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Streit um Fluorid-Zahnpasta : Wo sich Forschung mit Verschwörung mischt

Mit Fluorid oder ohne? Bislang eher eine Glaubensfrage. Bild: Getty

Der Hersteller einer Zahnpasta schürt die Angst vor Fluorid – und bringt Zahnärzte gegen sich auf. Stecken dahinter nur Verschwörungstheorien oder sind wirklich neue Lösungen nötig?

          Fluorid – erste Verbraucherschützer rufen nach Verbot“, schlug die großformatige Zeitungsanzeige Ende Januar in ganz Deutschland Alarm. Der Stoff lagere sich womöglich als Gift im Körper ab, hieß es weiter. Die Anzeige bot, günstig, eine Lösung: Karex, eine Zahnpasta ohne Fluorid, die dennoch gut gegen Karies helfe. Auf die Anzeige folgten: die wütende Reaktion der Bundeszahnärztekammer („unbegründete Verunsicherung der Bevölkerung“) und eine weitere Anzeige des Pastenherstellers, diesmal als offener Brief: Man wolle niemandes Fachmeinung in Frage stellen. Aber zur „Einnahme von Fluorid“ gebe es „unterschiedliche Meinungen“.

          Denise Peikert

          Freie Autorin im Ressort „Leben“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

          Was ist da los? Warum bringt ausgerechnet ein Putzzeug-Hersteller Zahnärzte so gegen sich auf? Und ist Fluorid tatsächlich gefährlich?

          Es geht in dieser Geschichte nicht nur um eine Werbung, die – gewollt oder ungewollt – möglichst laut provoziert. Es ist auch die Neuauflage eines ewigen Streits, bei dem sich medizinische Forschung und Verschwörungstheorien mischen.

          Mit Fluorid Kariesausbreitung bekämpfen

          Dietmar Oesterreich kennt den Streit schon sehr lange, er kann als Vizepräsident der Bundeszahnärztekammer die Argumente seiner Zunft herunterbeten: „Fluorid ist ein zentraler Faktor bei der Kariessenkung – ohne den Stoff hätten wir die Verbreitung von Karies nicht so weit zurückdrängen können.“ Der Mundgesundheitsstudie von 2016 zufolge, einer Untersuchung im Auftrag der Bundeszahnärztekammer, haben heute mehr als 80 Prozent aller Zwölfjährigen kein Karies.

          Und die Anzahl der Zähne, die bei den Menschen zwischen 35 und 44 Jahren von Karies befallen waren oder sind, ist seit 1997 um 30 Prozent gesunken. Das liegt zwar sicher auch an Putzkampagnen in den Schulen und Kindergärten und an besseren Zahnbürsten. Fluorid aber wird große Bedeutung beigemessen: Der Stoff unterstützt den Körper dabei, Calcium und andere Mineralien in den Zahnschmelz einzubauen, und beugt so Karies vor.

          Und die Angst, Fluorid könne giftig sein? Die hat Oesterreich zufolge etwas mit einem Missverständnis zu tun: Hochgiftiges Fluor frisst sich tatsächlich durch vieles hindurch. Das Salz Fluorid hingegen ist in geringen Mengen ungefährlich. Wer allerdings über Jahrzehnte viel zu viel Fluorid aufnimmt, dessen Knochen können brüchig, seine Nieren geschädigt werden.

          Tägliches Zähneputzen ist nicht gefährlich

          Unter anderem deswegen ist der Stoff sehr gut untersucht. Mit täglichem Zähneputzen jedenfalls setzt sich niemand einer Gefahr aus. Vielmehr ist es so: Dem Bundesinstitut für Risikobewertung zufolge reicht die Menge von Fluorid, die wir Deutschen so nebenher aufnehmen, über das Trinkwasser etwa oder fluoridiertes Salz, nicht aus, um Karies vorzubeugen.

          Anruf in Japan – in einem Land, in dem Fluoride in der Zahnpasta weniger verbreitet sind, und bei einem, den das Thema bewegt. Eduard R. Dörrenberg ist Geschäftsführer der Dr. Kurt Wolff GmbH, dem Bielefelder Familienunternehmen also, das die Zahnpasta Karex herstellt und die neue Runde im Fluorid-Streit ausgelöst hat. „Ich kann die ganze Aufregung nicht verstehen“, sagt Dörrenberg, der in Asien lebt. „Karies ist alles andere als ausgerottet, und damit sind Alternativen dringend notwendig.“

          Er betont andere Zahlen aus der Mundgesundheitsstudie: Nur zweieinhalb Prozent der heute 35 bis 44 Jahre alten Deutschen hatten noch nie Karies. Außerdem ist dem Firmenchef wichtig: Viele ältere Menschen, die, zum Beispiel wegen bestimmter Medikamente, zu wenig Speichel haben, litten unter Alterskaries. Weil Speichel nötig ist, damit Fluorid-Pasten funktionieren, würden die bei dem Problem nicht helfen. „Wir wollen, dass der Verbraucher eine Wahl hat“, sagt Dörrenberg.

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