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Schmerztherapeut im Gespräch : „Kein Schmerzmittel sollte frei verkäuflich sein“

Bei Menschen mit chronischen Kopfschmerzen sei meist „nichts wirklich kaputt“, sagt Gottschling.
Bei Menschen mit chronischen Kopfschmerzen sei meist „nichts wirklich kaputt“, sagt Gottschling. : Bild: dapd

Aber Metamizol ist verschreibungspflichtig, Ibuprofen nicht.

Das ist ja das Perfide. Dabei sind die Fakten über die Medikamente schon lange bekannt. Wir Schmerztherapeuten sind uns da auch total einig – von uns gibt es nur viel zu wenige. Wir haben insgesamt weniger als 1000 wirklich als Schmerztherapeuten tätige Ärzte in Deutschland – eine Lachnummer bei 23 Millionen Schmerzpatienten.

Woran liegt das?

Daran, dass Schmerzmedizin als eigenes Studienfach erst seit 2016 verpflichtend ist. Das heißt: Keiner der Ärzte, die jetzt draußen im Feld unterwegs sind, hat Schmerzmedizin im Studium gelernt. Ich hoffe, dass die Ärzte vorn morgen ganz anders und behutsamer mit den Substanzen umgehen werden.

Sie warnen in Ihrem Buch nicht nur vor Ibuprofen, sondern versuchen auch, die Angst vor Opioiden zu nehmen.

Ich bin der Letzte, der sagt: Macht Morphin statt Ibuprofen frei zugänglich. Das sind Substanzen mit Nebenwirkungen, die in die Hände von Profis gehören. Aber sie sind die einzigen Schmerzmittel, die auch bei Langzeitanwendung keine Organe schädigen. Ich kann das einem dreijährigen Kind jeden Tag verordnen, und dieses Kind kann damit 103 werden. Das kann es nicht werden, wenn ich ihm von drei an jeden Tag Ibuprofen zufüttere. Zweiter Vorteil: Alle anderen Mittel, also Ibuprofen, Paracetamol, auch Metamizol, funktionieren über Enzymblockaden, in etwa wie ein Lichtschalter. Man gibt abhängig vom Körpergewicht eine bestimmte Menge, und dann ist der Schmerz ausgeschaltet. Weniger zu geben macht keinen Sinn, und mehr ist auch nutzlos. Dagegen funktionieren Opioide über Rezeptoren, von denen wir sehr viele im Körper haben. Ich kann also ganz wenig einer Substanz geben, dann bekomme ich ein bisschen Wirkung. Ich kann aber auch richtig klotzen, wenn ich es brauche.

Die Zahl der Drogentoten in Europa ist dramatisch gestiegen. In 79 Prozent der Fälle waren Opioide im Spiel.

Dass in Foren steht, wie man sich Schmerzpflaster auskochen kann, und dass immer wieder in Apotheken eingebrochen wird – natürlich ist das ein Problem. Aber wir in der Schmerztherapie hantieren in der Regel nicht mit Ampullen, die man einfach missbrauchen kann, sondern zum Beispiel mit Tabletten, die erst nach und nach den Wirkstoff abgeben. Auch hier liegt es in der Verantwortung des Arztes, dass man der Oma eben nicht die Tröpfchen verordnet, die auch auf dem Schwarzmarkt begehrt sind, sondern eine Tablette. Und die ist völlig uninteressant, denn die knallt nicht. Ich halte sowieso gar nichts davon, irgendein Schmerzmittel frei verkäuflich zu machen, die sind eigentlich alle zu risikoreich.

Und was mache ich dann, wenn ich morgens mit Kopfschmerzen aufwache?

Dann nehmen Sie eine Tablette, und es wird Ihnen nichts passieren. Selbst wenn sie Ibuprofen bei einem fiesen fieberhaften Infekt drei bis sieben Tage lang einnehmen, ist das okay. Mir geht es auch gar nicht darum, dass nicht jeder zehn Tabletten zu Hause haben darf. Mir geht’s darum, dass manche Leute das Zeug einschmeißen wie Smarties – gut und gerne ihre 200 Tabletten im Monat. Ich begrenze die Einnahmetage pro Monat für diese Mittel ganz klar. Viele Kollegen setzen die Grenze bei zehn, das ist mir zu hoch. Ich setze sie bei fünf.

Sie beklagen, dass viele Menschen erst spät bei einem Schmerztherapeuten landen. Hat das nicht auch etwas damit zu tun, dass man natürlich will, dass die Ursache von etwas und nicht das Symptom bekämpft wird?

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