14.11.2008 · Der frühere Justizsenator Hamburgs, Kusch, hat ein weiteres Mal Sterbehilfe geleistet - bei einem Mann, der an keiner tödlichen Erkrankung litt. Der 94 Jahre alte Mann hinterlässt eine demenzkranke Frau, in einem Video erläutert er seine Motive.
Von Stefan ToepferDer frühere Justizsenator Hamburgs, Roger Kusch, hat ein weiteres Mal Sterbehilfe geleistet. Wie Kusch am Donnerstagabend mitteilte, hat er am Mittwoch gemeinsam mit einer Mitarbeiterin einer französischen Sterbehilfeorganisation, Jacqueline Jencquel, in Frankfurt den 94 Jahre alten Max Steinbaur beim Suizid „begleitet“. Vertreter des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands und der Evangelischen Kirche haben deutliche Kritik daran geübt.
Es ist das dritte Mal, dass Kusch auf diese Weise tätig geworden ist. Um zu sterben, war der Vierundneunzigjährige aus einem Altenheim in das Haus nach Frankfurt zurückgekehrt, in dem er mit seiner Frau gewohnt hatte. Jacqueline Jencquel hat mit ihm ein Interview geführt, das auf der Internetplattform Youtube zu sehen ist. Darin schildert der Mann, dass er kein Siechtum am Ende seines Lebens erleben möchte.
An einer tödlichen Erkrankung litt der Mann nicht
Dieser Wunsch, den er schon vor dem Aufenthalt im Altenheim gehabt habe, sei durch Eindrücke Steinbaurs im Heim verstärkt worden, erläuterte Kusch gestern auf Nachfrage. An einer tödlichen Erkrankung litt der Mann nach Kuschs Angaben nicht. Allerdings habe er unter unheilbaren Krankheiten gelitten, die ihn, Kusch, dazu veranlasst hätten, auf den Sterbewunsch des Mannes zu reagieren. Zum Zeitpunkt des Todes seien Jencquel und er nicht bei dem Mann gewesen, um sich nicht der unterlassenen Hilfeleistung schuldig zu machen.
Steinbaur hatte sich Anfang April erstmals an Kusch gewandt. Am 30. Oktober war er psychiatrisch begutachtet worden und am 12. November in sein Haus gefahren, um dort die tödlichen Mittel einzunehmen, über die er vorher mit Kusch gesprochen hatte. Er hinterlässt eine an Alzheimer erkrankte, 89 Jahre alte Ehefrau. In dem Video wird deutlich, dass er deswegen Gewissensbisse hat. Aber er könne seiner Frau „nicht wesentlich helfen“, außerdem sei sie in dem Altenheim in guten Händen. Kusch sagte, er habe auch mit der Frau gesprochen. Sie habe vom Sterbewunsch ihres Mannes gewusst, „aber nur in höchst eingeschränkter Form“.
8000 Euro für die Sterbehilfe
Birgit Weihrauch, die Vorsitzende des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands, sprach gestern von einer „besorgnisserregenden Entwicklung“. Sie befürchte, dass sich die Gesellschaft an Fälle wie diesen gewöhne. Anstatt dem Mann zuzureden, wie es Jencquel in dem Video getan habe, müsse man überlegen, wie man für verzweifelte Menschen da sein könne. Sie erwarte vom Gesetzgeber ein Signal gegen „geschäftsmäßige Formen der Beihilfe zum Suizid“. Kusch berechnet nach eigenen Angaben 8000 Euro für die Sterbehilfe, einschließlich der Kosten für die psychiatrische Begutachtung.
Peter Steinacker, Präsident der Evangelischen Kirche in Hessen und Nassau, äußerte, Selbsttötung und die Hilfe dazu seien „ein tragisches Scheitern am Leben“. Der Fall in Frankfurt sei besonders tragisch. Der Mann sei zwar alt und in seiner Bewegungsfreiheit eingeschränkt gewesen. Aber er habe nicht an Schmerzen gelitten, die nicht hätten gelindert werden können. Zudem lasse er seine an Alzheimer erkrankte Frau zurück. Primäre Aufgabe von Kirche und Gesellschaft sei es, Lebensbedingungen so zu gestalten, dass das Leben als Geschenk Gottes empfunden werden könne.