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Aktualisiert: 10.01.2017, 11:27 Uhr

Kritik an Grünen-Vorschlag „Sie sollen nicht mehr nerven“

Auf Rezept sollen Pflegebedürftige nach Ansicht der Grünen Sex mit Prostituierten bekommen. „Menschenverachtend“ findet das ein Pflegeforscher. Alte Menschen seien kein Kochtopf, von dem man Druck ablasse.

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© dpa Eine Prostituierte liebkost 2014 den körperlich und geistig behinderten Roland in Limbach (Bayern).

Pflegebedürftige und Schwerkranke sollen nach Ansicht der Grünen künftig Sex mit Prostituierten bezahlt bekommen können. Das forderte die pflegepolitische Sprecherin der Bundestagsfraktion, Elisabeth Scharfenberg, in der „Welt am Sonntag“. „Eine Finanzierung für Sexualassistenz ist für mich vorstellbar“, sagte Scharfenberg. „Die Kommune könnte über entsprechende Angebote vor Ort beraten und Zuschüsse gewähren.“

Sebastian Eder Folgen:

Vanessa del Rae begrüßt diesen Vorschlag. Sie berät als „Life- und Sexcoach“ Pflegeheime zum Umgang mit dem Thema Sexualität. Davor arbeitete sie 28 Jahre als Krankenschwester und leitete Pflegeeinrichtungen im Kölner Raum und Berlin. Die Prostituierten seien ein „Segen“ für Heimbewohner und Pflegepersonal, sagt sie. „Sexualität ist ein Grundbedürfnis. Und dieses Bedürfnis verschwindet im Alter nicht einfach.“ Würde es nicht mehr befriedigt, reagierten vor allem Männer darauf aggressiv und gereizt, oft könnten sie nicht mehr gut schlafen. „Das kann dazu führen, dass sie Pfleger attackieren“, sagt Rae. „Und das lässt sich verhindern, wenn ihre sexuellen Bedürfnisse befriedigt werden.“  

„Das Thema Sexualität ist in Heimen ständig präsent“

Pflegeforscher Wilhelm Frieling-Sonnenberg, Professor an der Hochschule Nordhausen, bezeichnet diese Argumentation als „menschenverachtend“. „Es geht offensichtlich darum, Menschen durch sexuellen Druckabbau wieder funktionstüchtig machen zu wollen: Lasst die Alten Druck ablassen, dann sind sie pflegeleichter.“ Auch der Professor leitete elf Jahre ein Pflegeheim, er sagt: „Das Thema Sexualität ist in Heimen ständig präsent. Es kommt immer wieder dazu, dass Patienten sich öffentlich selbst befriedigen und das Pflegepersonal muss dann damit umgehen.“

44115750 © Hochschule Nordhausen Vergrößern Professor Wilhelm Frieling-Sonnenberg

Trotzdem findet er, dass Sex mit Prostituierten der falsche Weg ist. „Das ist ein zentrales gesellschaftliches Problem, das sich hier zeigt: Es geht nur um die Funktionalität der Menschen. Sie sollen nicht mehr nerven, nicht so viel Arbeit machen. Aber auch alte Menschen und Behinderte wollen als ganzheitliche Menschen angesehen werden. Und nicht als Kochtopf, von dem man Druck ablässt, damit man seine Ruhe hat.“

Auch der Vorstand der Deutschen Stiftung Patientenschutz, Eugen Brysch, sagt: „Mit dem Thema Prostitution für Pflegebedürftige als Leistung der Kommunen gewinnen die Grünen die Hoheit über bundesdeutsche Stammtische.“ Millionen Betroffenen helfe die Partei so allerdings nicht weiter. „Wer täglich damit zu kämpfen hat, beim Stuhlgang, Waschen und Essen Hilfe zu erhalten, hat andere Sorgen. Hier muss die Partei Vorschläge machen.“

„Projektion der jungen Generation“

Frieling-Sonnenberg hält das Thema deswegen auch für eine „Projektion der jungen Generation“ auf ältere Menschen, die mit den wirklichen Bedürfnissen der Alten wenig zu tun habe. „In Wirklichkeit leiden die meisten alten Menschen unter Einsamkeit. Und dieses Gefühl wird von einer Prostituierten nur angetriggert. Wenn sie weg ist, ist die Leere umso größer. Echte menschliche Nähe ist das nicht. Es bleibt im Gegenteil alles auf der Strecke, was menschliche Kommunikation fördert.“

44115749 © Fizzfoto Vergrößern Vanessa del Rae

Sexcoach Vanessa del Rae sieht das anders: „Jeder weiß doch, wie es einem nach einem schönen Wochenende geht. Man fühlt sich besser, wenn man Sex hatte. Warum sollte das in einem Pflegeheim anders sein?“ Es gebe schließlich auch Menschen, die zu eingeschränkt seien, um sich selbst zu befriedigen.

Auch dass Sex dadurch noch stärker als Ware angesehen würde, wie der Professor kritisiert, hält sie für unproblematisch. „Prostitution ist aus gutem Grund eines der ältesten Gewerbe der Welt. Für Essen und Trinken zahle ich doch auch, das sind genauso Grundbedürfnisse.“

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Einem Kritikpunkt kann sie allerdings zustimmen: „Es geht meistens nur um die Bedürfnisse der Männer, weil sie es sind, die den Pflegern mit ihrer Aggression Probleme machen. Frauen reagieren eher mit Rückzug und Depressionen, das macht weniger Ärger.“ Hat Frieling-Sonnenberg dann nicht Recht damit, wenn er sagt, dass es letztlich nicht um die Bedürfnisse der Menschen gehe, sondern um die Arbeit, die sie machen? „Oft ist das der Ansatzpunkt. Es wäre natürlich schön, wenn man auch bei Frauen darauf schauen würde, was die Ursache für eine Depression ist. Da würde man dann auch nicht selten bei der Sexualität landen.“

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