07.09.2009 · Großbritannien geht sorglos mit der Schweinegrippe um: Die Tochter zeigt deutliche Symptome der Krankheit - die Hausärztin beharrt auf Halsentzündung. Dann steht die Diagnose „Schweinegrippe“ fest. Und der behandelnde Arzt redet lächelnd darüber hinweg.
Von Bettina Schulz, LondonDie Tochter klagt am dritten Urlaubstag in Tunesien über Halsschmerzen und Husten. Die Mutter nimmt an, das Kind habe sich im Flugzeug erkältet. Die Tochter tobt weiter im Pool, spielt mit anderen Kindern und besucht den Mini-Club. Die Halsschmerzen werden aber schlimmer, der Husten stechend. Der Arzt im Club erkennt auf Halsentzündung und Mandelentzündung. Antibiotikum. Das Mädchen soll nicht mehr in die Sonne und nicht mehr in den Pool.
Da es die letzten beiden Urlaubstage sind, ignoriert die Mutter die Warnung und lässt die Tochter weiter spielen. Erst als dem Kind nachts übel wird, beginnt sie mit der Verabreichung des Antibiotikums. Auf dem Rückflug klagt die Tochter auch über Gliederschmerzen. Abends setzt Fieber ein, aber nicht mehr als 39 Grad. Die Hausärztin erkennt am nächsten Tag auf Halsentzündung. Ein anderes Antibiotikum. Zu diesem Zeitpunkt hat das Mädchen in Wirklichkeit schon Schweinegrippe und ist hoch ansteckend.
Der Computer spuckt die Diagnose aus
Am nächsten Tag hustet die Tochter heftig, hat Gliederschmerzen und dicke Augen. Sie schläft viel, will nicht richtig essen und sagt, ihr sei schlecht. Die Mutter, allmählich unruhig, ruft die britische „National Pandemic Helpline“ an. Ein junger Mann unterbricht sie sofort und teilt mit, bei folgenden Symptomen müsse die Tochter umgehend ins Krankhaus. Er fragt ab: Läuft Ihre Tochter blau an? Erstickt sie? Ist sie im Delirium? Hat sie einen Kreislaufkollaps? Fällt die Brust ein? Kann sie Sätze nicht mehr zu Ende sprechen? Die Mutter verneint.
Der Mann fragt weiter: Hat Ihre Tochter Fieber? Hat sie Husten? Hat sie Halsschmerzen? Hat sie Gliederschmerzen? Ist ihr manchmal übel? Die Mutter bejaht, und der Computer spuckt die Diagnose aus: Schweinegrippe. Die Mutter bekommt einen Code, gegen den ihr vom Surbiton-Krankenhaus in London 60 Milligramm Tamiflu ausgehändigt werden sollen. Gespräch beendet, Großbritannien hat einen Fall von Schweinegrippe mehr. Kein Arzt hat eine Diagnose gestellt, kein Arzt hat Tamiflu verordnet. Bei der „Helpline“ könnte sich also jeder mit Tamiflu bevorraten.
„Gängige“ Nebenwirkungen
Die Hausärztin hält an ihrer Diagnose „Halsentzündung“ fest und verschreibt das dritte Antibiotikum. Die Mutter holt das Mittel in der Arztpraxis ab. Die Helferinnen dort raten ihr, das Tamiflu solle sie sich trotzdem besorgen: „Sie brauchen es Ihrer Tochter ja nicht zu geben. Aber dann haben Sie es wenigstens im Haus.“ Also zum Surbiton-Krankenhaus. Dort weist ein Schild darauf hin, dass Personen mit Grippesymptomen das Krankenhaus nicht betreten, sondern einen anderen Abholer schicken sollen.
Wer gedacht hat, in britischen Krankenhäusern stünden Hunderte Patienten um Tamiflu an, der hat sich geirrt. Die Mutter ist die einzige Abholerin. Gegen Vorlage des Codes und des Ausweises wird man zum „Pick-up Point“ geführt. Eine Krankenschwester hört sich die Geschichte der Mutter an und händigt das Tamiflu schließlich aus. Sie warnt aber vor möglichen Nebenwirkungen: „Sie müssen das selbst entscheiden. Aber Tamiflu heilt nicht, sondern lindert nur die Symptome. Sie müssen wissen, ob Sie Ihrer Tochter das Medikament geben wollen.“
Der Beipackzettel führt als „gängige“ Nebenwirkungen auf: Übelkeit, Erbrechen, Durchfall, Bauchschmerzen, Kopfschmerzen und bei Kindern bis zwölf Jahren gelegentlich auch Ohrenentzündung, Lungenentzündung, Bronchitis, Asthma, Nasenbluten, Bindehautentzündung, Hautschwellungen, Sehstörungen, Unregelmäßigkeit des Herzschlages. Bei älteren Kindern reichen die möglichen Nebenwirkungen bis zur Leberstörung und zum Delirium.
„In zwei Tagen springt Ihre Tochter wieder fröhlich herum“
Die Antibiotika schlagen nicht an, die Mutter bringt das Kind zu einem anderen Arzt. Der strahlt sie an: „Werfen Sie die Antibiotika weg. Ihre Tochter hat Schweinegrippe. Die ist harmlos. In zwei Tagen springt Ihre Tochter wieder fröhlich herum.“ Die Mutter sagt etwas von Tamiflu. „Um Gottes willen. Werfen Sie das Zeug auch weg.“ Aber ist die Schweinegrippe nicht ansteckend? Der Arzt: „Ich hatte hier etwa 200 Fälle. Und ich sitze doch immer noch auf meinem Stuhl, oder?“
Die Mutter erwähnt noch, dass die Tochter eigentlich in zwei Tagen zum Verwandtenbesuch nach Deutschland hätte fliegen sollen. Der Arzt grinst und beugt sich zu dem Mädchen: „Wenn dich auf der Reise jemand fragt, ob du krank bist, dann sagst du nein. Und wenn dich jemand fragt, ob du Medizin nimmst, dann sagst du auch nein.“
Gut gerüstet?
Die Bedrohung trifft die ganze Familie. Vor allem in diesen Wochen, in denen Tausende von Familien und Schulkindern aus dem Urlaub zurückkehren und nach den Sommerferien die Schule wieder beginnt, machen sich Eltern Sorgen über die Schweinegrippe. Jeder dritte Brite werde im Herbst und Winter an der Schweinegrippe erkranken, schätzt die Regierung in London. Wer erlebt hat, wie sein Kind an der Krankheit leidet, glaubt den Beteuerungen nicht mehr, dass das Land gut gerüstet sei. Das beginnt schon mit der Diagnose. Die Krankheit hat sich mittlerweile so ausgebreitet, dass gar nicht mehr systematisch untersucht wird, ob es sich um eine Infektion mit der Erreger A/H1H1 handelt.