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Sauna-Leistungssport „Der Ofen gewinnt immer“

14.04.2009 ·  Die „Saunaritter“ trainieren hart für die deutsche Meisterschaft. Sie schwitzen bei 110 Grad in der finnischen Sauna mit Duschkopf über dem Ofen, bis die Haut rot wird. Das bringt sie zum Lachen.

Von Jan Grossarth, Maintal
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Die Herren Eddie, Stefan und Engin machen den Anfang. Sie nehmen in der engen finnischen Sauna Platz, obere Reihe. Dort ist es 110 Grad heiß, und direkt über dem Ofen ist ein Duschkopf montiert. Wie es die Wettkampfregeln verlangen, spuckt er alle dreißig Sekunden einen Schuss Wasser aus, das explosionsartig verdampft. Nach drei Minuten lachen Eddie, Stefan und Engin noch. Später werden sie sagen, sie hätten sich mal wieder wie Hummer im Kochtöpfen gefühlt.

Draußen steht Bernhard Strohmeier im Bademantel, er hat eine Stoppuhr und kommentiert das Trainingsgeschehen. In der fünften Minute ist zu beobachten, dass die Haut der Saunierenden tropfend nass ist und die drei ihre Gesichter verzerren. Eddie tippelt dazu leicht mit einem Fuß auf der Holzbank. „Wenn sich die Füße bewegen, ist das ein schlechtes Zeichen“, merkt Bernhard an. Er guckt auf die Stoppuhr und sagt: Sechs Minuten, Jungs.

Kurz nach der Zeitansage springt Eddie als Erster aus der Sauna. Seine Haut ist schweinchenrosa. Er habe sich gestern eine Glatze rasiert, und daher brenne es doch sehr auf seinem Kopf, begründet er den frühen Abgang und kühlt sich draußen unter der kalten Brunnenwasserdusche ab. Man muss ihm, dem selbständigen Hausmeister Edwin Köhler, auch zugute halten, dass er noch nicht lang dabei ist bei den „Saunarittern“, jener im vergangenen Frühling gegründeten Gruppierung aus dem Frankfurter Raum, die im Juli bei den Deutschen Saunameisterschaften in Stralsund nach Titeln greifen will.

Eine Minute nach Eddie springt Engin aus der Sauna, die sie „das Biest“ nennen. „Ich spür das Herz bis in die Schläfen“, sagt er tropfend. Der Computertechniker Engin Özkar ist eigentlich einer der zähesten Saunaritter, er ist der Rekordhalter, nur Engin hat schon einmal die Elf-Minuten-Marke geschafft. Aber es ist ja auch nur der erste Aufguss für heute. Stefan hält es am längsten aus. „Gut, Stefan, du siehst noch gut aus“, motiviert ihn Bernhard von draußen, und Stefan springt erst nach 8:36 Minuten aus der Sauna. Stefan Stein, selbständiger Elektromeister, hat einen krebsroten Rücken. Ein gutes Zeichen sei diese Hautfarbe, sagt Bernhard: „Dann hast du was geleistet.“

Die Männer und Saunaritterin Beate, die hier trainieren, sind zwischen 27 und 49. Für den Saunaleistungssport ist man fast nie zu alt. Geübt wird im Keller eines blau gestrichenen Einfamilienhauses in Maintal. Das Reihenhaus hat ein Gärtchen. In der Gartenlaube sitzen die Ritter jetzt, nach der ersten Trainingsrunde, auf Plastikklappstühlen, Engin raucht eine Zigarette. Sie tragen einheitliche weiße Frottier-Badeanzüge, auf deren Vorderseiten ihre Vornamen aufgedruckt sind und auf den Rückseiten „Saunaritter.de“. Der Garten unterscheidet sich von den umliegenden Parzellen vor allem durch die größeren Mengen an Brennholz, die sich hier stapeln. Auf dem Tisch stehen viele Plastikflaschen mit Mineralwasser. Ein kleiner weißer Hund läuft über den Rasen, manchmal geht auch er mit in die Sauna.

„Seit wir auf Atomstrom umgeschaltet haben, wird es viel heißer“, sagt Ritter Bernhard, und die anderen kichern. Bernhard Strohmeier ist promovierter Betriebswirt, Unternehmensberater in Frankfurt und sauniert fast jeden Abend irgendwo mit Freunden: „Nur sonntags nicht, dann gehe ich ins Kino oder ins Theater.“

Sie nennen ihre Kellersauna in Maintal ihr „Leistungszentrum“, bald wollen sie für die Meisterschaften hier an jedem zweiten Tag trainieren. Wettkampfsaunieren sei als Sport ähnlich anstrengend wie Marathonlauf, sagt Engin Özkar. Das habe ein Arzt belegt, der Doktor Hund heiße oder so ähnlich. Die anderen nicken, sie haben die Studie gelesen, aber keiner erinnert sich an den genauen Namen von Doktor Hund. Engin sagt, er sei hier „der Ritter mit Migrationshintergrund“. Alle lachen. Er stammt aus Istanbul, spricht akzentfrei Hessisch, besitzt 25 große Handtücher und sagt, er sei im vergangenen Jahr 96 Abende hintereinander in die Sauna gegangen, das bekomme ihm gut. „Man hat das Gefühl, die Haut schält sich.“

Der Saunaverein betreibt regelmäßig Talentsichtungen. Jeden Mittwoch sind die Männer in der Offenbacher Sauna „Rimini“, wo es eine der wenigen öffentlichen 110 Grad heißen Saunen gibt. Die war zwar stillgelegt worden, doch nach Beschwerden der Saunaritter wurde sie wieder in Betrieb genommen. Wenn ihnen dort Talente auffallen, lädt die Tafelrunde sie nach Maintal ein. So kam auch Eddie zu der Truppe.

„In den Thermen kennt man uns“, sagt Bernhard Strohmeier. „Wenn wir kommen, dann schalten die plötzlich um von Wellness auf Hardcore“, ergänzt Thomas Kefer. Er hat eine Strubbelfrisur, trägt einen Millimeter-Schnauzbart und um den Hals eine Goldkette. Neulich, erzählt er sehr stolz, hätten sie es in einer öffentlichen Sauna länger als ein gefürchteter Aufgießer ausgehalten: Der Aufgussmeister verbrannte sich beim Wedeln mit dem Handtuch die Hand, er musste die Sauna verlassen, fühlte sich in seiner Ehre gekränkt und forderte Revanche. Wenn sie in öffentlichen Thermen einen Aufguss mitmachen, versuchen die Saunaritter, am längsten im Raum zu bleiben. Dann singen sie ihre Hymne, die sie jetzt probeweise kurz in der Gartenlaube anstimmen: „Saunaritter, olé olé olé.“

Dieses Imponiergehabe fiel auch Norbert Seeg auf. Er sieht aus wie ein Fußballprofi, der aus einem Mannschaftsposter der frühen neunziger Jahre gesprungen ist. Seeg forderte die Ritter heraus, der Wettkampf ging unentschieden aus, jetzt gehört auch er zum Klub. In der zweiten Runde dieses Donnerstagstrainings wird Norbert die Zehn-Minuten-Marke knacken. Das wird auf einer Strichliste markiert, die im Saunakeller aushängt. Auch in ihrem Internet-Blog kommunizieren die Saunaritter solche Erfolge, garniert mit Fotos von roten Rücken.

Die Heißsporne legen Wert auf die Feststellung, dass sie nicht masochistisch veranlagt seien. Sie betonen, das wohlige Gefühl nach dem Saunagang rechtfertige die anfänglichen Schmerzen. Kommt man aus der Hitze, kribbeln die Arme, die Hände, der Rücken so intensiv wie nie nach einem gewöhnlichen Trockensaunagang. Dann spüren sie ihren Körper, es fühlt sich nach Leben an. „Ich fühle mich wie neu geboren, vor dem Saunagang war ich heute ein bisschen müde“, sagt der japsende Norbert gleich nach der zweiten Trainingsrunde, „deswegen gehe ich fast jeden Tag in die Sauna.“

Die Wettkampfregeln sehen vor, dass die Ellenbogen der Teilnehmer auf den Oberschenkeln aufliegen müssen. Die Sportler dürfen sich keinen Schweiß von der Stirn wischen. Ein Schiedsrichter klopft von außen immer mal wieder an das Saunafenster, und die Teilnehmer müssen darauf reagieren. Mit guten Leistungen bei den Deutschen Meisterschaften wollen sich die Athleten auch für die Weltmeisterschaft in Finnland qualifizieren. Bei einer der vergangenen Weltmeisterschaften, erzählen die Ritter, habe es der Sieger einmal rund 18 Minuten in der Hitze ausgehalten. Seinen Kontrahenten waren die Lippen und Ohrläppchen aufgeplatzt. Stefan Stein, der Hausherr des Leistungszentrums Maintal, merkt an: „Den Ofen kann man nicht besiegen, der Ofen gewinnt immer.“

Wenn sie in ihrer Gartenlaube sitzen, lachen die Saunaritter ausdauernd. Sie wirken wie pubertierende Jungs, die Grenzen austesten, und scheinen die Albernheit nach einem Tag im Büro zu genießen. Offenbar ist für sie der Zweck mancher Hautverbrennung nicht, Meisterschaften zu gewinnen, sondern sich jung zu fühlen, lebendig.

Immer, wenn das Training vorbei ist, bringt Stefan Steins Mutter den Saunahelden einen großen Topf Gulaschsuppe. Die Ritter sitzen dann im Keller an einem großen Holztisch, sie essen die Suppe schnell und lachen viel. Seine Mutter mache sich keine Sorgen, sagt Stefan. In wenigen Wochen, wenn die heiße Phase der Vorbereitung auf die Deutsche Meisterschaft beginnt, wird sie an jedem zweiten Tag Gulaschsuppe kochen.

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Jahrgang 1981, Redakteur in der Wirtschaft.

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