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Veröffentlicht: 05.10.2016, 13:24 Uhr

Fliegende Lebensretter Drohnen für das Land der tausend Hügel

Die medizinische Infrastruktur Ruandas ist in einem schlechten Zustand. Im Land der tausend Hügel fehlt es in vielen Orten an ausreichender Versorgung im Falle eines Notfalls. Mit Hilfe eines amerikanischen Startups soll sich das nun aber ändern.

von Alexander Davydov, Kiruhura/Kigali
© Zipline Fliegende Lebensretter: Drohnen für Medikamente

Wenn sich die Bewohner des Bergdorfs Kiruhura im Norden Ruandas zu Predigten zusammenfinden, beten sie vor allem um Gesundheit. Denn der harte Alltag im Land der tausend Hügel macht sie zum kostbarsten Gut. Lange Arbeitstage unter der glühenden Sonne und eine hohe Luftfeuchtigkeit fordern den Menschen viel ab. Verletzungen und infektiöse Krankheiten sind lebensbedrohlich. Wegen der Abgeschiedenheit Kiruhuras ist im Ernstfall eine medizinische Erstversorgung oft erst nach mehreren Stunden möglich. In der Regenzeit sorgen zudem heftige Unwetter für Überflutungen und Erdrutsche. Viele Straßen sind dann oft tagelang unpassierbar, ganze Landstriche von der Außenwelt abgeschnitten.

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„Für einen Krankentransport nutzt man im Notfall eine traditionelle Trage“, sagt Byaruhanga Anastase, Direktor des Gesundheitszentrums von Mulindi. „Manche Patienten müssen dann von ihren Freunden und Familienmitgliedern bis zu zehn Kilometer weit zum nächsten Krankenhaus geschleppt werden.“ Nachdenklich wischt sich der 36 Jahre alte Beamte Schweißperlen von der Stirn und blickt über die unebene Landschaft aus Kaffeeplantagen, Wald und Wellblechhütten.

Hilfe kommt aus der Luft

Anastase ist für die medizinische Versorgung in Kiruhura verantwortlich und kennt die Sorgen der Menschen: „In dieser Region stellen die schlimmsten Probleme verschiedene Krankheiten wie Grippe, Infektionen der Atemwege, aber auch Frakturen dar. Vor allem aber bedeutet starker Blutverlust eine große Gefahr.“ Die Notfallmedizin müsse unbedingt gestärkt werden. In manchen Dörfern gebe es zwar kleinere medizinische Außenposten, doch diese seien häufig chronisch unterversorgt.

Daher soll nun Hilfe aus der Luft kommen. Das amerikanische Startup-Unternehmen Zipline will in Zusammenarbeit mit der ruandischen Regierung Drohnen einsetzen, um schwer zugängliche Gebiete mit Medikamenten und Blutkonserven zu versorgen. „Unsere Technik hat das Potential, vorher unerreichbare Barrieren zu überwinden und somit viele Menschenleben zu retten“, sagt der Geschäftsführer von Zipline, Keller Rinaudo. Bei Notfällen soll eine Drohnenstation, auch Nest genannt, per SMS mit Koordinaten und Informationen zu den benötigten Hilfsgüter kontaktiert werden. Von dort starten dann die etwa zehn Kilogramm schweren unbemannten Flugkörper mit der medizinischen Fracht. Gesteuert werden die Drohnen über ein iPad – aus bis zu 100 Kilometer Entfernung. Per Fallschirm werden die Arzneimittel dann über dem Zielgebiet abgeworfen.

42544352 © Alexander Davydov Vergrößern Nicht genug: Im Land der tausend Hügel fehlt vielen Bewohnern eine ausreichende medizinische Versorgung.

Seit August operiert das erste Nest in der Nähe der Hauptstadt Kigali. Insgesamt 15 Drohnen fliegen von hier aus in alle Richtungen. In der ersten Phase werden zunächst 21 umliegende medizinische Stationen täglich mit 50 bis 150 Blutkonserven versorgt. Der Bau weiterer Nester ist geplant, um sämtliche Gebiete des Landes abzudecken. Rinaudo versichert, dass auch die widrigen Wetterbedingungen Ruandas für die Drohnen technisch kein Problem sind. „Die Menschen warten nicht auf perfektes Wetter, um krank zu werden. Die Drohnen müssen also jederzeit funktionieren.“

Auf Innovationen angewiesen

Die medizinische Infrastruktur in Ruanda ist auf solche Innovationen angewiesen. Trotz vieler Bemühungen der Regierung ist die Gesundheitsversorgung der mehr als elf Millionen Einwohner unzureichend. Noch immer sind die Auswirkungen des Völkermords an den Tutsi vor mehr als 22 Jahren spürbar. Denn unter den Opfern des Genozids, dem etwa eine Million Menschen zum Opfer fielen, befanden sich auch Tausende Krankenpfleger und Ärzte. Laut Weltgesundheitsorganisation kommt auf 20.000 Einwohner gerade einmal ein Arzt. Ländliche Gebiete wie Kiruhura sind von diesem Engpass besonders stark betroffen und könnten von dem Projekt profitieren.

42544350 © Zipline Vergrößern Hilfsgüter im Anflug: Per Fallschirm liefern Drohnen in Ruanda Medikamente und Blutkonserven.

Die Idee dazu kam Rinaudo während einer Reise durch Tansania, wo Medikamente per Mobilfunkgerät bestellt werden können. Der 29 Jahre alte Amerikaner stellte fest, dass der Einsatz von Drohnen für Orte ohne ausreichende Infrastruktur weiter verbessert werden kann. Ruanda, das mit 26.000 Quadratkilometer Fläche nur wenig größer ist als Mecklenburg-Vorpommern, bot mit seinem unwegsamen Terrain für den Unternehmer die passenden Rahmenbedingungen, um das Projekt sinnvoll einsetzen zu können. Trotzdem versteht sich Zipline nicht als Entwicklungshilfe. Das Unternehmen aus Kalifornien sieht darin auch ein gutes Geschäft. Für Rinaudo ist die ruandische Regierung in erster Linie ein verlässlicher Abnehmer der Drohnen. Über den Preis der unbemannten Flugobjekte schweigt der junge Amerikaner, versichert aber, dass diese in Produktion und Instandsetzung nicht über die Kosten konventioneller Fahrzeuge kämen.

Überzeugendes Potential

Auch im Ministerium für Jugend und technologische Entwicklung in Kigali ist man von dem Potential der Drohnen überzeugt. Emmanuel Habumuremyi, der das Projekt betreut, sieht eine einmalige Chance für sein Land: „Die Bevölkerung ist stets offen für neue Technologien. Wir haben hier die Möglichkeit eine Vorreiterrolle nicht nur für Afrika einzunehmen, sondern auch für die ganze Welt.“ Habumuremyi plant, dass hauptsächlich einheimische Fachkräfte den Einsatz der Technik und die Wartung übernehmen. So soll eine weitgehende Abhängigkeit vermieden werden. Das Problem des Personalmangels oder der Straßenqualität werden aber auch die Drohnen nicht ganz lösen können. Zipline lindert aber zumindest die Symptome, an denen Ruanda kränkelt.

Noch hat keine Drohne Kiruhura erreicht. Dennoch sind die Menschen zuversichtlich, dass sie hier eines Tages vom Fortschritt profitieren: „Das Projekt wäre besonders für diese Region von großem Nutzen“, sagt Anastase, Chef des Gesundheitszentrum nahe Kiruhura. Bis dahin kommen die einzigen summenden Geräusche von den zahlreichen Insekten, die sich zwischen den steilen Feldern tummeln, während die Bewohner arbeiten.

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