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Resistenzen „Supervirus“

30.06.2005 ·  „Dieser Fall ist ein Alarmzeichen“: In der New Yorker Schwulenszene ist ein HI-Virus aufgetaucht, von dem es heißt, er sei nur schwer oder überhaupt nicht medizinisch zu behandeln. Doch die Warnungen wurden offenbar zu schnell ausgesprochen.

Von Peter-Philipp Schmitt
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Vier Stunden kosten zwölf Dollar. Am Wochenende wird der Eintritt sogar noch zwei Dollar teurer. Drogen sind verboten, offiziell gibt es nur Snacks, Soda, Kaffee und Wasser. Dazu ein paar Duschen, Saunen und Fernsehgeräte sowie „Umkleidekabinen“: die kleinen für zwölf, die größeren für 15 Dollar.

„Wenn du nicht schlafen kannst, dir langweilig ist, du einfach jemand Neues kennenlernen möchtest und du von der New Yorker Bar-Szene die Nase voll hast, dann denk mal über den ,West Side Club' nach“, heißt es auf der Internetseite. Insgesamt bietet der zweite Stock in einem für Manhattan typischen Bürogebäude wenig - und verheißt doch viel für ein bestimmtes Publikum: schnellen, preiswerten und anonymen Sex zwischen Männern.

Viagra und Crystal Meth

Zu den Stammgästen soll auch der 46 Jahre alte Mann gehört haben, der im Februar als „Patient Zero“ mit einem besonders resistenten HI-Virus Aufsehen erregt hatte. Im Laufe mehrerer Monate hatte er nach eigenen Angaben Hunderte Male ungeschützten Geschlechtsverkehr - auch mit Männern, die er zum Teil über Kontaktseiten im Internet kennenlernte und dann im „West Side Club“ traf.

Allein am 22. Oktober vergangenen Jahres, dem Tag, an dem er sich mutmaßlich mit dem „Supervirus“ angesteckt hatte, will er mit sieben oder acht Partnern Sex gehabt haben. Beigestanden habe ihm dabei nicht nur immer wieder Viagra, sondern auch die in Deutschland noch weitgehend unbekannte Droge Crystal Meth.

Zustand intensiver Amnesie

Neu an Crystal Meth oder Crystal Speed ist allerdings nur der Name. Das Methamphetamin, eine Art XXL-Variante des Amphetamins, ist seit bald 100 Jahren bekannt. Beliebt wurde „Ice“ oder „Glass“, wie es in den sechziger Jahren wegen seiner glasklaren Kristalle genannt wurde, vor allem bei amerikanischen Truckfahrern, die sich über Stunden wach halten wollten. Erst Ende der neunziger Jahre wurde Crystal Meth, dessen Produktion nur wenige Cent kostet, wiederentdeckt. Crystal Meth bewirkt einen Zustand intensiver Amnesie.

In geringen Dosen ruft die Droge, die geschluckt, geraucht oder injiziert wird, Ratlosigkeit, Enthemmung und Erregtheit hervor. In hohen Dosierungen bewirkt sie einen Zustand der Erstarrung, sie kann ein Koma bewirken oder zu Atemstillstand führen. Auch die Suchtgefahr ist hoch. Studien aus den Vereinigten Staaten belegen, daß mittlerweile mindestens 15 bis 20 Prozent der HIV-Neuinfektionen in Amerika - manche Wissenschaftler sprechen sogar von bis zu 30 Prozent - mit Crystal Meth in Verbindung gebracht werden können.

Ungeschützter Sex im Drogenrausch

Auch der sechsundvierzigjährige Mann aus New York hatte seit etwa fünf Jahren Crystal Meth an Wochenenden aus vor allem einem Grund geraucht - um seine Potenz über Stunden aufrechtzuerhalten. Eine der Nebenwirkungen: Im Drogenrausch hatte er häufig ungeschützten Sex. Kein Einzelfall, wie Umfragen zeigen: Unter dem Einfluß von Crystal Meth verdoppelt sich die Wahrscheinlichkeit, daß Männer kein Kondom verwenden. Ob sich der New Yorker tatsächlich im Oktober infizierte oder doch schon ein Jahr zuvor - sein letzter negativer Aids-Test stammt vom Mai 2003 -, ist nicht klar.

Allerdings spricht viel für das Datum: Etwa zwei Wochen nach dem 22. Oktober hatte der Mann schwere grippeähnliche Symptome, normalerweise das erste Anzeichen einer akuten HIV-Infektion. Das Immunsystem beginnt auf die Ansteckung zu reagieren und bildet Antikörper. Meist gelingt es dem Immunsystem danach, eine Art Gleichgewicht zwischen Virusvermehrung und Virusabwehr herzustellen.

Hat der Patient Dutzende Männer infiziert?

Diese symptomfreie Zeit dauert im Schnitt acht bis zehn Jahre, bis die Krankheit schließlich ausbricht und Mediziner vom Vollbild Aids sprechen. Der New Yorker hingegen hatte dieses Stadium schon nach knapp acht Wochen erreicht. Mitte Dezember verlor er rapide an Gewicht, konnte sich kaum noch auf den Beinen halten. Ende des Monats lag sein Aids-Test vor: In seinem Blut fanden sich nur noch 80 Helferzellen - normal sind 700 bis 1.200 CD4-Zellen pro Mikroliter -, die sogenannte Viruslast (Viruskopien pro Mikroliter Blut) betrug 280.000.

Noch am 29. Dezember, einen Tag bevor ihn sein Arzt über seine Krankheit informierte, hatte der Mann wiederholt ungeschützten Sex. Wohl auch deswegen entschloß sich der Leiter der New Yorker Gesundheitsbehörde, Thomas Frieden, am 11. Februar, den Fall publik zu machen. Die Gefahr, daß der Patient Dutzende Männer infiziert haben könnte, schien groß. Besorgniserregend war nach Angaben Friedens vor allem, daß das Virus schon gegen drei der vier gängigen Gruppen von sogenannten antiretroviralen Aids-Medikamenten resistent ist: gegen Nukleosidale Reverse-Transkriptase-Hemmer, gegen Nicht-Nukleosidale Reverse-Transkriptase-Hemmer sowie gegen Protease-Inhibitoren.

„Dieser Fall ist ein Alarmzeichen“

„Dieser Fall ist ein Alarmzeichen“, sagte Frieden, der damals noch annahm, daß das Virus nur schwer oder überhaupt nicht medizinisch zu behandeln ist.
„Dem Mann geht es gut“, sagt Scott Kellerman heute. Man habe eine wirksame Medikation für ihn gefunden. Der HIV- und Aids-Beauftragte des „New York City Department of Health and Mental Hygiene“ bestätigt auch, daß bislang kein weiterer Infektionsfall bekanntgeworden sei - trotz intensiver Suche. Die meisten Kontaktpersonen habe man aufspüren können, viele von ihnen seien schon seit Jahren HIV-positiv. „Einige dieser HI-Viren zeigen Ähnlichkeiten, sie müssen aber noch weiter untersucht werden.“

Kellerman verteidigt den von vielen Seiten kritisierten Schritt Friedens, an die Öffentlichkeit zu gehen. „Selbst wenn sich der Mann schon viel früher infiziert hat, so haben wir es doch mit einem hochansteckenden und besonders resistenten Virus zu tun, das zu einem sehr schnellen Ausbruch der Krankheit führt.“ Die Einzigartigkeit des Falles bestreiten allerdings nicht nur Mediziner wie der Direktor der „American Academy of HIV Medicine“, Howard Grossman.

Die Resistenz des Virus ist nicht neu

Auch George Ayala von der größten und ältesten amerikanischen Aids-Organisation in New York, „Gay Men's Health Crisis“ (GMHC), versichert, daß etliche ähnliche Krankheitsbilder bekannt seien: „Es gibt durchaus Personen, die sich mit HIV infizierten und innerhalb von sechs Monaten an Aids starben.“ Auch eine Resistenz des Virus gegen gleich mehrere Medikamentengruppen sei nicht neu: Studien belegten, daß Resistenzen gegen mindestens eines der antiretroviralen Medikamente in rund 15 Prozent der Neuinfektionsfälle mittlerweile normal sei. Durchaus denkbar ist zudem, daß sich der New Yorker, noch ehe das Immunsystem Antikörper herstellen konnte, mehrfach mit verschiedenen und schon gegen antiretrovirale Medikamente resistenten HI-Viren oder einer ihrer Untergruppen angesteckt hat.

Ayala kritisiert Frieden zwar nicht direkt. Er sagt aber, Offizielle sollten schwule Männer und ihren Umgang mit Sex und Drogen nicht dämonisieren. Das sei auch nicht Friedens Absicht gewesen, sagt Kellerman. „Natürlich haben Menschen das Recht, zu tun, was sie wollen. Wir erinnern sie nur daran, dies möglichst geschützt zu tun.“ Ohne Kondome geht das nach Kellerman nicht. „Abstinence only“-Programme, wie sie national in den Vereinigten Staaten propagiert werden, könne sich New York nicht leisten: „Wir haben hier schließlich die älteste, größte und heterogenste HIV-Epidemie in der gesamten westlichen Welt.“

„Gerade Frauen sind die Leidtragenden“

In der amerikanischen Metropole infizieren sich jedes Jahr mehr als doppelt so viele Personen mit HIV als in ganz Deutschland (rund 2.000 Fälle) zusammen: 2003 waren es 4.205, davon waren 2.851 Männer und 1.354 Frauen. Anders als in Deutschland ist der überwiegende Teil der Erkrankten nicht schwul, das Virus wurde häufiger durch heterosexuelle Kontakte, beim Injizieren von Drogen oder auf noch einem anderen Wege übertragen. Weiße sind in der Minderheit: Von den mehr als 100.000 New Yorkern, die HIV-positiv sind, sind gut drei Viertel der Männer und fast 90 Prozent der Frauen farbig - etwa die Hälfte ist schwarz, ein Drittel ist hispanischer Abstammung.

„Gerade Frauen sind die Leidtragenden. Sie wissen meist nicht, daß ihr Partner mit HIV infiziert ist“, sagt Kellerman. Zudem hätten einige von ihnen offenbar noch nie etwas von Aids gehört. Ob Frieden deshalb im Februar die Öffentlichkeit suchte? Kellerman, der erst seit März im Amt ist, bestreitet dies. Terje Anderson, Direktor der „National Association of People Living with Aids“, glaubt hingegen, die New Yorker Gesundheitsbehörde wolle mit abermals geschürter Angst die Menschen zum Gebrauch von Kondomen animieren. „Angst aber hat keinen langanhaltenden Effekt.“

Werbung für unentgeltlichen Aidstest

Kellerman wird nachgesagt, er wolle die ganze Stadt am liebsten mit Latex überziehen. Wichtiger aber erscheint ihm, die New Yorker dazu zu bringen, sich testen zu lassen. „Jeder vierte erfährt erst nach Jahren von seiner HIV-Infektion, wenn die typischen, aidsbegleitenden Krankheiten auftreten und Mediziner vom ,Vollbild Aids' sprechen“, sagt Kellerman. Darum beteilige sich seine Behörde auch an der größten Kondomaktion, die es in den Vereinigten Staaten bislang gegeben hat: „I know“.

Eine Viertelmillion Kupfermünzen, nur wenig größer als ein amerikanischer Penny, wurden in den vergangenen Wochen überall in Manhattan verteilt. Für jede Münze bekommt man in Bars, Diskotheken, Clubs und Restaurants ein Kondom, 100.000 wurden von dem Unternehmen Ansell Healthcare Products, Hersteller der „LifeStyles-Condoms“, zur Verfügung gestellt. Das Besondere an ihnen: Auf der Verpackung wird mit genauer Adressenangabe für einen unentgeltlichen Aids-Test geworben. Michael Franzini, Organisator der „I know“-Kampagne, wendet sich vor allem an junge Leute: „Wer unter 25 ist, den begleitet Aids zwar schon das ganze Leben. Viel mehr als leise Hintergrundmusik ist es aber für die meisten nicht.“

Daß ausgerechnet die HIV-Neuinfektionszahlen bei schwulen Männern im Alter von 30 bis 49 Jahren steigen, und das nicht nur in Amerika, sondern etwa auch in Deutschland, hat offenbar auch mit einer um sich greifenden Sorglosigkeit zu tun. Auch dem New Yorker war offenbar monatelang egal, ob er HIV-positiv ist und das Virus weiterträgt.

Thomas Frieden, der Leiter der New Yorker Gesundheitsbehörde,
dachte anfangs, er müsse den Fall des 46 Jahre alten Aids-Patienten
publik machen, der schon nach acht Wochen das Vollbild der
Krankheit aufwies. Dann aber zeigte sich, daß der Fall nicht das
befürchtete Alarmzeichen für New York war.

In New York stecken sich jedes Jahr mehr als doppelt so viele
Personen mit Aids an als in ganz Deutschland zusammen. Im Jahr 2003
waren es 4205, unter ihnen 1354 Frauen. Daß die Infektionszahlen
ausgerechnet bei homosexuellen Männern steigen, zeugt von einer um
sich greifenden Sorglosigkeit.

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Jahrgang 1967, Redakteur im Ressort „Deutschland und die Welt“.

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