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Schwangerschaft Begrüßung für den Embryo

13.09.2006 ·  Transplantationsmediziner beneiden die Gebärmutter um den Kunstgriff, Gewebe tolerieren zu können, das definitiv nicht körpereigen ist. Dabei gehen Killerzellen sogar in Stellung, doch sie sind freundlich und ermöglichen die Schwangerschaft.

Von Martina Lenzen-Schulte
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Eine Schwangerschaft wird stets als natürlicher Vorgang betrachtet. Nach den bekannten biologischen Gesetzmäßigkeiten erscheint es aber eigentlich höchst widersinnig, daß der mütterliche Organismus einem Fremdkörper gestattet, unangefochten heranzuwachsen.

Transplantationsmediziner beneiden die weibliche Gebärmutter um den Kunstgriff, nebenwirkungsfrei Gewebe tolerieren zu können, das definitiv nicht körpereigen ist. Die mütterlichen immunologischen Abwehrtruppen gehen angesichts des Eindringlings zunächst tatsächlich in Stellung. Die Schwangerschaft kann sogar als eine Art von Entzündung gelten.

Natürlichen Killerzellen unterstützen Einnistung

In der Dezidua, jenem Anteil der Plazenta, der von der mütterlichen Gebärmutterschleimhaut gebildet wird, machen der Abwehr dienende Lymphozyten immerhin 40 Prozent aller Zellen aus. Von ihnen sind die meisten, nämlich gut drei Viertel, natürliche Killerzellen, die sonst an vorderster Front zum Beispiel Krebszellen eliminieren.

Die Frage, warum die embryonalen Zellen einem solchen Schicksal entgehen, können jetzt israelische Forscher zumindest teilweise beantworten. Eine Arbeitsgruppe um Ofer Mandelboim und Simcha Yagel von der Hadassah-Universitätsklinik in Jerusalem hat herausgefunden, daß die natürlichen Killerzellen der Mutter dem fremden Organismus nicht nur einen freundlichen Empfang bereiten, sondern sogar wesentlich seine Einnistung unterstützen.

Killerzellen fördern Invasion von Trophoblastzellen

Natürliche Killerzellen sind keine einheitliche Population. Jene, die in der Gebärmutter zu finden sind, gehören hauptsächlich zum Subtyp „CD56-bright-CD16“, einer Fraktion, die im Blutkreislauf nur eine kleine Minderheit darstellt. Die israelischen Forscher haben nun festgestellt, daß die natürlichen Killerzellen in der Gebärmutterschleimhaut andere und weit mehr sogenannte Mediatoren produzieren als ihre Verwandten in der Blutbahn. Zu diesen Substanzen zählen Lockstoffe wie Interleukine sowie Wachstumsfaktoren wie VEGF (vascular endothelial growth factor) und PLGF (placental growth factor).

Über die Mediatoren fördern die Killerzellen eine Invasion von Trophoblastzellen. Das sind diejenigen Zellen des Embryos, die invasiv in die Gebärmutterschleimhaut vordringen und sich mit deren Deziduazellen zur Plazenta, zum Mutterkuchen, verflechten und so die Ernährung des Embryos sicherstellen.

Wie sich weiter zeigte, begünstigen die besonderen Killerzellen von Anfang an auch die Entstehung von Blutgefäßen - ebenfalls ein entscheidender Beitrag für ein geregeltes Wachstum der Plazenta („Nature Medicine“, Bd.12, S.1065).

Nicht einmal die Hardliner behalten die Oberhand

Die biochemische Verständigung bei diesen Vorgängen beruht offenbar auf einer exklusiven Sprachregelung. Die israelischen Wissenschaftler haben herausgefunden, daß die embryonalen Trophoblastzellen über besondere Rezeptoren für die expansionsfördernden Produkte der Killerzellen verfügen.

Umgekehrt werden die Killerzellen regelrecht in die Plazenta hineingelockt, da die Deziduazellen ihrerseits über Marker verfügen, die sonst zum Beispiel bei Viren oder Tumorzellen vorkommen und die normalerweise die tödlich endende Aufmerksamkeit der Killerzellen erregen.

Da es sich bei den Killerzellen in der Gebärmutterschleimhaut jedoch mehrheitlich um eine gleichsam verhandlungsfreudige Untertruppe handelt, behalten hier einmal nicht die Hardliner die Oberhand, die sonst jeden Feind ohne Zögern niedermachen würden.

Wichtige Helfer bei der Einnistung

Aufgrund der Ergebnisse der israelischen Forscher muß die Rolle der Abwehrzellen in der Gebärmutter am Beginn der Schwangerschaft neu definiert werden. Bisher dachte man nämlich, sie stünden nur dazu bereit, eine zu starke Wucherung des embryonalen Gewebes im Keim zu ersticken.

Im Licht der neuen Erkenntnisse präsentieren sie sich jedoch als wichtige Helfer bei der Einnistung. Plötzlich ergibt sich auch eine erhellende Verbindung zu jüngsten Befunden aus der Genforschung. Es hat sich nämlich gezeigt, daß jene genetischen Varianten, bei denen die Aktivierung von Killerzellen unterdrückt wird, das Risiko einer Präeklampsie erhöhen.

Subpopulation könnte bösartige Wucherungen fördern

Die Präeklampsie ist eine Erkrankung in der Schwangerschaft, die letztlich mit einer mangelhaften Funktion und Minderdurchblutung der Plazenta einhergeht und wegen starker Wasseransammlungen im Gewebe, hohem Blutdruck und der Neigung zu Krampfanfällen für Mutter und Kind bedrohlich werden kann. Wenn die Hilfe der natürlichen Killerzellen entfällt, könnte dies einem solchen Leiden den Boden bereiten.

Nach Überzeugung der israelischen Wissenschaftler werden die neuen Erkenntnisse auch Bedeutung in der Tumorforschung erlangen. Die Subpopulation von Killerzellen, die bei der Schwangerschaft eine so wichtige Rolle spielt, könnte bösartige Wucherungen fördern, statt den Krebsherd in Schach zu halten. Am Zentrum in Hadassah untersucht man schon am Beispiel von Brustkrebs, Darmkrebs und Hautkrebs, inwieweit sich diese Hypothese bestätigen läßt.

Quelle: F.A.Z., 14.09.2006, Nr. 214 / Seite 32
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