30.11.2003 · Alexander von Schönburg, Ex-Raucher und Ex-Redakteur der Frankfurter Allgemeinen, hat ein Buch übers Nichtrauchen geschrieben. Wir baten ihn zum Gespräch mit Franz Josef Wagner, "Bild"-Kolumnist und Kettenraucher.
Alexander von Schönburg, Ex-Raucher und Ex-Redakteur der Farnkfurter Allgemeinen, hat ein Buch übers Nichtrauchen geschrieben. Er sprach mit Franz Josef Wagner, "Bild"-Kolumnist und Kettenraucher.
Alexander von Schönburg: Herr Wagner, seit wann rauchen Sie?
Franz Josef Wagner: Ich habe schon als Kind damit angefangen - damals war ich noch bei den Regensburger Domspatzen. Wenn ich mich recht entsinne, hat mich mein Bruder dazu verführt. Wir zogen an unseren Zigaretten, und die Rauchwolken waren wie Träume über unser eigenes Leben.
Und wieviele Zigaretten haben Sie heute schon geraucht?
Furchtbar viele. Ich habe gerade meine Kolumne geschrieben und dabei vierfach geraucht: Einige Zigaretten glimmten in meinem Aschenbecher, andere in meinem Mund... Ich kann da gar nicht mitzählen
Mein Beileid!
Quatsch! Rauchen ist für mich trockener Alkoholgenuß, ein trockener Rausch.
Wenn es wenigstens ein richtiger Rausch wäre... Dabei bringt es einen ja nicht einmal auf eine neue Bewußtseinsebene.
Für mich hat Rauchen mit Einsamkeit zu tun, mit meinem Ich, mit meinen Gefühlen. Ich komme mir in meiner Einsamkeit manchmal vor wie Willy Brandt, der morgens vor seinem Aschenbecher voller Zigarettenstummel saß - ein einsamer Mann, der nichts hatte außer seinen Zigaretten. Rauchen ist für mich die Bestätigung meines eigenen einsamen Lebens. Und ich hatte in meinem Leben sehr viele Erlebnisse, wo mir nur die Zigarette geholfen hat.
Zum Beispiel?
Zum Beispiel, als ich bei der "Bunten" rausflog. Der Verleger sagte mir: "Es ist zu Ende." Was machst du in so einer Situation? Du nimmst eine Zigarette und rauchst. Ohne Zigarette hätte ich mich wahrscheinlich umgebracht. Ich bin damals ja auf eine Weise gedemütigt worden, alle Zeitungen haben mich als Untier beschrieben. Meine eigene Tochter hat mich gefragt: "Papa, bist du wirklich so ein Arschloch, wie die alle schreiben?" Ja, ohne Zigarette wäre ich in die Fluten gesprungen. Die Zigarette ist mein Soldat, mein tapferer Begleiter.
Ich finde, man sollte das nicht so romantisieren. Sonst fällt man genau auf den Trick der Zigarettenindustrie rein, die das Rauchen schon immer als etwas besonders Männliches, Verwegenes dargestellt hat. Dabei ist Tabak im Prinzip ja eine sehr spießige Droge, weil sie sich als einzige Droge mit dem normalen, spießigen Leben vereinbaren läßt.
Ich glaube, von uns beiden sind Sie der Spießer, während ich ein Romantiker bin. Der Rauch beinhaltet für mich das Fegefeuer, das Indianerfeuer und das "In-die-Ferne-Gucken". Wenn ich rauche, bin ich ein Kamerad, der am Lagerfeuer sitzt. Ich lebe ja ganz allein und habe niemanden, der mit mir spricht. Wenn ich mir die Zigarettenpackung aufmache, finde ich Ansprache...
Wie müssen wir uns diesen Dialog vorstellen?
Ich beginne den Tag mit einer summenden Espresso-Maschine, die wunderbare Zischgeräusche macht. Und während dieses Ding warmläuft, zünde ich mir die erste Zigarette an. Die zischende Espresso-Maschine, die knisternde Zigarette und ich - das sind doch wunderbare Gesprächspartner.
Sind Sie ein Sklave Ihrer Sucht?
Genauso wie Sie ein Sklave Ihrer Nichtraucherei sind. Was mich angeht: Ich habe doch sonst nichts mehr. Alle sagen, ich hätte Millionen auf dem Konto, meine Wasserhähne seien vergoldet. Alles Quatsch. Ich habe nur meine Espresso-Maschine und meine Gitanes. Aber trotzdem sage ich mir jeden Morgen: Genau dafür bist du auf die Welt gekommen. Nicht für Filetsteaks oder für die Liebe. Sondern für den Geruch von frischem Espresso und einer Gitanes.
Wieso ausgerechnet Gitanes?
Weil das Wort "Gitanes" Zigeuner bedeutet, und das paßt ganz gut zu meinem eigenen Zigeunerleben. Einem außergewöhnlichen Leben in ständiger Todesgefahr. Und ich glaube, daß das Leben nur in Todesgefahr interessant ist.
Ich glaube, es ist der größte Marketingerfolg der Zigarettenindustrie, die Zigarette als die Droge des einsamen Wolfes zu verkaufen.
Kann schon sein, ist mir aber egal. Ich erwarte jeden Tag und jede Nacht, daß der Rauch-Gott mich einholt und ich dann elendiglich verrecke. Diese großartige Ungewißheit, ob man jetzt stirbt oder weiterlebt.
Das heißt, Sie haben auch nie erwogen, das Rauchen aufzugeben.
Ich nicht, aber andere Leute wollten mich davon abbringen. Meine Tochter, zum Beispiel. Mit der war ich mal in Portugal in so einer Art Gesundheitshotel. Da habe ich dann tatsächlich zwei Tage lang nicht geraucht. Mit dem Ergebnis, daß ich meiner Tochter sagen mußte: "Wenn ich nicht rauche, existierst du nicht. Wenn ich nicht rauche, habe ich kein Gefühl zu deiner Geburt." Ich erlebe alles durch das Rauchen, ohne Rauch kann ich nicht philosophieren.
Ich habe genau die gegenteilige Erfahrung gemacht. Ich habe mein ganzes Leben lang geraucht, und als ich aufhörte, wurde mir mit einem Mal klar, daß ich meine Gefühle mit der Raucherei letztlich unterdrückt habe. Früher habe ich mir bei der geringsten Emotion eine Zigarette angesteckt, um mich sofort wieder runterzukriegen. Sich eine Zigarette anzuzünden, ist der Versuch, Gefühle zu unterdrücken. Ich glaubte früher auch, ich könne nie in einer Bar sitzen und ein gutes Gespräch führen, ohne dabei zu rauchen. Jetzt merke ich, daß ich solche Situationen ohne Zigaretten viel mehr genieße. Darin, und nicht in gesundheitlichen Aspekten, liegt auch der größte Reiz, das Rauchen aufzugeben: sich selbst zu beweisen, daß man etwas kann, das man sich selbst nicht zugetraut hat. Dieser Triumph, über sich hinauszuwachsen, ist unglaublich inspirierend.
Ich persönlich muß nicht mit dem Rauchen aufhören, um inspiriert zu sein. Im Gegenteil: Jede Nacht, wenn ich hier in der Paris Bar sitze und rauche, warte ich insgeheim darauf, daß die Tür aufgeht, eine Prinzessin reinkommt, auf mich zugeht und mir sagt: "Dich habe ich gesucht!" Das Rauchen ist das größte Abenteuer der Welt, der Rauch bedeutet für mich eine Imagination der Liebe, eine orientalische Phantasie. Wenn ich rauche, bin ich ein Poet. Wenn ich rauche, bin ich ein Genie. Deswegen lehne ich das Nichtrauchen ab. Ich würde lieber auf der Stelle sterben, als ohne Zigaretten zu leben.
Aber man muß sich als Mensch doch auch fortentwickeln, sich Herausforderungen stellen und Veränderungsbereitschaft zeigen! "Göttlich ist der, welcher sich selbst bezwingt", heißt es bei Leopold von Ranke! Deswegen bin ich ja auch so froh, daß ich früher selbst geraucht habe - weil ich sonst nie die großartige Erfahrung hätte machen können, wie es ist, das Rauchen aufzugeben.
Was soll denn dieses furchtbare Pathos? Ich glaube, Sie waren nie ein richtiger Raucher. Sagen Sie mir doch mal einen vernünftigen Grund, warum ich mit dem Rauchen aufhören sollte!
Um über sich selbst hinauszuwachsen! Vielleicht wäre Ihre Kolumne in der "Bild"-Zeitung dann ja noch viel intensiver...
So ein Quatsch! Alle Menschen lesen mich - auch als Raucher. Ich könnte gar keine Kolumne schreiben, ohne zu rauchen.
Aber das ist doch ein Eingeständnis der eigenen Schwäche!
Nun mal nicht so voreilig. Mein Schlafzimmer zum Beispiel ist rauchfrei. Und in Hotels buche ich immer Nichtraucher-Zimmer.
Stören Sie sich eigentlich nicht an den riesigen Warnhinweisen, die neuerdings auf jeder Zigarettenpackung stehen?
Warum sollte ich? Die ganzen schädlichen Nebenwirkungen sind mir doch längst bekannt.
Vielleicht unter ästhetischen Gesichtspunkten?
Für mich ist die Ästhetik des Gefühls viel wichtiger: Wie fühlt sich meine Zigarette an? Ist sie weich, ist sie hart? Eine schöne Zigarette darf nicht trocken und krümelig sein. Ich fasse meine Zigarette nämlich an wie eine Frau, wie eine Geliebte. Sie darf also nicht hart und spröde sein... Ich liebe meine Zigarette wie eine Frau.
Sinnbildlich gesprochen, hieße das, daß Sie Frauen genauso verbrauchen, wie Sie eine Zigarette wegqualmen.
Es heißt, daß wir nichts festhalten können. Alles geht in Rauch auf, auch die Liebe.