27.04.2009 · Wegen der in Mexiko ausgebrochenen Schweinegrippe wächst die Sorge vor einer Pandemie. Die spanische Regierung bestätigte einen ersten Fall, das schottische Gesundheitsministerium meldete inzwischen zwei Infektionsfälle.
Die Schweinegrippe breitet sich weiter aus und lässt die Angst vor einer Pandemie wachsen. Den ersten Fall einer Infektion mit dem H1N1-Virus in Europa bestätigte die spanische Regierung. Es handele sich um einen Mann, der vor kurzem von einer Reise aus Mexiko zurückgekehrt war, erklärte Gesundheitsministerin Trinidad Jimenez. Die Behandlung schlage aber gut an, er sei nicht ernsthaft erkrankt. In Mexiko stieg die Zahl der Grippe-Toten inzwischen auf über 140.
Auch in Großbritannien sind die ersten Fälle von Schweinegrippe bestätigt. Zwei Menschen, die aus Mexiko zurückgekehrt seien, trügen das Virus in sich, teilte die schottische Gesundheitsministerin Nicola Sturgeon am Montagabend mit. Zuletzt hatten die britischen Behörden 17 Verdachtsfälle geprüft.
Zwei Deutsche wurden in Bielefeld wegen des Verdachts auf Ansteckung mit der Schweinegrippe auf eine Isolierstation verlegt worden. Der Verdacht erwies sich allerdings als unbegründet. Ein kolportierter dritter Verdachtsfall erwies sich als Fehlinformation.
EU rät von Reisen nach Mexiko ab
EU-Gesundheitskommissarin Androulla Vassiliou riet indes von Reisen nach Mexiko ab, „um das Risiko zu minimieren“. Touristen, die gegenwärtig vor Ort seien oder aus Mexiko zurückkehrten, sollten einen Arzt aufsuchen, empfahl Vassiliou. Die EU-Gesundheitsminister planen eine Sondersitzung in dieser Woche, teilte die tschechische EU-Ratspräsidentschaft mit.
Der Grippe-Notfallausschuss der Weltgesundheitsorganisation (WHO) ist am Montagnachmittag in Genf überraschend zu einer Sondersitzung zusammengekommen. Das bestätigte WHO-Sprecher Gregory Hartl. Dabei dürfte es nach seinen Worten auch um eine Änderung des derzeitigen Alarmplans angesichts des Ausbruchs der Schweinegrippe vor allem in Mexiko gehen.
Nach Angaben der Bundesregierung besteht derzeit für Deutschland keine „unmittelbare Gefährdung“. Der Sprecher des Gesundheitsministeriums, Klaus Vater, sagte in Berlin, die Behörden der verschiedenen Länder stünden aber unter anderem über Videokonferenzen in engem Kontakt.
„Wir sind gut vorbereitet“
Der Präsident des Robert-Koch-Instituts in Berlin, Jörg Hacker, sprach von einer „ernsten und besorgniserregenden“ Situation. Hacker schließt nicht aus, dass der Influenza-Erreger auch nach Deutschland kommt. „Das ist durchaus möglich. Das Virus scheint über alle Eigenschaften zu verfügen, um sich weltweit auszubreiten“, sagte Hacker .
Mit einem dem Nationalen Pandemieplan von Bund und Ländern, sei Deutschland aber gut vorbereitet, um angemessen auf derartige Viren zu reagieren. Hacker warnte davor, „in Panik zu verfallen“ und versicherte: „Es gibt Pläne für den Fall der Fälle.“ Es sei noch nicht klar, ob die herkömmliche Grippe-Impfung gegen den Erreger helfe. „Aber die gute Nachricht ist: Nach allen Informationen, die uns vorliegen, helfen Arzneimittel, mit der auch die normale saisonale Grippe behandelt wird“, sagte Hacker.
Der Virologe Michael Pfleiderer vom Paul-Ehrlich-Institut sagte im Bayerischen Rundfunk: „Ich denke, wir können davon ausgehen, dass wir das Virus auch bei uns bald sehen werden.“ Man habe es zwar mit einer weltweiten gesundheitlichen Bedrohungslage zu tun, „das heißt aber nicht, dass wir das Ganze in dunklen bis schwarzen Farben malen sollen“, sagte Pfleiderer.
Der Präsident des Friedrich-Loeffler-Institut für Tiergesundheit (FLI), Thomas Mettenleiter sagte, man müsse zwar das Geschehen genau beobachten, „aber Panik ist immer die falsche Reaktion.“ Derzeit reichten übliche hygienische Grundregeln als Schutz aus. Der Verzehr von Schweinefleisch sei „kein Problem“.
Mettenleiter sprach sich vehement gegen den verwendeten Begriff „Schweinegrippe“ aus. „Diese Bezeichnung ist falsch“, sagte er. Die Fälle seien überhaupt nicht vergleichbar mit der Vogelgrippe. Dessen Erreger H5N1 sei eine Tierseuche. „Aber hier handelt es sich um eine Humaninfektion - auch wenn das Virus Ähnlichkeiten mit Viren von Schweinen hat.“ Mettenleiter: „Die Influenza-Erreger vom Subtyp A/H1N1 werden von Mensch zu Mensch übertragen - durch Niesen, Husten, Händeschütteln.“ Genau das berge allerdings zugleich das Risiko einer Pandemie.
Zahl der Toten in Mexiko gestiegen
In Mexiko ist die Zahl der Grippetoten inzwischen auf über 140 gestiegen. Das öffentliche Leben in Mexiko ist wie gelähmt. Gottesdienste und Fußballspiele wurden abgesagt, öffentliche Veranstaltungen verboten, die Schulen in der Hauptstadt-Region geschlossen. Die Weltbank sagte der Regierung zur Bekämpfung der Krankheit Kredite in Höhe von 225 Millionen Dollar zu.
Mexiko ist überdies am Montag von einem Erdbeben der Stärke 6 heimgesucht worden, wie Agenturen melden. Berichte über Opfer und Schäden des Bebens im Bundesstaat Guerrero liegen bislang nicht vor.
„Potential für eine Pandemie“
In den Vereinigten Staaten wurden vom Zentrum für Seuchenkontrolle indes 40 Infektionen mit dem neuartigen Virus offiziell bestätigt. Es gebe keinen Grund zur Panik, betonte das Weiße Haus.
Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) sprach von einem Gesundheitsnotfall internationalen Ausmaßes. Die Grippe habe das „Potential für eine Pandemie“, also einer die Kontinente übergreifende Ausbreitung.
Der neue Grippeerreger weist genetische Merkmale des Schweins, von Vögeln und auch des Menschen auf - in einer Art, wie es die Forscher bislang noch nicht beobachtet haben. „Wir sind sehr, sehr besorgt“, sagte ein WHO-Sprecher. „Wir haben es mit einem neuen Virus zu tun, und er verbreitet sich von Mensch zu Mensch.“ (Siehe auch: )
Impfstoff gegen Schweinegrippe erst in Monaten
Der Ausbruch der Schweinegrippe mit bislang mehr als 100 Toten hat Regierungen und Gesundheitsbehörden weltweit alarmiert. Im Folgenden einige Fakten über Grippeimpfstoffe.
* Die Weltgesundheitsorganisation WHO und die amerikanische Behörde für Seuchenkontrolle (CDC) haben Proben des neuen Stamms des Schweinegrippe-Virus H1N1 isoliert, um sie zur Entwicklung eines Impfstoffs an industrielle Produzenten weiterzugeben.
* Die Viren müssen in speziell präparierten Hühnereiern heranreifen, bevor sie als Grundlage für Impfstoffe verwendet werden können. Dieser Prozess dauert mehrere Monate.
* Mehr als 20 Firmen weltweit stellen Impfstoffe her, darunter Großunternehmen wie Sanofi Pasteur, GlaxoSmithKline, Novartis, und AstraZeneca.
* Experten sind einhellig der Ansicht, dass die gegenwärtigen Verfahren zur Herstellung von Impfstoffen zu langwierig und nicht mehr zeitgemäß sind. Bis zur Reife neuer Verfahren wird es aber wohl noch mehrere Jahre dauern.
* Nach ersten Tests gewährt die gegenwärtig in den Impfstoffen verwendete H1N1-Komponente keinen Schutz gegen den neuen Stamm.
* Nach Berechnungen der Beratungsfirma Oliver Wyman benötigen die Hersteller von Impfstoffen im Falle eines Ausbruchs einer Pandemie bis zu vier Jahre, um die benötigte Menge an Impfstoffen herzustellen. Allerdings wird mit einer deutlich höheren
Produktions-Kapazität durch technologische Verbesserungen bis zum Jahr 2014 gerechnet.
* im Blick beträgt die weltweite Nachfrage nach Grippe-Impfstoff 500 Millionen Einheiten pro Jahr.