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Veröffentlicht: 18.05.2016, 10:52 Uhr

Selektiver Mutismus Die schweigsame Tochter

Redet ein Kind nicht, obwohl es könnte, sprechen Ärzte von selektivem Mutismus – einem noch eher unbekannten Krankheitsbild in Deutschland. Aber wie lebt es sich mit der Diagnose?

von
© Isabel Klett Stille Qual eines Mutisten: Wenn den Leidenden die Sprache fehlt.

Jeden Abend, wenn Lea ins Bett geht, müssen ihre Geschwister und ihre Eltern der Fünfjährigen nach einer von ihr streng festgelegten Reihenfolge eine behutsame Nacht wünschen. Leas Mutter ist dabei stets als Letzte dran. Sie bekommt von der Tochter nicht nur gute Nacht gesagt, sondern auch noch eine Reihe von Liebesbekundungen und Verhaltensanweisungen mit. Dazu zählt jeden Abend: „Mama, du darfst keinen Aufzug fahren.“

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Seit Lea erfahren hat, aus welchem Grund es rote Notknöpfe in Aufzügen gibt, hat sie Angst, dass jemand im Lift stecken bleiben könnte. Selbst betritt sie keinen mehr. Hat sie mitbekommen, dass das Auto eine Panne hat, eine Treppenstufe im Haus wackelt oder ihre Lieblingstasse zum Frühstück nicht gespült ist, wird Lea panisch. Mit einer Mischung aus Hartnäckigkeit und Furcht will sie dann verstehen, wie eine Treppe konstruiert ist, warum Autos kaputt gehen, wie bedrohlich ein ausgelassenes Ritual für sie werden kann.

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Lea kann zu Hause ganz klar sagen, was sie will und was nicht. Mehr als andere Kinder in ihrem Alter will sie neugierig alles verstehen, reflektieren und kontrollieren. Sie macht klare Ansagen und zieht ihre Konsequenzen. Vor der Haustür allerdings, beim Metzger oder Kinderarzt, verstummt Lea. Kein Wort kommt ihr mehr über die Lippen. Ihr Sprachrohr in der Welt außerhalb der stilvoll eingerichteten Doppelhaushälfte der Familie Peters ist ihre Mutter.

Das stille Leiden

Lea leidet an selektivem Mutismus. Obwohl sie es können, obwohl Stimmbänder, Zunge, Gehör und Sprachzentrum reibungslos funktionieren, sagen Mutisten in bestimmten Situationen nichts mehr. Gerade dann, wenn von ihnen erwartet wird, dass sie antworten oder grüßen, schweigen sie. Statt „Hallo“ zu sagen, dreht Lea sich von Nachbarn weg. Will sie im Geschäft etwas fragen, flüstert sie das ihrer Mutter ins Ohr.

Lea hat schon mit fünf Monaten begonnen zu fremdeln. Als sicherer Hafen galt nur noch ihre Mutter. „Aus dieser Phase ist sie bis heute nicht mehr herausgekommen“, sagt Sabine Peters. Normalerweise beginnen Kinder um den achten Lebensmonat, Fremde skeptisch zu beäugen, gelegentlich auch lautstark abzulehnen. Das hat die Natur so vorgesehen; Kinder lernen in dieser Zeit, zwischen Vertrautem und Neuem zu unterscheiden, ihre Umgebung zu erkunden und gleichzeitig zu wissen, wo es sicher ist. Nach einigen Wochen werden Neugier und Vertrauen in die Welt aber so groß, dass Kinder wieder offen auf Fremde zugehen. Lea ist gerade fünf geworden und läuft immer noch am liebsten in ihr Zimmer, wenn Besuch kommt oder die Großeltern sie ansprechen.

Bis zu 10.000 Betroffene

Selektiver Mutismus tritt typischerweise bei Kindern im Vorschulalter auf, aber auch deutlich jüngere Kinder können betroffen sein. Die Spannweite des Alters wie auch der Ausprägung ist groß. Eins ist aber allen Betroffenen gleich: Sie sprechen nur mit bestimmten Personen, an bestimmten Orten oder zu bestimmten Themen. Die Angaben, wie viele Kinder betroffen sind, schwanken zwischen sieben und 19 pro tausend Kindern. In Deutschland sollen es 6000 bis 10.000 sein. Tendenz steigend, da durch bessere Kenntnisse immer mehr Kinder diagnostiziert werden. Aus diesem Grund glauben Experten auch, dass die Dunkelziffer deutlich höher liegt. Lange war dieses Störungsbild in Deutschland wenig bekannt, und bisher gibt es kaum Forschung dazu. Selbst manche Ärzte kennen die Erkrankung nicht.

Wird der Mutismus bei einem Kind nicht diagnostiziert und behandelt, lernt es, im Laufe des Lebens Lösungsstrategien zu entwickeln, mit denen es den Alltag meistert, ohne in bestimmten Situationen reden zu müssen. Aus sehr zurückhaltenden Kindern werden nicht selten Erwachsene, die zurückgezogen leben. Eine wirksame Therapie erfahren sie so nie. Vereinzelte Forschung deutet darauf hin, dass diese Erwachsenen dann zwar nicht dauerhaft an selektivem Mutismus leiden, aber das Risiko für andere psychische Erkrankungen wie etwa die Agoraphobie, bei der Menschenmassen gemieden werden, ansteigt.

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