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Schmerztherapeut im Gespräch : „Kein Schmerzmittel sollte frei verkäuflich sein“

Das ist prinzipiell auch korrekt. Schmerz ist ein lebensnotwendiges Warnsignal. Es soll uns davor schützen, dass wir auf dem gebrochenen Mittelfußknochen noch den Marathon fertiglaufen. Aber das, was die Menschen mit chronischen Schmerzen spüren, ist etwas anderes. Wenn jemand vor zehn Jahren sein Bein verloren hat und ihm tut immer noch jeden Tag der Fuß weh – dann ist jedem klar, dass das nichts mit dem Fuß zu tun haben kann.

Mehr als an fünf Tagen im Monat sollten man nicht zu Schmerzmitteln greifen.
Mehr als an fünf Tagen im Monat sollten man nicht zu Schmerzmitteln greifen. : Bild: dpa

Sondern?

Mit unserem Schmerzgedächtnis – das Gehirnareal, das für diesen Fuß zuständig ist, sendet und funkt immer noch Signale. Genauso ist es bei vielen Rückenschmerzen. Für die Patienten selbst ist das nicht spürbar, dass ihr Schmerz längst nicht mehr aus dem Rücken kommt, nur bringen da eben zehn Massagen und zwanzig Fangopackungen nichts. Manchmal gibt es für Schmerzen sogar eine organische Ursache, aber eine ganz andere als gedacht. In meinem Weiterbildungsjahr in der Schmerzklinik gab es eine ganze Reihe Männer mit Schmerzen im unteren Rückenbereich. Die sind davon durch eine Therapie ihrer Erektionsstörungen zu befreien gewesen.

Wie kann das sein?

Es ist gesellschaftlich wesentlich akzeptierter, zu sagen: Ich kann nicht, weil’s mir hier hinten weh tut. Anstatt zu sagen: Ich kann einfach nicht. Nachdem die Patienten wieder konnten, musste es auch nicht mehr weh tun. Die Schmerzen im Rücken sind natürlich trotzdem echt – die Männer haben nicht extra wegen ihrer Erektionsprobleme Rückenschmerzen erfunden. Diese Transferleistung kriegt unser Kopf schon allein hin.

Anderes Thema: Wenn ich beim Zahnarzt bin, dann komme ich mir immer wie ein Weichei vor, wenn ich für eine Füllung Betäubung erbitte – viele Zahnärzte scheinen das nur ungern zu machen.

So etwas kenne ich als Patient auch. Die kleine Magenspiegelung, das ist doch nur kurz. Oder die Wurzelbehandlung, die ist in zehn Minuten durch. Dabei haben wir exzellente Methoden der Schmerzausschaltung oder Betäubung. Das ist für uns Ärzte vielleicht ein bisschen mühsamer, wir brauchen vielleicht ein bisschen mehr Zeit, die wir alle nicht haben – in meinen Augen gehört das trotzdem zu einer guten Therapie. Es haben viel zu viele Menschen Angst vor Ärzten, und das hat etwas mit solchen negativen Erfahrungen zu tun. Das führt schlimmstenfalls dazu, dass wir Krankheiten verschleppen, mit denen wir vielleicht früher zum Arzt gegangen wären.

Nach Operationen sind ja selbst die Patienten oft der Ansicht, dass Schmerzen eben dazugehören.

Das ist Quatsch und ein echtes Problem. In Deutschland sind je nach Krankenhaus bis zu 80 Prozent aller Patienten postoperativ schmerztherapeutisch völlig unzureichend versorgt. Und dabei ist das ja der banalste Schmerz überhaupt – wenn ich irgendwo reinschneide, tut das hinterher weh. Das ist sehr leicht zu beheben.

Warum ist es ein echtes Problem, wenn das nicht passiert?

Das führt zu einer Schmerzchronifizierung, die Menschen können nicht rechtzeitig mobilisiert werden können, die Reha dauert länger. Wenn das Einatmen wehtut, schnaufen die Patienten nicht richtig durch, dann kriegen sie eine Lungenentzündung. Oder einen Herzinfarkt.

Von Schmerzen?

Ja, bei Menschen mit einem vorgeschädigten Herzen kann das passieren. Weil das Herz wegen der Stressreaktion auf den Schmerz noch schlechter als eh schon mit Sauerstoff versorgt wird. Solche Sachen sind total unnötig und vermeidbar. Sie haben sogar ein Recht auf angemessene Schmerzbehandlung. Wenn Sie im Krankenhaus mehrfach gesagt haben, dass Sie Schmerzen haben, und nichts passiert ist, dann können Sie hinterher den Klinikträger verklagen. 

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