07.06.2005 · Jugendliche haben meist im Alter von 15 Jahren erste sexuelle Kontakte. Die Zahl der Abtreibungen bei Minderjährigen steigt weiter an. Eindeutige Erklärungen gibt es dafür bisher nicht.
Eine neue Sorglosigkeit unter Jugendlichen könnte ein Grund sein. Auch über zu wenig Sexualaufklärung in der Schule ließe sich spekulieren. Eine seriöse Antwort aber gibt es derzeit nach Angaben von Pro Familia nicht auf die Frage, warum sich die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bei Minderjährigen in den vergangenen acht Jahren nahezu verdoppelt hat.
Zwar hat es insgesamt im ersten Quartal 2005 (32.600) etwa 1.200 Abtreibungen weniger gegeben als in den ersten drei Monaten des vergangenen Jahres (33.800). Ein Trend sei dies aber nicht, teilte das Statistische Bundesamt (Destatis) in Wiesbaden am Dienstag mit. Seit im Jahr 1996 die Berichtspflicht geändert wurde, lag die Zahl der Abtreibungen stets bei etwa 130.000. Nur in den Jahren 2000 und 2001 stieg sie auf fast 135.000. 2003 sank sie dann auf 128.030, erhöhte sich aber 2004 wieder um etwa 1.600 auf 129.650.
Mehr Abtreibungen sind Zeichen von Sorglosigkeit
Auch wenn die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche bei ganz jungen Frauen insgesamt gesehen niedrig bleibt (etwa 0,6 Prozent), so ist sie doch merklich gestiegen: 1996 ließen 365 Mädchen im Alter bis 15 Jahren ihr Kind abtreiben, 2004 waren es 779. In der Altersgruppe 15 bis 18 Jahren waren es 1996 4.359, acht Jahre später bereits 7.075. Da bei diesen Zahlen die geburtenstarken oder -schwachen Jahrgänge nicht berücksichtigt werden, ergibt sich ein genaueres Bild, wenn sie in Bezug zur sogenannten Grundgesamtheit der Jugendlichen in einem bestimmten Jahrgang gestellt werden. So stieg etwa die Zahl der Frauen im Alter zwischen 15 und 18 Jahren von rund 1.312.000 (1996) auf etwa 1.388.000 im Jahr 2004. Umgerechnet kamen also 1996 auf 10.000 Frauen dieser Altersgruppe 33 Abtreibungen, acht Jahre später waren es 51.
Die Oberärztin des Frankfurter Universitätsklinikums, Regine Gätje, glaubt, eine neue Sorglosigkeit gerade bei jungen Frauen festgestellt zu haben. Es werde insgesamt weniger verhütet - vor allem mit Kondomen. „Noch in den Neunzigern wußten junge Mädchen um die Gefahr einer HIV-Infektion“, sagt die Frauenärztin. Die Angst vor Aids sei aber mittlerweile verlorengegangen und damit einer der Gründe, sich beim Sex besonders zu schützen. Dafür spricht auch, daß die Zahl anderer sexuell übertragbarer Krankheiten wieder steige.
Verhütung in der Schule wichtiges Thema
Daß ausgerechnet die Zahl der Schwangerschaftsabbrüche in Bayern als einzigem Bundesland merklich größer geworden ist - von 12.726 (1996) auf 16.155 im Jahr 2004 - läßt sich nach Angaben von Pro Familia ebenfalls nicht eindeutig erklären. Allerdings könne man darüber spekulieren, daß in bayerischen Schulen weniger aufgeklärt werde als im Rest der Republik. Tatsache ist, daß Jugendliche immer früher sexuelle Erfahrungen sammeln: Das Durchschnittsalter der Mädchen liegt heute bei 15,1, das der Jungen bei 14,8.
Im Jahr 1980 hatten neun Prozent der fünfzehnjährigen Mädchen und vier Prozent der gleichaltrigen Jungen schon Geschlechtsverkehr gehabt. Nach Angaben der Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung in Köln sind es nun 25 Prozent der Mädchen und 18 Prozent der Jungen dieser Altergruppe. Zugleich habe sich aber ihr Verhütungsverhalten verbessert: 1980 hätten 20 Prozent der Mädchen und 29 Prozent der Jungen nicht verhütet, nun seien es nur noch zwölf und 15 Prozent. Wenig geändert hat sich an der Frage, wieso beim ersten Geschlechtsverkehr nicht verhütet wurde: Die Mehrheit der Jugendlichen antwortet darauf: „Es kam zu spontan“.