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Spirituosenverbot : Die Tschechen sind ernüchtert

Bald könnte in Tschechiens Kneipen wieder Hochprozentiges ausgeschenkt werden Bild: dpa

Nach dem Skandal um gepanschten Schnaps wird das Spirituosenverbot möglicherweise wieder gelockert. Die Behörden mahnen dennoch zu höchster Vorsicht. Die Bürger bleiben skeptisch.

          Das Spirituosenverbot in der Tschechischen Republik soll womöglich bald wieder gelockert werden. Agrarminister Petr Bendl will dem Kabinett an diesem Mittwoch konkrete Schritte empfehlen, wie sein Sprecher am Dienstag bestätigte. Zunächst sollten aber nur fabrikneue Waren mit Siegel und Herkunftsnachweis in den Handel zurückkehren. Nach dem Methanol-Panscherskandal mit mindestens 25 Toten hatte die tschechische Regierung vor eineinhalb Wochen ein Verbot für harten Alkohol ausgerufen. Am Wochenende wurden die Hauptverdächtigen an der Spitze des Giftmischer-Netzes festgenommen. Schon nach den Verhaftungen hatte Polizeipräsident Martin Červiček am Montag mitgeteilt, dass an die 15.000 Flaschen mit vergiftetem Alkohol in den tschechischen Markt eingeschleust wurden, von denen nicht alle entdeckt werden könnten.

          Karl-Peter Schwarz

          Korrespondent für die Tschechische Republik, die Slowakei, Rumänien, Slowenien, Kroatien, Montenegro und Albanien mit Sitz in Wien.

          Die Behörden mahnen weiter zu höchster Vorsicht beim Konsum tschechischer Spirituosen. Seit vor drei Wochen die ersten Fälle bekannt wurden, registrierte das Gesundheitsministerium 67 Methanol-Vergiftungen, an deren Folgen bisher 25 Personen starben. 18 werden in Krankenhäusern behandelt, einige von ihnen sind erblindet. Ärzte eines Krankenhauses in Havířov im Osten des Landes meldeten am Dienstag einen neuen Fall: Sie behandeln einen 33 Jahre alten Mann wegen schwerer Methanol-Vergiftung.

          Konsum von Scheibenwischerflüssigkeit

          Am Wochenende wurden in Mähren zwei Männer verhaftet, von denen einer ein umfassendes Geständnis ablegte. Ihnen drohen Haftstrafen von zwölf bis 20 Jahren. Die Polizei kam ihnen auf die Spur, als sie am Donnerstag voriger Woche im Lager einer ehemaligen Zuckerwarenfabrik in Troppau (Opava) 6.000 Liter des gepanschten Alkohols fanden. Der Name des geständigen Haupttäters, eines 42 Jahre alten Unternehmers aus der mährisch-schlesischen Industriestadt Karviná, wurde vom tschechischen Fernsehen mit Rudolf Fian angegeben. Sein Komplize, Tomáž Křepela, arbeitet als Handelsvertreter einer Firma, die Autopflegemittel vertreibt. Der schon nach den ersten Todesfällen geäußerte Verdacht, dass Methylalkohol, der für die Herstellung von Gefrierschutz bestimmt ist, abgezweigt und Spirituosen beigemischt wurde, bestätigte sich. In Polen waren schon 2011 viele Vergiftungsfälle nach dem Konsum von Scheibenwischerflüssigkeit registriert worden. Seit zwei Jahren ist in der Europäischen Union die Verwendung von Methanol an Stelle des viel teureren Ethanols (Alkohols) in Gefrierschutzmitteln erlaubt.

          Laut Polizei kauften die beiden Männer Ende August legal 15 Tonnen Methylalkohol und fügten ihm Trinkalkohol bei. Das Methanol wurde nicht, wie anfangs vermutet, aus Polen geschmuggelt oder importiert. Vielmehr stammt es aus der Tschechischen Republik. Bei der Vernehmung gaben die Männer an, sie seien ausschließlich an Gewinn interessiert gewesen. Sie hätten angenommen, der Alkohol würde das Methanol schon irgendwie neutralisieren.

          Ihre Mischung verkauften sie an eine Vertriebsfirma in Zlín, von wo aus sie an weitere Händler gelangte. Versetzt mit Geschmacksstoffen und abgefüllt in zum Teil mit gefälschten Kontrollmarken versehene unverdächtige Flaschen, gelangte das Gemisch dann - als Rum, Sliwowitz oder Whisky etikettiert - an die Konsumenten. Im Zusammenhang mit dem Skandal wurde gegen mehr als 40Verdächtige Anklage erhoben. Die Ermittlungen konzentrieren sich auf das mährisch-schlesische Industriegebiet, wo sich auch die meisten Todesfälle ereigneten.

          30 Prozent sollen vernichtet werden

          Seit 14. September ist in der Tschechischen Republik ein Verkaufsverbot für Getränke mit einem Alkoholgehalt von mehr als 20 Prozent in Kraft, seit 20. September dürfen solche Getränke auch nicht mehr exportiert werden. Zahlreiche Tschechen versorgen sich indes in den Grenzregionen Deutschlands, Polens und Österreichs mit Hochprozentigem. Angeblich halten tschechische Firmen zurzeit 21 Millionen Liter Spirituosen in ihren Lagern. Es sei nicht geplant, sie für ihre Verluste zu entschädigen, sagte Finanzminister Miroslav Kalousek, er wolle ihnen jedoch verlängerte Fristen für die Abfuhr der Alkoholsteuer einräumen. 70 Prozent der zurzeit für den Verkauf gesperrten 20 Millionen Flaschen sind nach Ansicht von Kalousek sicher. „Die übrigen 30 Prozent sollten besser vernichtet werden“, sagte der konservative Politiker nach Berichten mehrerer Prager Zeitungen. Die täglichen Verluste der Getränkefirmen, Gaststätten und Hotels werden auf rund zwei Millionen Euro geschätzt. Das Finanzministerium beginnt an diesem Mittwoch mit der Ausgabe neuer Kontrollmarken an die Getränkefirmen. Diese müssen nun ihre Produkte zurückholen, überprüfen und, mit den neuen Marken versehen, zum Verkauf freigeben. Es dürften noch viele Wochen vergehen, bevor sich der tschechische Getränkemarkt von den Folgen des Methanol-Skandals einigermaßen erholt.

          Quelle: F.A.Z.

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