Home
http://www.faz.net/-gum-74mg6
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER
50 Plus

Veröffentlicht: 26.11.2012, 17:31 Uhr

Sexuell übertragbare Krankheiten Mehr Syphilis und darum auch mehr HIV

Die Neuinfektionszahlen bei HIV und Syphilis steigen in Deutschland auch in diesem Jahr wieder. Die Aids-Hilfe in Berlin warnt, dass Untersuchungen auf sexuell übertragbare Infektionen viel zu selten stattfinden und oft vollkommen unzureichend sind.

© dpa Die Epidemiologen sehen als mögliche Ursache für den aktuellen Anstieg der HIV-Neuinfektionen die seit Anfang 2010 stetig ansteigenden Syphilis-Zahlen

Täglich infizieren sich zehn Menschen in Deutschland mit dem HI-Virus. Insgesamt leben inzwischen fast 78.000 HIV-Infizierte (2011: 74.000) in Deutschland. Ihre Zahl hat sich seit den neunziger Jahren nahezu verdoppelt. Hauptgrund dafür ist aber, dass seit dieser Zeit, bedingt durch die Verfügbarkeit von hochwirksamen antiretroviralen Therapien, weniger Menschen mit oder an HIV sterben. Zwei Drittel der HIV-Infizierten erhalten mittlerweile eine solche Therapie. Damit sinkt das Risiko gegen Null, dass sie andere Personen mit dem Aids-Erreger anstecken.

Peter-Philipp Schmitt Folgen:

Zugleich liegt die Zahl derjenigen, die mit HIV-infiziert sind und nicht therapiert werden, fast unverändert bei etwa 28.000, wobei die Hälfte nicht einmal etwas von ihrer Ansteckung weiß. Auf sie besonders gehen die Neuinfektionen in Deutschland zurück, die seit Jahren wieder leicht ansteigen.

Eine Syphilis-Infektion erhöht die HIV-Ansteckungsgefahr

Nach Schätzungen des Robert-Koch-Instituts (RKI) setzt sich der Trend auch in diesem Jahr fort. Wie das Berliner Institut am Montag im Vorfeld des Welt-Aids-Tages am 1. Dezember mitteilte, erwartet es für 2012 insgesamt 3400 HIV-Infektionen, das wären etwa 100 mehr als 2011 und rund 250 mehr als 2010. Fast jede vierte Neuinfektion wird nicht gemeldet, so dass die Zahl der Erstdiagnosen auch 2012 unter 3000 liegen dürfte. Bis zum 1. November fielen 2087 Aids-Tests positiv aus, 1775 bei Männern und 311 bei Frauen. Im vergangenen Jahr waren es insgesamt 2911 (Männer: 2448, Frauen: 456) und damit erstmals wieder leicht weniger als in den Jahren zuvor (2010: 2940). Die Zahl der Todesfälle beträgt unverändert gegenüber dem Vorjahr etwa 550.

HIV-ERstdiagnosen / HIV-Infizierte / Infografik © F.A.Z. Bilderstrecke 

Rund zwei Drittel (51.000) der mit HIV lebenden Menschen in Deutschland sind Männer, die Sex mit Männern (MSM) haben. Sie stellen auch die bei weitem größte Gruppe bei den Neuinfektionen - 2012 sollen es 2500 sein. Bei ihnen kam es schon Ende der neunziger Jahre zu einer merkbaren Zunahme von Neuinfektionen, die etwa von 2004 an in eine Plateau-Phase übergegangen ist. Innerhalb dieser Plateau-Phase gab es einen leichten Anstieg bis 2006, einen leichten Rückgang bis 2010 und einen abermaligen leichten Anstieg seit 2011. Die Epidemiologen beim RKI sehen als mögliche Ursache für den aktuellen Anstieg besonders bei Männern in den Altersgruppen 20 bis 39 Jahren die seit Anfang 2010 stetig ansteigenden Syphilis-Zahlen. Bis zum 1. November wurden 1726 Syphilis-Fälle bei MSM registriert, im vergangenen Jahr waren es insgesamt 2239. Eine Syphilis-Infektion erhöht bei einem HIV-Infizierten das Risiko, seinen Sexualpartner anzustecken - und zwar sowohl, wenn er gegen HIV therapiert wird, als auch, wenn er nicht mit antiretroviralen Medikamenten behandelt wird.

Um einem Anstieg der Neuinfektionen entgegenzuwirken, müssten also nicht nur noch mehr HIV-Infizierte mit antiretroviralen Medikamenten behandelt werden. Auch die Syphilis-Infektionen gerade bei Schwulen müssten ebenfalls schneller diagnostiziert und therapiert werden. Die Deutsche Aids-Hilfe in Berlin weist in diesem Zusammenhang darauf hin, dass in Deutschland Untersuchungen auf sexuell übertragbare Infektionen viel zu selten stattfinden und oft vollkommen unzureichend sind, selbst bei Homosexuellen, die sich gezielt beim Arzt auf sexuell übertragbare Krankheiten hin untersuchen lassen wollen.

Mehr zum Thema

Quelle: F.A.Z.

 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Zika-Virus Brasiliens Staatsfeind Nummer eins

Tausende Neugeborene, deren Mütter sich in Brasilien mit dem Zika-Virus infiziert hatten, sind mit Fehlbildungen zur Welt gekommen. Die Regierung hat nun Soldaten mobilisiert, um die mysteriöse Krankheit einzudämmen – auch mit Blick auf die Olympischen Spiele. Mehr Von Matthias Rüb, São Paulo

28.01.2016, 11:32 Uhr | Politik
Zentral- und Südamerika Zika-Virus breitet sich aus

Die Zahl der Infektionen mit dem Zika-Virus nimmt stetig zu. Und auch die Sorge wächst: Besonders betroffen sind Zentral- und Südamerika. Mehr

28.01.2016, 15:42 Uhr | Gesellschaft
Zika-Virus Drastischer Anstieg an Schädelfehlbildungen

Immer mehr Babys erleiden schwere körperliche Fehlbildungen, die zu geistigen Behinderungen oder zum Tod führen können. Noch ist unklar, ob das Zika-Virus dafür verantwortlich ist. Eine Menge spricht aber dafür. Mehr

03.02.2016, 04:46 Uhr | Gesellschaft
Virus in Texas Erste Zika-Infektion durch ungeschützten Sex

Im amerikanischen Bundesstaat Texas ist ein Zika-Fall bekannt geworden, bei dem das Virus durch Sexualkontakte übertragen wurde. Die Seuchenschutzbehörde der Vereinigten Staaten geht zwei weiteren Zika-Fällen nach, die mit Sexualkontakten zu tun haben könnten. Schwangere können das Virus an ihre ungeborenen Kinder weitergeben, bei denen es offenbar Fehlbildungen wie Mikrozephalie verursachen kann. Mehr

03.02.2016, 17:32 Uhr | Gesellschaft
Kolumbien Mehr als 2000 Schwangere mit Zikavirus infiziert

Den Behörden zufolge haben sich in Kolumbien bereits mehr als 2000 Schwangere mit dem Zikavirus angesteckt. Der Erreger steht im Verdacht, Missbildungen auszulösen. Mehr

31.01.2016, 05:00 Uhr | Gesellschaft
Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden