15.07.2008 · Maniküre für Mädchen mit sechs, Wellness für Achtjährige: In Amerika grassiert der Beauty-Wahn für Kinder. Erschreckend ist die Selbstverständlichkeit, mit der den Kleinen suggeriert wird, das Leben sei ein einziger Schönheitswettbewerb.
Von Katja GelinskyAva will Prinzessin werden. So eine wie in den Disney-Zeichentrickfilmen. Am liebsten Cinderella, „denn die hat das schönste Kleid“, schwärmt die vierjährige Amerikanerin aus Potomac in der Nähe von Washington. Zum Geburtstag hat sie sich eine Prinzessinnen-Party gewünscht. Alle Mädchen aus der Kindergartenklasse sind eingeladen. Gefeiert wird im Spielzentrum „Little Sprouts“, das von wohlhabenden, gebildeten amerikanischen Eltern wegen seines kreativen Angebots geschätzt wird. Erst suchen sich das Geburtstagskind und seine Gäste Prinzessinnenkostüme aus und schmücken sich mit Glitzerkettchen, Ringen, Armbändern, Kronen und Handtäschchen - alles noch ganz harmlos.
Aber dann geht es zum Schminken: An einem zierlichen rosa Tischchen wird Nagellack aufgepinselt. Am anderen sitzt die „Visagistin“, die Lidschatten, Lipgloss und Rouge aufträgt. „Ganz still halten“, mahnt sie immer wieder, während sie resolut alle Natürlichkeit aus den Kindergesichtern wegschminkt. „Du willst doch schön aussehen!“ Wenig später steht schließlich der Höhepunkt des Prinzessinnenfestes auf dem Programm: der „Catwalk“. Zu Frank Sinatras Klassiker „New York, New York“ sollen die aufgeputzten Kinder über einen roten Teppich laufen und für Fotos posieren. „Ganz reizend“, finden die Mütter und applaudieren begeistert. Nur ein kleines Mädchen geniert sich, bleibt unschlüssig stehen und verzieht das Gesicht zum Weinen. Doch da kommt schon die Visagistin. „Lächeln, lächeln“, ruft sie aufmunternd.
Styling beginnt spätestens im Grundschulalter
Gewiss trieb der Traum von Schönheit und Ruhm in den Vereinigten Staaten schon immer bizarre Blüten. Neu ist jedoch die Selbstverständlichkeit, mit der selbst kleinen Mädchen suggeriert wird, das Leben sei ein einziger Schönheitswettbewerb. Hollywood spukt schon in den Köpfen, wenn es um die Babyausstattung geht. Wie die Sprösslinge von Angelina Jolie, Jennifer Lopez oder Katie Holmes sollen Nathalie aus Nebraska und McKinsey aus Texas aussehen, deren Mütter sich beim Einkleiden ihrer Kinder von der Internetseite „CelebrityBabies“ inspirieren lassen. Spätestens im Grundschulalter fangen die Mädchen selbst mit dem Styling an.
Fast zwei Drittel der sechs- bis neunjährigen Mädchen haben lackierte Nägel, und rund sechzig Prozent der sogenannten Tweens, also (weibliche) Kinder im Alter zwischen acht und zwölf Jahren, benutzen Parfüms, Körpersprays, Lipgloss oder Lippenstift. „Unser Lippenglanz schmeckt süßer als ein Keks“, wirbt das Kosmetikunternehmen „Tween Beauty“, dessen Haarspülung mit Vanilleextrakten angeblich den gleichen Verwöhneffekt wie ein Eisbecher hat. Der Kosmetikindustrie bescheren die Tweens einen geschätzten Jahresumsatz von 500 Millionen Dollar. Selbst für Cremes gegen Cellulite geben sie ihr Taschengeld aus.
„Meine jüngsten Kundinnen sind zwei Jahre alt“
Tweens bilden laut der nationalen Kosmetikvereinigung einen „lukrativen Nischenmarkt, der auf Messen und bei Fortbildungsseminaren mehr und mehr Beachtung findet“. Vor allem, weil Mütter bereitwillig für die Schönheitspflege ihrer Töchter zahlen. So profitiert das Nagelstudio „Aquanails“ im Washingtoner Vorort Bethesda davon, dass gleich nebenan eine Ballettschule für Kinder ist. Für Kinder kostet eine Fuß- und Fingernagelbehandlung zusammen zehn Dollar.
Selbst ins Wellnessstudio werden die Kleinen mitgeschleppt. Mehr als die Hälfte der Schönheitsoasen in den Vereinigten Staaten hätten mittlerweile Angebote für Familien, Teenager und Kinder im Programm, heißt es beim Fachverband „International Spa Association“. „Eclips“, ein Salon in McLean nahe Washington, hat sogar einen eigenen Schönheitssalon für Kinder. „Meine jüngsten Kundinnen sind zwei Jahre alt“, berichtet Nancy Robinson, eine der beiden Geschäftsführerinnen mit bonbonrosa Bluse und Bob in unterschiedlichen Blondschattierungen. Die Arbeit mit den ganz Kleinen sei allerdings schwierig, „weil sie immer den Nagellack verschmieren“.
„Ich hab' schöneres Haar als du!“
Für Maniküre und Pediküre machen es sich die jungen Damen in der „Prinzessinnenecke“ unter einem rosa Baldachin bequem. Die beliebtesten Farben für die Nägel: zarte Rosa- und Blautöne. Auch Wellnesskuren fürs Gesicht gehören zum Angebot. „Kosmetisch ist das vor der Pubertät nicht nötig“, sagt Nancy Robinson freimütig. „Aber die Mädchen haben einfach Spaß am Verwöhneffekt.“ Zuweilen staunt jedoch selbst die 55 Jahre alte Salon-Veteranin über den Schönheitswahn der Kleinen. „Sie machen sich enorm viele Gedanken darüber, wie sie im Vergleich zu anderen Mädchen wirken.“ Manchmal kommt es im Salon zu regelrechten Zickenkriegen. „Ich hab' schöneres Haar als du!“ „Stimmt gar nicht, ich bin viel hübscher!“, bekommt Nancy Robinson dann zu hören.
Konsequent suggerieren Kindersalons der jungen Kundschaft, dass es für die erträumte Karriere im Showbusiness vor allem auf das richtige Styling ankomme. In den rosa-lila Glitzersalons der Kette „Club Libby Lu“ lassen sich schon Fünfjährige in das Popsternchen Hannah Montana aus der gleichnamigen Disney-Serie verwandeln. Das „Libby Du Makeover“ hat sich in den knapp neunzig amerikanischen Filialen fast eine Million Mal verkauft. Dafür werden die Mädchen mit Make-up, Haarstyling und Accessoires wie rosa Kopfhörer und Glitzermikrofon auf Popprinzessin, Rock- und Musicalstar oder Schauspielerin getrimmt. Bei der anschließenden Karaokeparty zu ihrer Lieblingsmusik dürfen sie sich wie die Teeniestars von morgen fühlen.
Puppen mit Schmollmund und Schlafzimmerblick
Vermarktet wird das alles als Ausdruck von Individualität und Kreativität: „Du wählst deinen einzigartigen Stil“, wirbt „Club Libby Lu“. Auch die Hersteller der provokant aufgetakelten „Bratz“-Puppen, mit denen sechsjährige Puppenmuttis im Kinderzimmer die Spaßorgien der Hollywood-Partyqueens nachspielen, geben Körperkult als „girl power“ aus. Auf perfide Art und Weise hätten sich „die Unternehmen damit den Forderungen der feministischen Bewegung nach sexueller Selbstbestimmung bemächtigt und in eine Falle für junge Mädchen verwandelt“, empört sich Gigi Durham, eine Professorin für Kommunikationswissenschaften, in ihrem kürzlich erschienenen Buch „The Lolita Effect“.
Gegen die Bratz-Puppen mit ihrem lasziven Schlafzimmerblick und dem überdimensionalen Schmollmund sieht Barbie, die bisherige Königin unter den Modepuppen, ganz schön alt aus. „Wir werden Barbie in Rente schicken“, verkündet denn auch Isaac Larian. Sein Unternehmen MAG hat seit 2001 mehr als 150 Millionen Bratz-Puppen verkauft und dazu noch ein äußerst erfolgreiches Merchandising-Imperium aufgebaut. Barbie-Hersteller Mattel konterte mit Klagen wegen Ideenklau, über die gegenwärtig vor einem kalifornischen Gericht verhandelt wird.
Schönheitsideale und die gefährlichen Folgen
Auch amerikanische Psychologen sind in Alarmstimmung. Die Bratz-Puppen mit ihren Superminiröcken, Netzstrumpfhosen und Federboas demonstrierten auf besorgniserregende Weise, wie weit die Sexualisierung junger Mädchen vorangeschritten sei, schreibt eine Fachkommission der Amerikanischen Psychologischen Vereinigung APA. Das Bemühen, sexualisierten Schönheitsidealen zu entsprechen, könne gefährliche Folgen haben: von Essstörungen über Depressionen bis hin zur Beeinträchtigung geistiger Fähigkeiten. Vor zehn Jahren waren Patientinnen, die am „Children's National Medical Center“, einem der führenden amerikanischen Kinderkrankenhäuser, wegen Essstörungen behandelt wurden, für gewöhnlich Teenager. „Inzwischen kommen auch fünf- oder sechsjährige Kinder zu uns“, sagt eine Krankenhaussprecherin. „Schon Erstklässlerinnen sind auf Diät, weil sie ihre Kinderbäuche loswerden wollen“, so Eileen Zurbriggen, die Vorsitzende der APA-Kommission.
Auch die „Spaßmode für Tweens“, die Unternehmen wie „Abercrombie & Fitch“, „Limited Too“ oder „Justice“ auf den Markt bringen, macht der Psychologieprofessorin Sorgen. „Wenn Siebenjährige Push-up-BHs und Tangas mit Aufschriften wie ,zwinker, zwinker' tragen, versuchen sie Erwartungen zu erfüllen, für die sie eindeutig zu jung sind.“ Ann Pellegrini, eine Kulturwissenschaftlerin an der New York University, die über das Thema Kinder und Sexualität forscht, befürchtet allerdings, die zunehmende Sorge über das pubertäre Gebaren kleiner Mädchen könne übertrieben werden. „Allzu oft gipfelt solche Kritik in einer Art moralischer Panik.“
Kein Spiel, sondern bitterernst
Wo also die Grenzen ziehen? Wie viel Körper- und Schönheitsbewusstsein dürfen und sollten kleine Mädchen haben? Schließlich hat schon Astrid Lindgrens Kinderheldin Madita sich Mutters seidenen Morgenrock aus dem Schlafzimmer stibitzt, um wie Pharaos Tochter auszusehen. „Verkleiden ist wichtig für Kinder“, sagt Zurbriggen. Allerdings müsse man unterscheiden: Wenn eine Fünfjährige Mutters Abendkleid anziehe und das Oberteil mit Taschentüchern ausstopfe, dann sei das völlig in Ordnung. „Dann spielt die Kleine große Dame.“ Ganz anders verhalte es sich jedoch, wenn Siebenjährige einen passenden Push-up-BH und passende Plateauschuhe trügen und ihre Gesichter passend zum Glitzertop geschminkt würden. „Dahinter steht: Das passt zur Dir, so kannst Du sein. Das ist kein Spiel mehr, sondern bitterernst.“