14.02.2005 · Europa gilt als poliofrei, weltweit nur noch sechs Länder als endemisch. Gefahr gebannt, Gefahr vergessen? Wenn das Risikobewußtsein sinkt und die Kontrollen nachlassen, könnte die Kinderlähmung rasch zurückkehren.
Von Karoline StürmerDie Kinderlähmung - auch Poliomyelitis genannt - könnte wieder nach Deutschland eingeschleppt werden. Das befürchten zumindest Infektionsexperten. Die bisherigen Erfolge weltweiter Impfkampagnen senken das Risikobewußtsein in der Bevölkerung, aber auch bei vielen Ärzten. Wenn die Durchimpfungsraten fallen und die Kontrollen nachlassen, könnte Kinderlähmung innerhalb weniger Jahre weltweit wieder zu einem massiven Problem werden, so die übereinstimmende Meinung auf einer Fortbildungsveranstaltung für Ärzte, die kürzlich von der Berliner Medizinischen Gesellschaft und der Deutschen Vereinigung zur Bekämpfung von Viruskrankheiten organisiert wurde.
Im Jahre 1988 beschlossen die Mitgliedsländer der Weltgesundheitsorganisation (WHO) die zügige Ausrottung der Kinderlähmung. Dieses Ziel will sie jetzt zumindest in Asien bis Ende 2005 erreichen. Tatsächlich sind die Erfolge weltweiter Impfaktionen außerordentlich. Während 1988 noch 350.000 Fälle auftraten, waren es im Jahre 2002 nur noch etwa tausend. Die gesamte westliche Hemisphäre, die westpazifische und die europäische Region wurden bereits von unabhängigen Expertenkommissionen als poliofrei erklärt. Inzwischen gelten nur noch Niger, Nigeria, Ägypten, Indien, Pakistan und Afghanistan als endemisch, weil dort vereinzelt Erkrankungen auftreten.
Furcht in Afrika: Schluckimpfung macht impotent
Ein sinkendes Risikobewußtsein und Hetzkampagnen führten allerdings in einigen Ländern dazu, daß weniger geimpft wurde. So verbreitete sich in einer nördlichen Provinz Nigerias das Gerücht, Schluckimpfung mache Männer impotent. Danach kam es wieder zu Ausbrüchen. Im letzten Jahr gelangten die Erreger sogar in benachbarte west- und zentralafrikanische Länder, die bereits als poliofrei gegolten hatten. Trotzdem sind die betroffenen Länder in Afrika und Asien fest entschlossen, Polio endgültig auszurotten, sagte Rudi Tangermann, Medical Officer des Programms für Immunisierung und Impfstoffe der WHO. Die weltweiten Anstrengungen dürften in diesem Stadium auf keinen Fall nachlassen. Die Kampagnen seien zwar aufwendig, dafür würde aber auch das gesamte Gesundheitssystem des jeweiligen Landes profitieren. Möglich sind diese Aktionen unter anderem auch durch die private Initiative von Rotary International, die mittlerweile rund 600 Millionen Dollar eingebracht hat, sagte Axel Stelzner von Rotary International.
Die Kinderlähmung wird durch drei verschiedene Typen von Polioviren verursacht. Die Erreger greifen Zellen des Rückenmarks an und führen zu meist bleibenden Lähmungen der Beine und Arme, in selteneren Fällen auch zu Atemlähmungen mit Todesfolge. Heilungsmöglichkeiten gibt es nicht. Bis zum Jahr 2002 wurde hierzulande noch mit Hilfe der Schluckimpfung immunisiert. Dazu wurden abgeschwächte, aber lebende Krankheitserreger verwendet. Diese Impfung hat den Nachteil, daß die Viren in extrem seltenen Fällen mutieren und beim Impfling eine Polioerkrankung verursachen können. Weil nach einer Schluckimpfung die Viren mit dem Stuhl ausgeschieden werden, können sich über eine Schmierinfektion auch andere Menschen in der Umgebung anstecken. Um dieses Risiko zu vermeiden, empfiehlt die Ständige Impfkommission am Robert Koch-Institut (STIKO) hierzulande inzwischen nur noch Immunisierungen mit dem Totimpfstoff, also mit abgetöteten Erregern.
Asylbewerber schlecht durchimpft
Wie hoch die Durchimpfungsrate in Deutschland jeweils ist, hänge vom ethnischen und sozialen Hintergrund der Menschen in den Regionen ab, sagte Adolf Windorfer, Präsident des Niedersächsischen Landesgesundheitsamtes in Hannover und Vorsitzender der Nationalen Kommission. So seien zwar im Durchschnitt achtzig Prozent aller Kinder in Deutschland geimpft. Bei den Sprößlingen ausländischer Herkunft schwanken die Werte aber zwischen 80 und 30 Prozent. Erschreckend sei auch die Situation bei erwachsenen Asylbewerbern. Eine Untersuchung hatte ergeben, daß bis zu 37 Prozent gegen mindestens einen der drei Polioviren nicht immun sind - also theoretisch erkranken können. Asylbewerbern sollte deshalb bei der Einreise verstärkt die freiwillige Impfung angeboten werden, empfahl Windorfer. Außerdem dürfe nicht erwartet werden, daß ausländische Mitbürger zur Impfung den Arzt aufsuchen, dieser müsse vielmehr zu ihnen kommen. Aber auch bei Deutschen ist der Impfschutz von Erwachsenen ein Problem. So ergaben Stichproben, daß rund jeder Zweite nicht ausreichend gegen Polio geschützt ist. Der Grund: Die Auffrischungsimpfungen, die im Abstand von zehn Jahren notwendig sind, werden nicht wahrgenommen. Auch Ärzte müßten mehr als bisher sensibilisiert werden, auf den Impfschutz ihrer Patienten zu achten, forderte Windorfer.
Weil Polioviren nur aufwendig nachweisbar sind, sei außerdem ein funktionierendes Überwachungssystem nötig. Ärzte müssen möglichst schnell melden, wenn bei Kindern akute Lähmungen auftreten. Im Vergleich zu den Nachbarländern sei die Meldefreudigkeit in Deutschland aber sehr schlecht. Mit zunehmenden Impflücken in der Bevölkerung und einer mangelhaften Überwachung wächst das Risiko, daß sich ein einmal eingeschlepptes Virus ausbreiten könnte. Die Einschleppung selber kann zunächst völlig unbemerkt bleiben, berichtete Heinz Zeichhardt vom Institut für Infektionsmedizin an der Charite, der die Berliner Veranstaltung organisierte.
Mehrheit der Infizierten nur Überträger
Nur zehn Prozent der Infizierten leiden an Symptomen. Die Mehrheit aber trägt die Viren in sich und verbreitet sie weiter, ohne selber Beschwerden zu haben oder zu erkranken. Dabei sind nicht nur die Endemiegebiete mögliche Quellen für Infektionen. Aus allen Ländern, in denen noch mit Schluckimpfung immunisiert wird und in denen die hygienischen Bedingungen mangelhaft sind, könnten mutierte Viren eingeschleppt werden. So kam es in den vergangenen Jahren auf den Philippinen, auf Madagaskar, in der Dominikanischen Republik und, wie jetzt bekannt wurde, durch die Einreise eines fünfjährigen afrikanischen Jungen während der jüngsten Pilgerfahrt nach Mekka in Saudi-Arabien zum Auftreten der Polio. Dieser Fall beunruhigt die WHO besonders, weil man befürchtet, daß sich die Erreger während der Massenveranstaltung mit rund zwei Millionen Muslimen vor wenigen Wochen auf einen größeren Kreis von Menschen aus allen möglichen Ländern ausgebreitet haben könnten.
Trotz der Risiken kann nach Ansicht der Fachleute auf den Lebendimpfstoff nicht verzichtet werden. Zum einen können sich ärmere Länder den teuren Totimpfstoff kaum leisten, zum anderen scheint der Lebendimpfstoff in Ländern mit hohem Poliorisiko einen großen Vorteil zu haben. Er verleiht nämlich dort Schutz, wo die Erreger in den Körper gelangen: im Magen-Darm-Trakt. Zumindest einige Monate nach der Impfung können sich krankmachende Viren dort nicht mehr vermehren. Die harmlosen Impfviren scheinen sie dort zu verdrängen.