08.04.2008 · Immer mehr Menschen, die gesund leben wollen und keine Zeit haben, Äpfel und Bananen zu zerkleinern, greifen zu „Smoothies“. Die sind allerdings längst nicht so gesund wie sie aussehen.
Von Stefan LockeNeulich an der Obsttheke im Supermarkt: Neben Apfelvierteln, vorgeschnittener Ananas und frisch zubereiteten Salaten liegen auf einmal kleine Plastikflaschen auf Eis. "Chiquita - Just fruit in a bottle" verspricht das Etikett, "Fresh fruit - a new way to enjoy" steht auf dem Deckel.
"Smoothies", belehrt mich die Verkäuferin, die meinen fragenden Blick erkannt hat. "Das sind unsere neuen Frucht-Smoothies." Immerhin hält das Etikett eine Erklärung auf Deutsch parat. "Ein Chiquita Smoothie ist ein Mix aus purer Frucht und frischem Fruchtsaft."
In dem Viertelliter-Fläschchen, Sorte "Erdbeer-Banane" sollen zweieinhalb gepresste Äpfel, sechs Erdbeeren, eine Banane und eine gepresste Orange enthalten sein, aber keine Konservierungsmittel, keine Saft-Konzentrate, keine Zusatzstoffe und keine Extraportion Zucker.
Eine teure Portion Obst
Eine gesunde Sache, so scheint es, für die allerdings immerhin 1,89 Euro zu zahlen sind. Laut Werbung entspricht das Fläschchen meiner "täglichen Portion Obst". Das klingt praktisch: Obstnetze nach Hause zu schleppen entfällt ebenso wie das mühsame Schälen und Zerkleinern von Äpfeln, Orangen oder Mangos.
Auch auf diese praktische Seite des Produkts soll vermutlich sein Name hindeuten: "smooth" bedeutet im Englischen leichtgängig, reibungslos, geschmeidig. Darüber hinaus verweist die Bezeichnung "Smoothie" aber auf die Konsistenz des Getränks, die fein, sämig oder cremig ist - oder besser: sein sollte.
"Smoothie" ist bisher weder ein geschützter Begriff noch eine Lebensmittelgattung. Das wird nicht mehr lange so bleiben, aber dazu später mehr. In Großbritannien führt die Sandwich-Kette "Prêt-à-manger" Smoothies bereits seit längerem.
Kein normaler Saft
Im deutschen Handel tauchten die ersten Miniatur-Säfte erstmals vor ungefähr einem Jahr auf: Produkte kleiner Hersteller, die vor allem in Saftbars, an Kiosken, Tankstellen und in Bahnhöfen angeboten wurden. Häufig enthalten die schmalen Flaschen nicht einfach Saft, sondern die von Kern und Schale befreite, pürierte Frucht.
In dieser Form lässt sie sich gut unterwegs genießen, ohne Messer oder klebrige Hände. Binnen kurzer Zeit avancierte der neue Artikel zu einem echten "Schnelldreher", der Händlern wie Herstellern satte Gewinne einträgt.
Zwischen drei und acht Euro kosten Smoothies umgerechnet auf einen Liter, während für die gleiche Menge Orangensaft nur etwa neunzig Cent zu zahlen sind. Prompt führten bald darauf nicht nur große Fruchtsafthersteller wie "Krings" und "Beckers bester" Smoothies mit Namen wie "Fruit Salad Drink" oder "b2b" ein, sondern auch Konkurrenten aus der Lebensmittelbranche.
„Der Markt boomt“
Inzwischen füllen etwa Bauer, Knorr und Schwartau Supermarktkühlregale mit Ganzfruchtsaftgetränken, die Namen tragen wie "Mövenpick Smoothie", "Vie", "Fruit2day" oder "Purpur", und Discounter lassen den Artikel mit dem Etikett ihrer Eigenmarken produzieren.
"Noch sind Smoothies nur ein Nischenprodukt", sagt Klaus Sondhauß, Geschäftsführer des Verbandes der Deutschen Fruchtsaftindustrie (VdF). Das belegen die Zahlen: Der jährliche Pro-Kopf-Verbrauch in Deutschland beträgt vierzig Liter Saft, jener von Smoothies hingegen nur einen halben Liter. "Aber der Markt boomt, und er wird weiter wachsen", sagt Sondhauß.
Unseriöse Behauptungen
Die Prognose ist wohl vor allem darauf zurückzuführen, dass viele Hersteller damit rechnen, auf lange Sicht könne das neue Produkt den Verzehr von Obst und Gemüse ersetzen. "100 Prozent der täglichen Portion Obst" verspricht etwa eine Doppelpackung von Schwartaus "Fruit2day", "50 Prozent des täglichen Bedarfs an Obst & Gemüse" offeriert der Hundert-Milliliter-Becher von Knorrs "Vie", beides wird laut Etikett "von internationalen Ernährungsexperten empfohlen".
Aussagen, die Antje Gahl von der Deutschen Gesellschaft für Ernährung (DGE) "irreführend und für Deutschland nicht zutreffend" nennt. Zwar bezögen sich beide Hinweise auf die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die täglich 400 Gramm Obst und Gemüse empfiehlt. "Das aber gilt für Entwicklungsländer. In Deutschland sollten es 650 Gramm pro Tag sein."
Darüber hinaus beeinträchtigen Auswahl und Verarbeitung der Früchte den Vergleich erheblich, sagt Bernhard Watzl vom Bundesforschungsinstitut für Ernährung und Lebensmittel in Karlsruhe. Der Ernährungswissenschaftler ist einer der wenigen Experten, die sich bisher ausführlich mit dem Trendgetränk befasst haben. ",Smoothie' ist kein geschützter Begriff.
Konsistenz ist wichtiger als Vitaminreichtum
Das Getränk kann heute so gut wie alles enthalten, was lebensmittelrechtlich zugelassen ist." Daher werden unter der trendig klingenden Bezeichnung nicht nur püriertes Obst und Gemüse, sondern auch schlichte Fruchtsäfte, Fruchtkonzentrate und sogar Milch- und Joghurtprodukte angeboten.
"Um aber Obst und Gemüse ersetzen zu können, müssen all deren Inhaltsstoffe in einen Smoothie hinein und dürfen nicht etwa im Pressrückstand hängen bleiben." Genau das aber können schon allein aus praktischen Gründen bei weitem nicht alle Hersteller garantieren.
Eine Apfelschale etwa enthält zwar siebenmal mehr Vitamine als das Fruchtfleisch und obendrein den für die Verdauung wichtigen Ballaststoff Pektin; weil die harte Schale aber die sämige Smoothie-Konsistenz verändert, wird sie meistens rechtzeitig aussortiert.
Das Gemüse fehlt
Hinzu kommt, dass der Gemüseanteil in Smoothies nur gering ist. "Bis auf Karotte, Kürbis und Tomate findet sich davon kaum etwas in diesen Getränken wieder", stellt Watzl fest. Dabei liefere gerade Gemüse ein besonders breites Spektrum wertvoller Inhaltsstoffe.
Besonders kritisch zu beurteilen seien die häufig unter der Bezeichnung "Smoothies" verkauften Konzentrate. "Durch Wasserentzug steigt der Fruchtzuckergehalt, zugleich aber sinkt der Sättigungsgrad, und man bekommt schneller wieder Hunger", beschreibt Watzl das Dilemma.
Denn zum Sättigungsgefühl tragen durch das Volumen vor allem Wasser und Ballaststoffe bei, nicht aber eine hohe Energiedichte. So enthält etwa das als Obst- und Gemüseersatz gepriesene "Vie" von Knorr, das bis zu 60 Prozent aus konzentriertem Fruchtsaft besteht, bis zu 85 Kilokalorien je 100 Milliliter - das aber ist mehr als doppelt so viel wie in der gleichen Menge Coca-Cola.
„Getränk für junge, dynamische Berufstätige“
"Frucht-Smoothies können frisches Obst und Gemüse allenfalls gelegentlich, aber niemals vollständig ersetzen", resümiert Antje Gahl von der DGE. Den Erfolg der Produkte erklärt sie wie folgt: "Der Trend zur gesunden Ernährung ist ungebrochen.
Zugleich aber sind die Leute gestresst, haben wenig Zeit und neigen zur Bequemlichkeit." Nicht ohne Grund verkauft sich das abgefüllte Pürier-Obst am besten in Großstädten. "Unsere Kunden sind junge, dynamische Berufstätige, die Wert auf ihre Ernährung legen und Smoothies als Statussymbol sehen", sagt Patrick Wings von "true fruits", dem in Bonn ansässigen Shooting-Star der Branche.
Die Firma ist eine der wenigen, die ihre Produkte nicht als Ersatz des Obst- und Gemüseverzehrs, sondern lediglich als Ergänzung anpreisen. Die fehlenden Standards der Herstellung werden offen kritisiert. "Das lockt viele Mitläufer an."
Standards für Smoothies
Die Situation war jüngst sogar Thema bei der Tagung des Weltfruchtsaftverbandes, berichtet VdF-Chef Sondhauß. Über eine baldige Regelung werde aber vorerst nur in Deutschland diskutiert. Darin soll festgelegt werden, was nach Ansicht von Ernährungsforscher Watzl einen gut zusammengesetzten Frucht-Smoothie bereits heute ausmacht: Er sollte mindestens zur Hälfte aus Püree, Mark und Fruchtstücken, aber nicht aus Konzentraten bestehen und keinesfalls Zusatzstoffe wie Konservierungsmittel, Industriezucker oder Aromen enthalten. Die pure geschredderte Frucht also.
So etwas aber ist seit der Erfindung des Mixers einfach und preiswert zu Hause herzustellen.