05.04.2011 · Ingrid und Renate Müller sind eineiige Zwillinge. Sie teilen nahezu jedes Schicksal, leben miteinander und füreinander - bis beide mit 40 Jahren nahezu gleichzeitig an Brustkrebs erkranken und plötzlich Angst haben müssen, dass eine übrigbleibt.
Lassen Sie uns über Ihr Buch sprechen, das vom Brustkrebs handelt, an dem Sie beide fast gleichzeitig erkrankt sind.
Ingrid: Schön, dass uns endlich mal ein Mann interviewt.
Was haben Sie gegen weibliche Interviewer?
Renate: Nichts, aber mit diesem Thema setzen sich eher Frauen denn Männer auseinander. Frauen sind dann im Gespräch aber oft erschütterter und gehemmter, weil es sie ja genauso treffen kann.
Man möchte denken, dass Brustkrebs in den vergangenen Jahren so viele prominente Erfahrungsberichte hervorgebracht hat, dass Frauen aufgeklärter und offener sind denn je.
Ingrid: Das stimmt, nur haben wir die Berichte von Kylie Minogue oder Miriam Pielhau nicht gelesen, als wir noch gesund waren. Weder in meinem Freundeskreis noch in unserer Familie hatte je jemand Brustkrebs, und so hatte ich keine Ahnung davon. Man beschäftigt sich damit erst, wenn man einen Grund dazu hat.
In Ihrem Fall war der Grund ein Hinweis eines Liebhabers. Sie leiten das Buch mit dieser Begebenheit ein: Ein bekannter Schauspieler weist Sie morgens im Bett auf einen Knoten in Ihrer Brust hin.
Renate: Ich habe lange überlegt, ob ich das reinschreibe, weil es ja die Welt nichts angeht, mit wem ich meine Nächte verbringe. Ich wäre mir aber blöd vorgekommen zu schreiben: "Eines Morgens wachte ich auf und stellte fest. . ." Das entspricht nicht der Realität. Es ist ja nicht so, dass wir Frauen 24 Stunden am Tag unsere Brüste abtasten. Und ich habe während der Therapien von so vielen Wegen gehört, wie Knoten gefunden werden. Da gibt es Fälle, wo Frauen beim Kartenspielen mal nicht mit der linken, sondern ausnahmsweise mit der rechten Hand ihre Karten halten und dabei merken, dass da unter der Achsel etwas ist.
Weiß der Liebhaber um sein Verdienst?
Ingrid: Ja, wir haben ihn vor kurzem erst wieder zufällig getroffen. Er war sehr erfreut, dass es uns wieder gutgeht. Er ist Renates Lebensretter, und er ist mein Lebensretter.
Wie ging es nach dieser Nacht weiter?
Renate: Ich habe den Vorfall verdrängt und bin erst nach Wochen zum Arzt gegangen. Nach einer Mammographie wurde eine Biopsie angeordnet. Als die entnommenen Zellproben untersucht waren, stand im September 2008 fest, dass ich Brustkrebs hatte und operiert werden musste.
Sie sind Ihrer Schwester bei den ersten Therapien beigestanden. Wann haben Sie den Entschluss gefasst, sich auch untersuchen zu lassen?
Ingrid: Viele Ärzte, die gesehen haben, dass Renate eine eineiige Zwillingsschwester hat, haben mir geraten, mich untersuchen zu lassen. Erst habe ich mir nicht erlaubt, über mich nachzudenken, wo ich doch meiner Schwester helfen wollte. Als ich dann zum Arzt ging, habe ich es Renate nicht erzählt.
Die meiste Zeit Ihres Lebens hatten Sie als Zwillinge eine innige Beziehung zueinander. Über die ersten Wochen von ihrer Erkrankung aber schreibt Ingrid: „Wir sprechen plötzlich unterschiedliche Sprachen.“
Ingrid: Das war der totalen Hilflosigkeit geschuldet, die wohl jeder Angehörige verspürt, der danebensteht. Ich habe mich damals über Kliniken informiert und alles gelesen, was über die Krankheit zu lesen war. Ich wollte ihr helfen, mit Ratschlägen und Plänen.
Renate: Und ich hatte damals einfach eine Scheißangst und wollte nicht, dass mich jemand mit weiteren Vorschlägen durcheinanderbringt. Wir beide mussten verstehen, dass man seinen eigenen Weg finden muss. Auch später, als wir beide krank waren, stieß die hilfreiche gegenseitige Aufmunterung manchmal an ihre Grenzen. Es ist schön, wenn jemand die Hand hält, aber es gibt Situationen, die man alleine durchstehen muss. So wie man auch alleine stirbt.
Zwei Monate nach Renates Diagnose haben Sie erfahren, dass auch Sie Brustkrebs haben.
Ingrid: Für mich war das eigentlich klar, als die Radiologin sagte, sie wolle eine Biopsie machen. Ab diesem Moment habe ich mich mit der Frage beschäftigt, ob die nächsten Schritte nun wie bei Renate ablaufen. Ich konnte ja sehen, wie hart das ist. Bei der zweiten Phase von Renates Chemotherapie war ich dann schon nicht mehr dabei, sondern selbst in Behandlung.
Renate: Als Ingrid mich anrief, um mir von ihrer Diagnose zu erzählen, habe ich mich im ersten Moment gefragt: „Wie kann man so was eigentlich noch ertragen? Wer hat sich denn das ausgedacht?“
Hofft man in diesem Moment auf jemanden, der sich das ausgedacht hat? Sie sind beide mit 20 Jahren aus der Kirche ausgetreten.
Ingrid: Ich habe gebetet, ohne dass ich gewusst hätte, zu wem.
Renate: Ich habe leider keinen Zugang zu einem Gott. Natürlich würde man in diesem Moment gerne jemanden haben. Aber am Ende wussten wir, dass wir einfach weitermachen müssen. Sonst hätten wir ja auch gleich von der Brücke springen können.
Sie haben Ihren Wegbegleiter in dieser Zeit, den Karikaturisten Achim Greser, gebeten, die Bilder für das Buch zu malen. Humor sei fürs Überleben elementar, schreiben Sie. Vor den Gedanken an den Tod aber bewahrt er nicht.
Renate: Ich habe mir schon manchmal vorgestellt, wenn ich im Zug saß: Wie schön wäre es, wenn der jetzt entgleisen würde. Dann wäre alles vorbei und ich müsste mir nicht mehr Gedanken machen, ob der Krebs mich von innen auffrisst.
Machten Sie sich damals Gedanken, was wäre, wenn Sie den Krebs überlebten, Ihre Schwester aber nicht?
Renate: Ich dachte damals schon: Der, der übrigbleibt, hat's schwer. Mir war es immer lieber, wenn es Ingrid besser ging als mir. Wenn ich mir was wünschen dürfte, wäre es, dass keiner übrigbleibt.
Sie sagten, Sie hätten bei der Therapie den Schongang erwischt, während Renate im Schleudergang behandelt werde.
Renate: Ingrids Therapie war auch kein Spaziergang. Aber der Unterschied war, dass ich zwei befallene Lymphknoten hatte und Ingrid zum Glück keine. So war die Chemotherapie auch stärker, die Ärzte dachten sich wohl: "Die ist jung, die steckt auch was weg."
Kurze Zeit später hatten Sie Geburtstag. Feierten Sie überhaupt?
Renate: Wir haben ganz leise gefeiert, die Hauptsache war, dass wir zusammen waren. Am 2. Januar musste ich zur nächsten Chemotherapie. Die kennt keine Ferien.
Ingrid: Und weil mir die auch bevorstand, habe ich mir am gleichen Tag eine Perücke gekauft.
Sie beschreiben Ihre körperlichen Veränderungen wie etwa Haarausfall recht deutlich, sprechen vom "Kortisongesicht" oder Ihrer Angst vor Narben. Wie wichtig ist im Ernstfall noch die Ästhetik?
Ingrid: Sehr wichtig, wie den Männern auch, die sich fragen, wie der Körper nach einer Brustkrebs-Operation aussieht, sich ihre Frauen aber nicht darauf anzusprechen trauen. Jede Patientin, die sagt, das Ästhetische sei ihr egal, sagt vermutlich nicht die Wahrheit. Wir hatten Glück, dass unsere Brüste nicht entfernt werden mussten.
Wie wichtig war es, dass Sie in dieser gemeinsamen Ausnahmesituation einander hatten?
Renate: Es war sehr wichtig. Wenn man ein solches Schicksal teilt, muss man gar nicht so viel sagen. Die Familie muss vielleicht auch nicht immer im Detail wissen, was da genau passiert. Die leidet ja auch mit.
Gab es nach der langen Leidenszeit einen Moment, wo Sie sich dachten, nun sei der Albtraum vorbei?
Renate: Ich weiß noch, als ich Mitte Mai 2009 die auf meine Brust gemalten Kreuze endlich wegwaschen konnte, die angezeigt hatten, wo ich bestrahlt werden musste.
Ingrid: Ich erinnere mich, dass ich etwa zwei Wochen nach Ende der Chemotherapie unter der Dusche stand und dachte, jetzt geht endlich alles wieder normal weiter.
Normal heißt, wieder voll in den Beruf einzusteigen.
Ingrid: Genau.
Wie haben die Ärzte Ihnen erklären können, dass Sie beide fast gleichzeitig erkrankt sind.
Ingrid: Wir gehören nicht zu den seltenen Fällen, bei denen Brustkrebs familiär bedingt ist, das haben wir testen lassen. Natürlich haben wir die gleichen Gene, genauso gut könnten aber auch Faktoren wie Kinderlosigkeit, Alkohol, Stress, Rauchen der Grund sein, weshalb wir beide erkrankt sind, wir haben ja beide einen ähnlichen Lebensstil. So genau hat uns das kein Arzt erklären können.
Renate: Am Ende ist es müßig, nach der Ursache zu suchen.
Was hat sich geändert, nun, da Sie alles hinter sich haben?
Ingrid: Manche Patienten sagen ja, sie möchten diese Erfahrung nicht mehr missen. Ich hätte darauf verzichten können. Ich hätte das nicht gebraucht, nicht mit 40. Früher war ich unbeschwerter, heute bin ich vielleicht demütiger.
Renate: Ich merke, dass ich heute bewusster genieße. Ich arbeite im Gegensatz zu Ingrid auch weniger.
Hat sich Ihre Beziehung zueinander verändert durch das, was Sie durchgemacht haben?
Ingrid: Wir sind dadurch sicher noch enger zusammengerückt.
Renate: Wir wollten früher schon mal ein Buch schreiben, über Zwillinge, von denen nur einer überlebt hat. Dann haben wir stattdessen zusammen eine Kneipe aufgemacht. Jetzt könnten wir dieses Buch weniger denn je schreiben. Weil wir beide schon in diesen Abgrund geguckt haben.