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Russland Jung, berauscht, aidskrank

01.12.2007 ·  In kaum einem anderen Land breitet sich Aids so schnell aus wie in Russland. Alkohol und Ignoranz führen in einen Teufelskreis. Längst sind nicht mehr allein Rauschgiftsüchtige betroffen.

Von Peter-Philipp Schmitt
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Marina ist eine durchaus sympathische Lügnerin. 36 Jahre alt sei sie und schon seit zwei Jahren im Gefängnis von Sablino. „Vier weitere muss ich noch absitzen“, sagt sie. Früher sei sie mal rauschgiftsüchtig gewesen. Und weil sie Rauschgift mit gebrauchten Nadeln injiziert habe, sei sie seit gut fünf Jahren HIV-positiv. Sie habe ein Kind, eine gesunde sechs Jahre alte Tochter, die sie aber leider nicht allzu oft zu Gesicht bekomme.

Dass Marina ein zweites Kind wegen ihrer Rauschgiftsucht, von der sie noch immer nicht ganz losgekommen zu sein scheint, noch während der Schwangerschaft verloren hat, verschweigt sie. Und dass sie, wie die Gefängnisleitung später mitteilt, bis zum Jahr 2025 einsitzen muss, darüber redet sie schon gar nicht. Mehr als zwanzig Jahre in einem russischen Frauengefängnis - die mehrfach vorbestrafte Marina hat wohl nicht nur ein Kavaliersdelikt begangen.

Im Flur warten die eigens ausgewählten Frauen

Gut 40 Kilometer südlich von St. Petersburg liegt der kleine Ort Sablino. Der große Frauenknast mit seinen mehr als 1000 Insassen etwas außerhalb des Dorfes heißt ebenfalls Sablino. Das Gefängnis mit seinen vierstöckigen Backsteingebäuden ist für Besucher tabu, nur die Krankenabteilung - gleich rechts hinter der Eingangspforte etwa 50 Meter einen asphaltierten Weg entlang - darf ausnahmsweise besichtigt werden. Schon im Flur warten die eigens ausgewählten Frauen, unter ihnen Marina und auch Anna, in ihren grünen oder blauen Arbeitsanzügen - einige der Gefangenen müssen tagsüber nähen, andere stellen künstliche Blumen her. Für die meisten hier war es Glück, dass sie ins Gefängnis kamen.

Marina fühlte sich schon in den Wochen und Monaten vor ihrer Verurteilung schrecklich. Sie hatte hohes Fieber, ihre Lymphknoten waren geschwollen, sie litt unter Durchfall, war stark abgemagert. Warum? „Ich hatte keine Ahnung“, sagt Marina, die seit 1989, seit ihrem 18. Lebensjahr, Rauschgifte nimmt. Auch die 27 Jahre alte Anna litt unter einer ihr mysteriösen Krankheit und war sich, als sie vor gut einem Jahr wegen eines Rauschgiftdelikts ins Gefängnis Sablino kam, sicher, dass sie nur noch wenige Wochen zu leben habe. „Ich wurde gleich in die Krankenabteilung verlegt“, erzählt die Mutter einer elf Jahre alten Tochter. Dort fanden die Ärzte noch zehn T-Lymphozyten in ihrem Blut, normal sind mindestens 500 und mehr dieser für die Immunabwehr des Körpers wichtigen Zellen. Sinkt ihre Zahl unter 200 pro Mikroliter Blut, sprechen Mediziner vom „Vollbild Aids“. Anna weist mittlerweile wieder - nach einer mehrmonatigen Behandlung mit antiretroviralen Medikamenten - 125 T-Zellen auf. Wie sie sich infizierte? „Mein Mann und ich spritzten uns Drogen mit derselben Nadel. Das wird es wohl gewesen sein“, sagt Anna. Dass der gleichaltrige Ehemann 2002 bereits HIV-positiv war, ahnten beide damals nicht.

„Wir sind doch kein Sanatorium“

Im Gefängnis Sablino wurden in den vergangenen sechs Jahren 700 Frauen behandelt. Nach ihrer Entlassung werden die erkrankten Frauen an die für sie zuständigen Aidszentren vermittelt, doch ein Teil der Patientinnen meldet sich dort nicht, andere verweigern sich grundsätzlich einer Behandlung. Die Medikation der Therapieverweigerer ist schwierig: Wenn ein Aidskranker seine Medikamente nicht einnimmt, können sich Resistenzen gegen die Arzneimittel bilden. Doch die Therapie gilt im Gefängnis ohnehin nicht viel. „Wir sind doch kein Sanatorium“, sagt eine der Wärterinnen auf dem Weg nach draußen. Am Ausgang steht der Satz: „Vergebung musst du dir verdienen!“

Unwissenheit wird zu einem millionenfachen Problem in Russland, befördert von der Regierung in Moskau, die harte Fakten ignoriert. Das ist in Russland nicht anders als in der Ukraine, in Kasachstan oder Tadschikistan. Mit der Auflösung der Sowjetunion kam für viele Verlierer des Systemwandels der Absturz. Sie berauschen sich mit dem, was zu haben ist, ohne zu wissen, wohin sie das führt - vom Alkohol über Rauschgifte wie Khanka und Heroin zu tödlichen Infektionskrankheiten wie Aids und Tuberkulose. Aufklärung und Hilfe von staatlicher Seite gab es nicht - und gibt es oftmals noch immer nicht.

Wodka war teurer als Heroin

Alkohol ist Todesursache Nummer eins in Russland, die Lebenserwartung eines Mannes beträgt 58 Jahre, gut 16 Jahre weniger als in Westeuropa (Russinnen werden im Schnitt 72, deutsche Frauen knapp 82 Jahre alt). Das sind Zahlen, wie man sie sonst nur aus den ärmsten Ländern in Afrika kennt. Noch schlimmer aber: Eine billige Flasche Wodka war in den vergangenen Jahren zeitweise teurer als eine Dosis Heroin. Fast immer ist Alkohol im Spiel, wenn sich junge Russen mit Aids infizieren. An Kondome oder saubere Nadeln denkt ein Besoffener nicht.

Russland hat eine der am schnellsten wachsenden HIV-Epidemien der Welt. Das Gesundheitsministerium geht von 335 000 Infektionen aus, die UN sprechen von mindestens 1,6 Millionen Fällen. Das entspricht mehr als einem Prozent der russischen Bevölkerung mit etwa 140 Millionen. Bislang waren es vor allem Männer, die sich infizierten. Inzwischen aber steigt die Zahl der Frauen stark an, die sich beim ungeschützten Geschlechtsverkehr anstecken. Fast 80 Prozent der Infizierten sind unter 30 Jahre alt.

Täglich zweimal 25 Tabletten

Alexej ist 25. Als er im Frühling in das St. Petersburger Botkin-Krankenhaus eingewiesen wurde, war sein Immunsystem am Ende. Er hatte hohes Fieber und eine schwere Lungenentzündung. Erste Tests ergaben noch 13 T-Lymphozyten in seinem Blut und ansonsten „das volle Programm“, wie sein Arzt sagt: Aids, das die Russen „Spid“ nennen, Hepatitis, Tuberkulose. Dagegen schluckt er nun täglich zweimal 25 Tabletten. Mit seinem Wissen, das er sich in der Klinik angeeignet hat, kann Alexej inzwischen nachvollziehen, wie es dazu kommen konnte: Schon mit zwölf oder dreizehn Jahren hat er regelmäßig Alkohol getrunken, mit 15 dann erstmals Heroin genommen, „weil es alle in meinem Freundeskreis machten“. Der Einfachheit halber benutzten sie immer wieder dieselben Nadeln. Im Rausch hatte Alexej auch Sex. Kondome, sagt er, Kondome habe er nicht verwendet. Warum auch? „Wir fühlten uns doch o. k.!“

Das riesige Botkin-Krankenhaus ist ein trostloser Ort, verwahrlost wirkt das große Gelände. Auf den Fluren und in den Zimmern riecht es moderig. Die Geldnot in dem städtischen Krankenhaus ist überall zu spüren. An fast allem herrscht Mangel, auch an Schwestern und Ärzten, die in öffentlichen Häusern nur zwischen 10 000 und 15 000 Rubel monatlich (etwa 280 bis 420 Euro) verdienen. Seit etwa acht Jahren kümmert sich das Hospital speziell um HIV-infizierte Rauschgiftsüchtige. Im Schnitt sind sie zwischen 20 und 30 Jahre alt, gut 60 Prozent von ihnen sind Männer. Das sei typisch für ganz Russland, erzählt Elena Sajzewa vom Open Health Institute (OHI), einer Nichtregierungsorganisation, die über ihr eigens für die HIV-Bekämpfung gegründetes Globus-Projekt die Behandlung der Aidskranken im Botkin-Hospital und auch die im Gefängnis Sablino finanziert.

Nicht nur am Geld fehlt es

Ein Großteil des OHI-Geldes stammt vom Globalen Fonds zur Bekämpfung von Aids, Tuberkulose und Malaria. Das OHI war 2004 die erste russische Einrichtung, die von der UN-nahen Institution ausgewählt wurde. Ohne internationale Unterstützung wäre die Behandlung von Aidspatienten in dem größten Land der Welt kaum möglich. Nicht nur am Geld fehlt es. Natalya Badosowa, als Infektiologin unter anderem zuständig für das Globus-Programm im Gefängnis Sablino, klagt über die Diskriminierung gerade derjenigen in Russland, die von Aids besonders betroffen sind: der Rauschgiftsüchtigen, Gefangenen und Homosexuellen. Auch eine Kehrtwende des Präsidenten vor dem G-8-Gipfel in St. Petersburg 2006 änderte daran nichts. Der Kampf gegen Aids stand nun plötzlich ganz oben auf seiner Agenda, Putin gründete eine nationale Aidskommission und erhöhte die Ausgaben für staatliche Hilfsprogramme auf rund 90 Millionen Euro - das Zwanzigfache der bisherigen Mittel.

Zwei Tage vor dieser Ankündigung hatte das Moskauer Stadtparlament westliche Anti-Aids-Programme noch beschuldigt, sie förderten „Pädophilie, Prostitution sowie den Drogenkonsum unter Jugendlichen“. Am selben Tag forderte die Russische Orthodoxe Kirche, die sich gegen den Einsatz von Kondomen stellt, dass Globus seine Arbeit einstellen müsse. Einige Monate nach dem G-8-Gipfel wurden alle staatlichen Präventionsprogramme für Rauschgiftsüchtige und Gefangene wieder abgeschafft, wie Elena Sajzewa vom OHI berichtet. „Und das ohne jede Begründung!“

Schwule tauchen in Aidsstatistiken selten auf

Nikolai Pantschenko, der 1987 zu den ersten zwölf Aidsfällen in Russland gehörte und als Homosexueller die Organisation „Positiver Dialog“ in St. Petersburg gründete, schätzt, dass zehn Prozent der Schwulen in der mit etwa 4,5 Millionen Einwohnern zweitgrößten russischen Stadt infiziert sind. In Aidsstatistiken tauchen sie so gut wie nicht auf. „Kaum einer wagt es, sich als schwul zu erkennen zu geben“, sagt Pantschenko. „Lieber lassen sie sich als rauschgiftsüchtig kategorisieren, wenn sie denn überhaupt einen Test machen lassen.“ HIV-Infektionen werden in Russland oft erst festgestellt, wenn die Erkrankten fast schon mit dem Tode ringen.

So erging es auch Igor. Tief ist der Dreißigjährige in den vergangenen 15 Jahren gesunken. Gerade erst lag er zehn Tage lang im Krankenhaus - „auf Entzug“, wie er sagt. Dort habe er eine Handvoll Pillen bekommen, die schwere Nebenwirkungen bei ihm verursachten. Darum schluckte er die Tabletten nicht, die er wegen seiner Aidserkrankung einnehmen muss. Nun sitzt er vor Natalya Badosowa und hat ein schlechtes Gewissen. „Bislang lassen sich zwar keine Resistenzen nachweisen“, sagt die Ärztin. „Doch wir müssen dich natürlich neu einstellen.“ Arbeiten kann Igor nicht, er entwickelt Computersoftware. Viel Geld habe er in den Neunzigern verdient. „Weißt du, was los war?“, radebrecht er fragend auf Deutsch. „Wir waren frei, konnten alles leisten.“ Drei Jahre hat er in Berlin gelebt, fuhr große, schnelle Autos, trank viel Alkohol und begann im Jahr 2000 auch Heroin zu spritzen.

Die Tochter wächst bei den Großeltern auf

Mit HIV hat sich Igor wohl beim Heroinspritzen infiziert, genau weiß er es nicht. Seine Frau, ebenfalls aidskrank, sitzt wegen Drogenhandels im Gefängnis, seine vierjährige Tochter wächst bei den Großeltern auf. Ihr gehe es gut, sagt Igor. Sie haben also Kondome verwendet? „Manchmal ja, meistens nein.“ Gesund sei die Tochter nur wegen der Medikamente zur Welt gekommen, sagt Natalya Badosowa. Seit Jahren schon beobachtet sie die Auf und Abs ihres Patienten, der vom Rauschgift nicht loskommt. Ein hoffnungsloser Fall? Aber nein, ganz und gar nicht, sagt sie: „Solange er immer wiederkommt, ist es gut.“

Igor aber gibt sich im Gespräch plötzlich widerspenstig: Nächste Woche will er nicht mehr kommen. Und dass man über ihn in einer Zeitung etwas schreibt, lehnt er auch ab. Nach einer Weile gibt er klein bei. Der gestrenge Blick der Ärztin wirkt. „O. k.“, sagt Igor, „meinetwegen. Aber nur wenn du schreibst, dass ich schrecklich traurig bin.“ Warum? „Weil das Virus mir keine zweite Chance gibt.“

Quelle: F.A.Z., 01.12.2007, Nr. 280 / Seite 3
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