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Schadstoffbelastung bei Kindern Wehren können sie sich nicht

11.09.2007 ·  Bisher war wenig über die tatsächliche Schadstoffbelastung von Kindern bekannt. Eine Studie fand nun heraus: Es ist keine Frage der sozialen Schicht, denn Gifte sammeln sich bei allen Kindern an - egal ob arm oder reich.

Von Jonas Siehoff
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Sie lauern im Boden, im Wasser und in der Luft, auch in Wohnungen - und nicht selten im Spielzeug. Manche tragen einfache Namen wie Blei oder Cadmium, andere monströse Bezeichnungen wie Dichlordiphenyl- trichlorethylen, der Einfachheit halber abgekürzt als DDT. Allen gemein ist neben einer (natürlichen oder menschenbedingten) weiten Verbreitung die schädliche Wirkung auf Lebewesen, weshalb sie als Umweltschadstoffe bezeichnet werden. Eine besondere Gefahr stellen sie für Kinder dar.

Deshalb ist es nur folgerichtig, dass die amerikanische Firma Mattel in dieser Woche erneut mehrere hunderttausend Stück Spielzeug aus China wegen zu hohen Bleigehalts zurückgerufen hat. Doch trotz solcher Maßnahmen war bisher wenig über die tatsächliche Belastung von Kindern durch Umweltschadstoffe bekannt. Welche Gifte sammeln sich vor allem in den kleinen Körpern an - und in welchem Ausmaß?

Betroffen sind alle, ob arm oder reich

Antworten gibt jetzt das Umweltbundesamt (UBA): Mit seinem „Kinder-Umwelt-Survey“ legt es repräsentative Daten für Deutschland vor. Dafür untersuchte es 1790 Kinder im Alter von drei bis 14 Jahren. Von ihnen wurden unter anderem Blut- und Urinproben genommen sowie der Hausstaub und das Trinkwasser in ihren Wohnungen analysiert. In der vergangenen Woche hat das UBA die ersten Ergebnisse präsentiert.

Überraschend ist darin die Erkenntnis, dass der Sozialstatus lediglich bei der Art der Belastung eine Rolle spielt, denn betroffen sind alle, ob arm oder reich: So tragen Kinder aus höheren Schichten im Durchschnitt mehr Dichlor-Diphenyl-Dichlorethylen (DDE), ein Abbauprodukt des DDT, mit sich herum (siehe „Schadstoffe im Blut von Kindern“). Das liegt unter anderem daran, dass sie meist von älteren Müttern geboren und länger gestillt werden. Dadurch haben die Reste des hochgiftigen und weltweit geächteten, aber nach wie vor weit verbreiteten Insektizids mehr Zeit, sich in der Mutter anzusammeln und auf das Kind überzugehen.

Die Schadstoffbelastung hat nicht abgenommen

Kinder aus Familien mit niedrigerem Sozialstatus haben hingegen mehr Blei im Blut. Das hängt mit der Belastung des Trinkwassers durch Bleirohre in unsanierten Wohnungen zusammen. Allerdings liegen die Durchschnittskonzentrationen deutlich unter dem Grenzwert von 100 Mikrogramm pro Liter, den die Weltgesundheitsorganisation nennt. Inwieweit die Bleikonzentration auch mit dem Gebrauch von Spielzeug zusammenhängen könnte, wurde vom Umweltbundesamt nicht untersucht. „Das wäre sehr aufwendig. Irgendwann wird es einfach auch sehr teuer“, sagt Marike Kolossa-Gehring, Leiterin der Studie.

Immerhin dokumentiert die Studie, dass die allgemeine Schadstoffbelastung trotz zahlreicher Verbote und Anwendungsbeschränkungen nicht abgenommen hat. „Kinder sind heute nicht weniger belastet als vor 15 Jahren, sondern anders“, sagt Kolossa-Gehring. Zwar habe die Menge an Schwermetallen, dem in Holzschutzmitteln verwendeten Pentachlorphenol und den bei Verbrennungsprozessen entstehenden polyzyklischen aromatischen Kohlenwasserstoffen (PAK) abgenommen. Die Belastung mit anderen Stoffen sei hingegen gestiegen.

Schadstoffe gelangen leichter in Kinderkörper

Dass Kinder durch Umweltgifte besonders gefährdet sind, liegt zum einen an deren speziellem Verhalten: Kinder spielen auf dem Boden, buddeln in der Erde und nehmen vieles, was sie in die Hand bekommen, auch in den Mund. Das bietet Schadstoffen hervorragende Kontaktmöglichkeiten. Dadurch dass Kinder im Verhältnis zu ihrem Gewicht mehr atmen, essen und trinken als Erwachsene und eine verhältnismäßig größere Körperoberfläche haben, nehmen sie relativ viele Schadstoffe auf. Dazu kommt die stärkere Empfindlichkeit eines Körpers, der sich noch in der Entwicklung befindet: Schadstoffe gelangen aufgrund des unausgereiften, aber höheren Stoffwechsels leichter aus Magen und Darm in den übrigen Körper. Blei zum Beispiel kann dabei die Entfaltung der intellektuellen Leistungsfähigkeit erheblich einschränken.

Vor allem in Innenräumen sind Kinder Umweltgiften ausgesetzt, und dort besonders dem Tabakrauch: Rund die Hälfte aller Kinder in Deutschland wird zu Hause zum Passivrauchen genötigt. Während sich der Anteil in den alten Bundesländern in den vergangenen 15 Jahren kaum verändert hat, hat der Anteil in den neuen Ländern zugenommen. Dort greifen vor allem mehr Mütter zur Zigarette. Passivrauchen erhöht jedoch nicht nur die Wahrscheinlichkeit von Mittelohr- und anderen Entzündungen, sondern auch das Risiko, durch Stoffe wie Benzol und PAK an Krebs zu erkranken.

Energiespar-Bewusstsein führt zu Schimmel

Ebenfalls auf dem Vormarsch ist Schimmel: Bei rund acht Prozent der Kinder wurden Sensibilisierungen - und damit die Voraussetzungen für Allergien - gegen Innenraum-Schimmelpilze festgestellt. „Der Schimmel ist zum großen Problem geworden“, sagt Henning Rüden, Leiter des Instituts für Umweltmedizin an der Charité. Die Ursache dafür läge am gestiegenen Energiespar-Bewusstsein: „Einerseits werden die Wohnungen immer besser wärmegedämmt, andererseits lüften die Leute aus Kostengründen immer weniger.“ Beides führe zu einem Anstieg der Luftfeuchtigkeit in der Wohnung und begünstige so die Ausbreitung der Pilze.

Anlass zur Sorge geben auch Phthalate, die vor allem als Weichmacher für Kunststoffe verwendet werden. In einer Vorstudie des UBA fanden sich Phthalate im Urin aller 239 darauf untersuchten Kinder. Dabei lag die Konzentration von Diethylhexylphthalat (DEHP) bei rund zwei Prozent der Kinder über dem Grenzwert der Europäischen Behörde für Lebensmittelsicherheit. Der Grenzwert für Di-n-Butylphthalat (DnBP) wurde sogar bei etwa 37 Prozent der Kinder überschritten. Die Überprüfung aller 1790 Kinder auf Phthalate soll im kommenden Januar abgeschlossen werden.

Schadstoffe in einer Vielzahl von Produkten

Von Teppichen, Kleidungsstücken und Haushaltswaren bis hin zu Verpackungen von Lebensmitteln und Babyfläschchen - Stoffe wie DEHP und DnBP finden sich in einer Vielzahl von Produkten. Dabei geben Tierversuche Anlass zu dem Verdacht, dass Phthalate auch beim Menschen die Entwicklung der Hoden, später die Qualität der Spermien und damit die Fruchtbarkeit beeinträchtigen. Die seit einigen Jahren sinkende Spermienanzahl und -qualität in einer Reihe von Staaten, darunter Dänemark und Schweden, wird auf Phthalate zurückgeführt. „Die Weichmacher sind ein Riesenproblem, weil sie in so vielen Quellen stecken“, bestätigt Patricia Cameron vom Bund für Umwelt und Naturschutz. Gerade die Phthalate untermauern ihrer Meinung nach die These, dass an die Stelle von Schadstoffen „der ersten Generation“ wie Blei und DDT inzwischen andere getreten sind.

Richtlinien und Grenzwerte müssen also dringend neu überdacht werden. Und vielleicht gelingt es ja eines Tages, die Belastung insgesamt zu senken. Es wäre die Mühe wert.

Quelle: Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung, 09.09.2007
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