteteam engagiert, das der Patientin ein „minimales Bewußtsein“ bescheinigt. Auch stützen sie sich auf ein heimlich aufgenommenes Video, in dem es für Sekunden so aussieht, als ob Terri Schiavo ihre Umgebung wahrnehme.

Mordversuch des Ehemanns?

Wenn ihre Tochter therapiert werde, bestehe die Chance, das sich ihr Zustand bessern werde, sagen Bob und Mary Schindler, die ihrem Schwiegersohn vorwerfen, Therapieversuche abgebrochen zu haben und neue Forschungsergebnisse zum Bewußtseinszustand von Wachkoma-Patienten und deren Heilungschancen zu ignorieren. Ursprünglich verdächtigten die Schindlers Michael Schiavo sogar, er habe versucht, seine Frau zu erwürgen, und dadurch Hirnschäden herbeigeführt, unter denen sie nun leide. In einem Rechtsstreit, den der Schwiegersohn gegen frühere Ärzte seiner Frau führte, wurde jedoch anerkannt, daß ihr Kaliumhaushalt gefährlich gestört gewesen sei, was die Ärzte hätten erkennen müssen. Michael und Terri Schiavo wurden mehr als eine Million Dollar für die medizinische Behandlung zugesprochen. Mittlerweile ist das Geld angeblich fast aufgebraucht. Michael Schiavo habe es auch deshalb eilig, seine Frau durch Abbruch der Ernährung zu „ermorden“, damit er sich den Rest des Geldes in die Tasche stecken könne, behaupten die Schwiegereltern.

In dieser gänzlich vergifteten Atmosphäre haben Gerichte in Florida zwei Mal entschieden, Michael Schiavo dürfe die Magensonde seiner Frau entfernen lassen. Das erste Mal wurde die künstliche Ernährung im April 2001 beendet. Sie wurde jedoch zwei Tage später auf richterliche Anordnung wiederaufgenommen. Zuvor hatte eine frühere Freundin Michael Schiavos behauptet, dieser habe ihr gegenüber zugegeben, seine Frau habe nie gesagt, ob sie mit Hilfe von Apparatemedizin am Leben erhalten werden wolle. Das zweite Mal wurde die Magensonde im Oktober 2003 entfernt. Doch dann eilte der Gouverneur von Florida, Jeb Bush, den Eltern Schindler auf Dringen von Randall Terry und anderen christlich-konservativen Führern zu Hilfe. Der Republikaner ordnete sechs Tage nach Entfernung der Sonde die Wiederaufnahme der künstlichen Ernährung an, nachdem das Parlament tags zuvor ein Gesetz eigens zu diesem Zweck verabschiedet hatte. Bushs Eingreifen ist allerdings vom Obersten Gerichtshof Floridas für verfassungswidrig erklärt worden. Auch danach versicherte der Gouverneur, er werde weiterhin alles tun, um Terri Schiavo zu retten - soweit ihm dies rechtlich möglich sei. Nach Überzeugung von Michael Schiavos Anwalt, George Felos, können der Gouverneur und das Parlament von Florida den Tod von Terri Schiavo freilich nicht mehr verhindern.

Sterbehilfe verboten - Schutz für behinderte Menschen

George Felos, den Lebensschützer als „Euthanasie-Anwalt“ beschimpfen, hat schon in vielen Sterbehilfefällen gefochten. 1990 erstritt er vor dem Obersten Gerichtshof ein Urteil, nach dem Patienten das Recht haben, unerwünschte Behandlungen zu verweigern. Sieben Jahre später ergänzten die Richter allerdings, daß es kein Verfassungsrecht auf aktive Sterbehilfe durch einen Arzt gebe. Vielmehr dürften die Bundesstaaten zum Schutz schwerkranker, alter und behinderter Menschen aktive Sterbehilfe verbieten. Ob die Einzelstaaten umgekehrt auch das Recht haben, aktive Sterbehilfe im Fall todkranker Patienten zuzulassen, wird der Supreme Court womöglich in einem Streit zwischen der amerikanischen Regierung und dem Staat Oregon entscheiden, wo Medizinern seit 1997 aktive Sterbehilfe in engen Grenzen erlaubt ist. So erklärte sich das Oberste Gericht am Dienstag bereit, zu prüfen, ob der damalige Justizminister John Ashcroft zu Recht versucht hat, die Verschreibung tödlicher Medikamentendosen für Schwerstkranke in Oregon zu blockieren.

Der Supreme Court wurde auch schon im Fall von Terri Schiavo angerufen. Doch haben die Obersten Richter es bislang abgelehnt, sich für die Patientin einzusetzen. Starke Unterstützung haben ihre Eltern von Behindertenverbänden, von christlichen Organisationen und von der katholischen Kirche, der sie angehören, bekommen. So hat die Vereinigung katholischer Mediziner in Nordamerika, „Catholic Medical Association“, darauf hingewiesen, daß es nicht mit der katholischen Lehre vereinbar sei, die künstliche Ernährung von Terri Schiavo abzubrechen. Im vergangenen Jahr hat auch der Papst - ohne den Fall in Florida anzusprechen - klargestellt, daß das Sterbenlassen von Wachkoma-Patienten durch Nahrungsentzug eine „moralisch nicht akzeptable Tötung“ sei.

Terris Schicksal bewegt

Die hitzige Debatte über die familiären, medizinischen, ethischen und religiösen Konflikte und Fragen im Fall Terri Schiavo hat offenbar auch zahlreiche Amerikaner bewogen, sich vermehrt Gedanken über das eigene Schicksal im Fall eines schweren Unglücks oder schwerer Krankheit zu machen. So haben in den vergangenen Tagen deutlich mehr Bürger als gewöhnlich Rat bei Organisationen gesucht, die Informationen zu Patientenverfügungen erteilen. Die Vereinigung „Aging with Dignity“ (“Mit Würde Altern“) nahm in der vergangenen Woche 2000 Bestellungen ihrer Informationsbroschüre entgegen; gewöhnlich sind es nicht mehr als 200 in der Woche.

Quelle: F.A.Z., 24.02.2005, Nr. 46 / Seite 11
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