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Reformhäuser Ein Jahrhundert des Naturverkaufs

26.07.2005 ·  Gesundheitsprodukte verkaufen sich sehr gut. Die ursprüngliche Reformidee, die eigentlich dahintersteckte, ist aber verblaßt. Den traditionellen Lebensreformern machen Bio-Supermärkte zu schaffen.

Von Florentine Fritzen
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Sie war Masseurin, er Kneipp-Bademeister. Begegnet sind sie einander am Arbeitsplatz: im Sanatorium Stolzenberg zwischen Spessart und Vogelsberg, einer Naturheilanstalt, wie es sie um die Jahrhundertwende besonders in den deutschen Mittelgebirgen gab. Auch in der Nähe von Dresden hatten die jungen Heilpraktiker schon in Kuranstalten gearbeitet, im Sanatorium Bilz in Radebeul und im mondänen Weißen Hirsch bei Loschwitz. Nach ihrer Hochzeit gingen Marie Ernst aus dem hessischen Herborn und Robert Boermel aus dem thüringischen Rudolstadt nach Frankfurt, um ein Reformgeschäft zu eröffnen. Sie nannten es „Boermel-Ernst“. Das war im Oktober 1904.

Das junge Paar verkaufte - zunächst am Theaterplatz, einige Jahre später in größeren Räumen an der Schillerstraße zwischen Eschenheimer Tor und Hauptwache - allerlei Waren, die so manchen Bürger des wilhelminischen Kaiserreichs schaudern ließen: Hafergrieß und Kaffeesurrogate; unpolierten Reis und Pflanzenbutter-Margarine; durch den Fleischwolf gedrehte, zu Riegeln geformte und getrocknete Feigen und Datteln. Vor allem aber hatte das Ehepaar Boermel-Ernst sackartige, untaillierte Frauenkleider und unförmige Gesundheitsschuhe im Angebot, produziert in der Leipziger Reformwarenfabrik Thalysia.

Die ursprüngliche Reformidee aber ist verblaßt

Heute ist das hundert Jahre alte Reformhaus Boermel-Ernst eines von 1569 Reformgeschäften in Deutschland. Hinzu kommen gut 500 Partner-Reformhäuser und Reformwarendepots in Lebensmittelgeschäften, Drogerien und Apotheken. Sie alle sind Mitglieder der Genossenschaft „Neuform, Vereinigung Deutscher Reformhäuser“ mit Sitz in Oberursel im Taunus. Darüber hinaus gibt es ungezählte Ökoläden, Biosupermärkte und Gesundheitsabteilungen in Lebensmittelmärkten, Apotheken und Drogerien. Gesundheitsprodukte verkaufen sich gut. Die ursprüngliche Reformidee aber ist verblaßt. Nur noch wenige Menschen wissen, woher die Reformhäuser ihren Namen haben: von der Lebensreformbewegung.

Die Betreiber und Kunden der ersten Reformläden nannten sich Lebensreformer, denn sie strebten nach einer gesünderen Lebensweise. Sie waren Vegetarier oder Anhänger der Naturheilbewegung. Der Mensch, forderten sie, solle auf die Stimmen der Natur hören, auf den eigenen Instinkt. Er solle naturbelassene oder nur wenig verarbeitete Lebensmittel zu sich nehmen, sich viel an der frischen Luft bewegen und auf künstliche Genußmittel wie Alkohol und Nikotin verzichten. Viele Verfechter dieser naturgemäßen Lebensweise fühlten sich einer „warmen Welle“ zugehörig, einer Bewegung, die zugleich ein gesünderes Volk, eine vitalere, kräftigere Gesellschaft schaffen wollte.

Keine „Umbruchsstimmung“

Ihre Nahrung, Kleidung, Massagebürsten und Körperöle kauften die Lebensreformer in kleinen Läden, die meist Gesinnungsgenossen betrieben: eben in den Reformhäusern. Das Thalysia-Reformhaus Boermel-Ernst war eines der ersten Reformgeschäfte in Deutschland, andere frühe Reformgeschäfte entstanden in Berlin, Offenbach, Wuppertal, Leipzig und in der vegetarischen Obstbausiedlung Eden in Oranienburg.

„Ich würde mir wünschen, daß es mal wieder zu einer Lebensreformbewegung kommt wie um die Jahrhundertwende“, sagt Simone Hepp, die Urenkelin Robert Boermels und Marie Ernsts. Doch die 35 Jahre alte Juniorchefin des traditionsreichen Reformhauses bezweifelt, daß dafür genug „Umbruchsstimmung“ herrscht - so wie damals, als ihr Urgroßvater an der Gründung eines der ersten Frankfurter Luftbäder auf dem Sachsenhäuser Berg und eines Ortsvereins des „Deutschen Bundes der Vereine für naturgemäße Lebens- und Heilweise“ mitwirkte. Die Familie führt das Geschäft in vierter Generation. „Wir sind alle Vegetarier“, sagt Simones Vater Siegfried Hepp.

Die fünf „Wundernährmitteln“

Seine beiden Kinder, er selbst und schon seine Mutter Sieglinde und ihre Schwester Brünnhilde, die Töchter der Reformhausgründer Robert Boermel und Marie Ernst, wuchsen von Geburt an ohne Fleisch auf. Man müsse vorleben, was man dem Kunden gegenüber vertrete. „Früher gab es manchmal Probleme, wenn wir mit der Familie irgendwo eingefallen sind und die Gastgeber nicht wußten, was sie für uns kochen sollten“, erinnert sich Simone Hepp. Manche Bekannten hätten extra Tartex-Paste aus einem Reformhaus besorgt. Schwierigkeiten gab es auch immer wieder, wenn Simone und ihr Bruder als Kinder nicht an Routine-Schulimpfungen teilnahmen: „Da hat mein Großvater aber böse Briefe an die Schule geschrieben.“ Auch die Impfgegner zählten sich seit der Jahrhundertwende zur Lebensreformbewegung.

Fritz Hepp, der vor einigen Jahren gestorbene Großvater Simone Hepps, war ein guter Freund Are Waerlands, eines finnisch-schwedischen Ernährungsreformers. An die laktovegetabile Kostform mit den fünf „Wundernährmitteln“ Bierhefe, Magermilchpulver, Joghurt, Weizenkeime und Rohrzuckermelasse, die Waerland anpries, hält sich Siegfried Hepp noch heute weitgehend. Sein Vater Fritz, zeitweise Vorsitzender des in Bad Soden ansässigen deutschen Waerlandisten-Bundes, holte Are Waerland in den fünfziger Jahren zu Vorträgen nach Frankfurt. Einmal sprach der Ernährungsreformer sogar in der vollbesetzten Paulskirche.

Auch Minister Fischer war schon zu Gast

Fritz Hepp gründete auch, ebenfalls an der Schillerstraße, eine „Waerlandstube“. Später hieß diese vegetarische Gaststätte, die es bis Ende der achtziger Jahre gab, „Eden“. Einmal bekam Siegfried Hepp, der das fleischlose Gasthaus und das Reformhaus in den siebziger Jahren mit seiner Frau übernahm, einen Brief von der Grünen-Fraktion im Frankfurter Römer. Die Damen und Herren aus dem Stadtparlament wollten sich beschweren: Der Kaffee im „Eden“ sei kalt gewesen. Die Hepps schätzen die Nähe der Reformhausklientel zur grünen Partei bis heute als „recht groß“ ein. Auch Außenminister Joschka Fischer hat, mit Bodyguards vor der Tür, schon im Reformhaus Boermel-Ernst eingekauft. Zu schaffen macht dem Reformhaus, das auf seine Stammkundschaft angewiesen ist, die billigere Konkurrenz der Biosupermärkte. „Ich gehe da immer mal rein und schaue mich um“, erzählt Siegfried Hepp. „Manchmal sehe ich da auch meine Kunden. Die verstecken sich dann meistens schnell.“

Viele Lebensreformer gab es nie. Immer aber strebten sie danach, zu einer größeren Schar zu werden, damit eine erträumte „neue Zeit“ beginnen könne, in der die Menschen ein reformgemäßes Leben führten. Nur in der Weimarer Republik weitete sich die Lebensreformbewegung aus. Vereine für Freikörperkultur und Nacktturnen an der frischen Luft entstanden, Jugendliche zogen mit Erbswurst im Rucksack und Klampfen über den Schultern über die Felder, durch den Wald und auf die Berge. Die Vielfalt der lebensreformerischen Vereine, Zirkel und Grüppchen war damals nahezu unüberschaubar.

Probleme in Nazi-Deutschland

Das änderte sich im „Dritten Reich“. Die Nationalsozialisten verboten einige lebensreformerische Organisationen, vor allem die eher esoterischen mit ausgeprägter eigener Ideologie, die in der Regel nicht zur nationalsozialistischen paßte. Wenn Lebensreformer, was dem Zeitgeist der Weimarer Republik entsprach, über „Rassenkunde“ schrieben, spielte die jüdische „Rasse“ oft keine besonders herausgehobene Rolle - das konnte den Nationalsozialisten nicht recht sein. Andere Gruppen wie die Vegetarier erschienen den neuen Machthabern verdächtig pazifistisch - obwohl Hitler selbst Vegetarier war. Die Nationalsozialisten drängten sie in die Selbstauflösung. Reformhäuser und Reformwarenproduzenten wurden gleichgeschaltet. Die Neuform-Genossenschaft, die 1935 rund 1300 Mitglieder hatte, wurde in die straffe Organisation ihres Gesundheitswesens gepreßt: Die vollwertigen Reformprodukte sollten dazu beitragen, den „deutschen Volkskörper“ zu stählen.

Nach seiner Hochzeit mit Sieglinde Boermel war Fritz Hepp 1935 als Volontär in das Geschäft eingetreten. Fünf Jahre später, im Krieg, übernahm das Ehepaar im Januar 1940 die Geschäftsführung von Sieglindes Eltern. Schon im Februar wurde Fritz Hepp zum Polizeidienst eingezogen. „Meine Mutter hat Schwierigkeiten gekriegt, weil sie im Lieferwagen Kunden mit Judenstern auf der Brust heimgefahren hatte“, berichtet Siegfried Hepp. Sein Vater sei, „weil er das als Geschäftsmann mußte“, Mitglied in der NSDAP gewesen. Nach dem Krieg verfaßten jüdische Kunden Entlastungsschreiben an die amerikanische Militärverwaltung.

Er bestätige, schrieb ein Obermagistratsrat, daß weder Fritz Hepp noch seine Frau „uns jemals wegen meiner Rassenzugehörigkeit weniger freundlich oder entgegenkommend behandelt haben als andere“. Eine Kundenkartei der Bekleidungsabteilung, die Fritz Hepp ebenfalls den Amerikanern vorlegte, führt auf, an welchen Daten zwischen 1934 und 1944 die Frauen Goldschmidt, Dreyfuss, Grünebaum, Katz und Oppenheimer Reformschuhe, Korsettwaren oder Fußstützen im Reformhaus Boermel-Ernst gekauft hatten.

„Wir haben Glück gehabt“

Im Krieg zerstörten die Bomben auch viele Reformhäuser. Hatte es 1939 im „Großdeutschen Reich“ noch rund 2000 Reformgeschäfte gegeben, so waren im deutschen Westen nach 1945 nur noch ungefähr 500 übrig. „Wir haben Glück gehabt“, sagt Siegfried Hepp. Das Reformhaus seiner Eltern blieb in der zerbombten Frankfurter Innenstadt stehen. Fritz und Sieglinde Hepp nahmen einen Obstverkäufer und einen Händler für Anglerbedarf in ihrem weitgehend unversehrten Geschäft auf. Der Wiederaufbau der Reformhäuser ging schnell. Schon Mitte der sechziger Jahre gab es wieder mehr als 2000 Geschäfte. In der DDR öffneten nach dem Krieg zunächst einige wieder. Aber da die Herstellerbetriebe nach und nach schließen mußten, konnte sich nur eine Handvoll bis zur Wende halten.

Manche Reformwaren gibt es seit Jahrzehnten, einige gar seit mehr als hundert Jahren: Rabenhorster Fruchtsäfte etwa oder das Hefenährmittel Vitam-R. Siegfried Hepp hat schon oft erlebt, daß Dinge, die er schon immer verkauft hat, plötzlich in Mode kamen, Kleie zum Beispiel. „Auch Rooibostee kenne ich schon lange. Nur hieß der früher Massaitee.“ Das Reformwarenunternehmen, das den afrikanischen Rotbuschtee seit Jahrzehnten vertreibt, bietet mehr als zehn Sorten an; das Wort „Massaitee“ findet sich auf den Verpackungen höchstens noch als kleingedruckte Unterzeile.

Reformer und Autoren-Familie

Die Reform macht Moden eben bis zu einem gewissen Ausmaß mit. Wenn aber Jugendliche oder Taxifahrer im Reformhaus Boermel-Ernst nach dem aufputschenden pflanzlichen Genußmittel Guarana fragen, um die Nacht durchmachen zu können, hört die Nähe zu modischen Strömungen auf. Einem Mann, der vor jeder Mahlzeit abwog, wieviel Eiweiß er gleich zu sich nehmen würde, hat Siegfried Hepp geraten: „Schmeißen Sie die Waage weg!“ Seine Tochter ergänzt: „Wir versuchen, den Kunden klarzumachen, was die Natur uns bietet.“ Die junge Frau mit dem langen braunen Zopf schreibt an einem Buch über den gesunden Menschenverstand.

Ein Buch will auch ihr Vater schreiben, irgendwann - über die Vorderradbremse in Kraftfahrzeugen. Denn Autos sind, so erstaunlich das klingen mag, seine Leidenschaft. Sein ältester Wagen, den er jetzt seiner Tochter geschenkt hat, ist ein Dixi von 1927. Noch einmal zwei Jahre älter war der Alfa Romeo, mit dem die Familie nach Simones Abitur von Athen über Paris, Amsterdam, Irland und Madrid nach Lissabon fuhr. Am besten gefallen Simone Hepp die Autos aus den neunziger Jahren des 19.Jahrhunderts: „Die Jahrhundertwende muß schon eine phantastische Zeit gewesen sein.“

Quelle: F.A.Z., 27.07.2005, Nr. 172 / Seite 8
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Jahrgang 1976, Redakteurin in der Politik der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.

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