http://www.faz.net/-gum-8k467

Schlaganfall mit 24 : „Ich wollte das vertuschen“

Qigong zur Entspannung: Meike Mittmeyer-Riehl in ihrem Garten. Seit ihrem Zusammenbruch beschäftigt sie sich mit den chinesischen Meditations- und Konzentrationstechniken. Bild: Rainer Wohlfahrt

Meike Mittmeyer-Riehl war jung, sportlich und hasste Zigaretten. Dann erlitt sie mit 24 einen Schlaganfall. Jetzt kämpft sie mit der Frage: Warum ich? Ein Gespräch über Schicksal und Scham.

          Sie haben lange nach der Ursache für Ihren Schlaganfall gesucht, sogar ein Buch darüber geschrieben. Hat Sie das nicht wahnsinnig gemacht, sich so intensiv damit zu beschäftigen?

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Doch, schon. Knapp drei Jahre nach meinem Schlaganfall habe ich Angstattacken bekommen, depressive Symptome, mir war permanent schwindelig, als würde ich auf einem Schiffsdeck stehen. Ich denke, das kommt schon davon, dass ich dieser Krankheit hinterhergelaufen bin und mich reingesteigert habe in die Suche nach Antworten, die es im Moment noch nicht gibt.

          Was genau wollten Sie denn wissen?

          Warum mir das passiert ist: als schlanker, sportlicher Frau und Nichtraucherin, mit 24 Jahren. Ich hatte eine spontane Dissektion, einen Riss der Halsschlagader, so kann man das vereinfacht nennen. Die Ärzte und Experten haben immer wieder gesagt: Wir wissen nicht, woran es liegt. Es könnte eine angeborene Bindegewebsschwäche sein, muss es aber nicht. Es kann sein, das es wieder passiert, aber es kann genauso gut sein, dass ich jetzt mein Leben lang gesund bleibe.

          Wie kommen Sie damit zurecht?

          Ich war Anfang des Jahres längere Zeit in einer psychosomatischen Klinik und mache weiter Psychotherapie. Ich lerne also langsam den Umgang mit der Unsicherheit.

          Sind Sie sauer auf Ihren Körper?

          Ja. Da ist eine große Wut darauf, dass er so schwach ist und nicht funktioniert, wie er soll. Ich muss da noch lernen, mir zu verzeihen. Und besser auf meinen Körper zu achten.

          Noch besser? Sie haben ihn doch schon vor der Krankheit sehr viel pfleglicher behandelt als manch anderer.

          Eigentlich schon. Aber ich bin immer hektisch und in einem hohen Tempo durchs Leben gegangen. Schule, Studium - ich bin immer zügig und genau auf meine Ziele hinmarschiert. Und ja, wenn einem dann mit 24, wenn gerade mal so eine kleine Karriere startet, so etwas passiert, dann fühlt man sich ziemlich verarscht vom eigenen Körper.

          Woher kommt das Gefühl der Unzulänglichkeit?

          Es gehört sich einfach nicht, mit 24 schlimm krank zu werden. Alle erwarten, dass man in dem Alter voll Power gibt, dass man leistungsfähig ist und keine Schwächen zeigt. Und das habe ich dann auch versucht: Nach dem Schlaganfall habe ich sofort voll gearbeitet, ich hab’ mich ja auch körperlich gut gefühlt, weil ich ja mit viel Glück keine bleibenden Schäden hatte. Und ich habe vielen Leuten gar nicht erzählt, was passiert ist.

          Weil Sie sich geschämt haben?

          Irgendwie schon. Das ist komisch, weil ich ja keinen Unfall gebaut habe oder so etwas. Aber trotzdem wollte ich das immer ein bisschen vertuschen. Das war leider keine gute Strategie.

          Das sind die Anzeichen für einen Schlaganfall.
          Das sind die Anzeichen für einen Schlaganfall. : Bild: F.A.Z.

          Ihr Schlaganfall liegt nun schon vier Jahre zurück. Machen Sie heute etwas anders?

          Ich lasse meine Halsschlagadern jedes Jahr untersuchen. Bis jetzt war da immer alles in Ordnung. Die Stelle, an der bei mir die Verletzung war, kann man im Ultraschall inzwischen auch gar nicht mehr sehen. Ich meide Kontaktsportarten, also Fußball oder so. Ich fahre auch nicht Achterbahn - es könnte sein, dass Überstreckung und ruckartige Bewegungen am Hals Dissektionen auslösen.

          Sie haben kurz vor Ihrem Schlaganfall Tennis gespielt.

          Ja, das mache ich heute auch nicht mehr. Damals war ich mit meinem Freund, inzwischen mein Mann, beim Tennis. Ich bin nicht gestürzt, mir wurde nur so ein bisschen schummrig, ich bekam leichte Kopfschmerzen und spürte ein Stechen im Hals. Ich hab dann noch gedacht: Vielleicht bekomme ich eine Erkältung.

          Wann war Ihnen klar, dass es schlimmer ist?

          Beim Heimfahren habe ich dann gemerkt, dass ich totale Schwierigkeiten hatte, zu sprechen. Es war, als hätte ich viel zu viel Alkohol getrunken. Unter der Dusche konnte ich mich nicht mehr auf den Beinen halten, mein Freund hat mich dann aufgefangen. Da war schon meine komplette linke Seite gelähmt. Das war so ein merkwürdiges Gefühl, dass ich dachte: Okay, das war’s jetzt. Ich war aber ganz ruhig und hab’ ganz banale Gedanken gehabt: Ich hab’ noch Wäsche draußen, die wollte ich doch noch reinholen.

          Die Rettungssanitäter haben Sie dann gleich in die Stroke Unit, zu den Spezialisten für Schlaganfälle, nach Darmstadt gefahren.

          Ja, das war mein Glück. Es kommt vor, dass die Symptome nicht erkannt werden, weil eben niemand bei einer jungen Frau mit einem Schlaganfall rechnet. Ich hab’ dann im Krankenhaus sofort Blutverdünner bekommen, und dann waren alle Symptome wieder weg. Die Ärzte haben auch gesagt, dass ich richtig Glück hatte, dass alles so schnell ging. Es ging mir so gut, dass ich die Diagnose gar nicht wahrhaben wollte. Die vier Wochen Reha waren für mich eine Qual, ich wollte nur nach Hause und in mein altes Leben zurück.

          Gab es in der Reha Menschen in Ihrem Alter?

          Da waren vor allem 50 bis 70 Jahre alte Männer. Es war eine rein körperliche, neurologische Reha, mit Sportangeboten und Gedächtnistraining. Ich habe da gar nicht so wahnsinnig viel draus mitnehmen können.

          Wie geht es Ihnen heute?

          Besser als vor einem halben Jahr, als ich psychisch so am Boden war. Ich werde bald wieder arbeiten, aber erst einmal nur Teilzeit.

          Ist das eine Präventionsmaßnahme?

          Schon, aber ich will auch mehr Zeit für mich haben, für Sachen, die mir Spaß machen. Das passiert, wenn man mit 24 schon merkt, wie schnell das Leben vorbei sein kann.

          „Der Spalt“, das Buch von Meike Mittmeyer-Riehl, ist im Eigenverlag Epubli erschienen; 14,99 Euro, 208 Seiten.

          Quelle: F.A.S.

          Weitere Themen

          Der Attentäter von New York Video-Seite öffnen

          Suche nach Motiven : Der Attentäter von New York

          Der Verdächtige ist identifiziert: der 27-jährige Akayed Ullah soll aus Bangladesch stammen und als Taxifahrer gearbeitet haben. Den Ermittlern sagte Ullah, er habe die Luftangriffe auf die IS-Miliz rächen wollen.

          Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben.

          Topmeldungen

          Roy Moore : Missbrauchsvorwürfe? Und wenn schon!

          Roy Moore will heute gegen den Willen des republikanischen Establishments Senator von Alabama werden. Der Missbrauchsskandal hat ihm geschadet, trotzdem hat er gute Chancen die Wahl zu gewinnen – auch weil eine Wählergruppe zu ihm hält, von der man es nicht erwartet hätte.

          Netflix veralbert seine Nutzer : Guckloch

          „Wer hat euch verletzt?“ Das Streamingportal Netflix forscht seine Nutzer aus und macht auf Twitter auch noch Witzchen darüber. Das kommt gar nicht gut an.
          Nicht nur Julia Klöckner lehnt ein Kooperationsmodell ab, auch andere führende Unionspolitiker haben für den Vorschlag wenig Begeisterung übrig.

          Kooperationsmodell : Union lehnt „KoKo“ ab

          Bei den Genossen wird der Vorstoß vom linken Parteiflügel intensiv diskutiert. Was der SPD wie eine echte Alternative scheint, stößt bei der Union jedoch auf wenig Begeisterung.
          Hemmungslose Bereicherung? Grasser und Plech im Gerichtssaal

          FPÖ-Schmiergeldaffäre : Wo woar mei Leistung?

          Einst galt Karl-Heinz Grasser als schillernde Gestalt der FPÖ. Nun wird dem Politiker vorgeworfen, systematisch an der Einwerbung von Schmiergeldern beteiligt gewesen zu sein.

          Newsletter

          Immer auf dem Laufenden Sie haben Post! Abonnieren Sie unsere FAZ.NET-Newsletter und wir liefern die wichtigsten Nachrichten direkt in Ihre Mailbox. Es ist ein Fehler aufgetreten. Bitte versuchen Sie es erneut.
          Vielen Dank für Ihr Interesse an den F.A.Z.-Newslettern. Sie erhalten in wenigen Minuten eine E-Mail, um Ihre Newsletterbestellung zu bestätigen.