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Selbstversorger : Gottfried, der Habenichts

Bild: Henning Bode

Gottfried Stollwerk ist Selbstversorger: Auf zehn Hektar Land produziert er alles, was er zum Leben braucht. Seine Nachbarn halten ihn für weltfremd. Er aber findet, die Welt habe sich ihm entfremdet - und sieht die Zukunft in handgemähtem Heu.

          Tau liegt noch auf den schattigen Wiesen um den Hof, Gottfried Stollwerk macht morgens um fünf erst mal Rückengymnastik. Anschließend nimmt er einen Eimer, geht über die Wiese zur Quelle, schöpft Wasser, trägt den Eimer wieder ins Ofenzimmer und erhitzt die zwei Liter. Lauwarm trinkt er sie, danach kann er besser arbeiten. Um kurz nach sechs steht Gottfried Stollwerk mit der Sense im klammen Gras, wie schon seit eineinhalb Monaten jeden Morgen. Er erntet und trocknet das Gras, mit dem er im Winter seine Tiere füttert. Er will ohne Geräte auskommen, die Strom oder Diesel verbrauchen. Einzelne Gräser sind verblüht, sie reichen bis über die Knie. Der Selbstversorger trägt Wadenstrümpfe aus Wolle, Lederhose und Wolljacke. Er lebt auf einem Hof in Hiddinghausen im südwestlichen Niedersachsen, hat zwei Kühe, zwei Kälber, neun Schafe, elf Lämmer, sechs Hühner, einen Hahn, ein Küken, eine Ziege, eine Katze. Die kann er mit seiner Muskelkraft ernähren, mehr nicht. Er bewohnt einen großen Bauernhof und besitzt zehn Hektar Land, zur Hälfte Wiese, zur Hälfte Wald.

          Jan Grossarth

          Redakteur in der Wirtschaft, zuständig für „Menschen und Wirtschaft“.

          Modell für die Zukunft

          Der schöne Hof zerfällt. Ein Brett hängt vom Dachgiebel herab. Im Schweinestall liegen, hängen, stehen: eine Schubkarre mit Brennnesseln, Fahrräder, ein ausgestopfter Hase, Kinderbilder, Taue, trocknende Tierdärme, ein Kanu, alte Holzräder, luftgetrocknetes Schaffleisch für den Winter. Draußen trocknet ein Fell in der Sonne, vor einer Regenwanne stehen schmutzige Einmachgläser, auf der Wiese verstreut liegen Tierschädel. Auf der Stalltür steht geschrieben: „Ich bleibe auf dem Land / und ernähre mich, wie ich kann.“

          Stollwerk mäht das Gras mit der Hand
          Stollwerk mäht das Gras mit der Hand : Bild: F.A.Z.-Henning Bode

          Wer das Gelände zum ersten Mal betritt, denkt: Hier wohnt ein Irrer. Wer drei, vier Tage lang bleibt, geht in die Welt zurück und wundert sich über die Welt.

          Gottfried Stollwerk steht im Gras, wetzt seine Sense alle zwei, drei Minuten, weil die Maulwurfshügel sie abstumpfen. 40 Tage Mahd hat er jetzt hinter sich, 200 Stunden Arbeit. 15 Tage Heuernte liegen noch vor ihm, bis eine Wiese abgeerntet ist, die nicht einmal einen Hektar groß ist. Im Gras stehen Gänsedisteln, Ampfer, Weidelgras, Frauenmantel, Löwenzahn, Weißklee, Wiesenschwingel. Seine Kühe, sagt Stollwerk, seien wohl die einzigen in Deutschland, die nur handgeerntetes Heu fräßen. Er sieht seine Wirtschaftsweise als Modell für die Zukunft.

          Er könnte zum Bioladen gehen und Biorindfleisch kaufen, er könnte etwas Futter für den Winter zukaufen für die Viecher. Er glaubt jedoch, dass nur die Handarbeit und der Nahrungskreislauf der Tiere eine positive Energiebilanz aufweisen und ressourcenverbrauchende Wirtschaft nur auf Zeit funktionieren kann. Er will so leben, wie er es für natürlich hält. „Das Paradies ist nun mal vorbei“, sagt er manchmal.

          Barfuß in eine Hummel

          Der Blick vom Südwesthang ist weit und schön. Auf der Wiese liegen Kuhfladen und Ziegenköddel. Von hier oben überblickt Gottfried Stollwerk die Höfe und Felder seiner Nachbarn. Einer der Bauern brummt mit 100-PS-Fendt-Traktor durchs Land. Die Bauern spritzen das Unkrautbekämpfungsmittel Glyphosat.

          Seit vor drei Jahren seine Frau und zwei Söhne ausgezogen sind, die besser leben wollten, hat er sich auch vom kommunalen Wassernetz abgekapselt und ist zur Quelle zurückgekehrt. Stollwerk hat Angst, dass das Glyphosat in seine Quelle einsickern könnte. Er will das Wasser aber nicht auf Schadstoffe messen lassen, dann würde es ihm nur nicht mehr schmecken. Seine Quelle will er schützen, „falls der Aldi einmal nicht mehr aufmacht“. Mit seinem Nachbarn ist er zerstritten. Gottfried sagte ihm gelegentlich seine Meinung zum Glyphosat. Der Nachbar verzweifelt an dem kauzigen Sonderling.

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