27.09.2003 · Vom kommenden Mittwoch an kann man Zigarettenpackungen in der gesamten Europäischen Union drehen und wenden, wie man will: Überall findet man drastische Mahnungen.
Von Katrin HummelKräftige schwarze Buchstaben auf weißem Grund, umrandet von einem dicken Trauerrand, werden es Rauchern wie Nichtrauchern entgegenschreien: "Rauchen ist tödlich", "Rauchen kann zu einem langsamen und schmerzhaften Tod führen" oder "Rauchen verursacht Impotenz". Vom kommenden Mittwoch an kann man Zigarettenpackungen in der gesamten Europäischen Union drehen und wenden, wie man will: Den drastischen Mahnungen wird man nicht entkommen. Die Packungen dürfen dann nämlich nur noch in den Handel gelangen, wenn sie auf der Vorder- wie der Rückseite mit großflächigen Warnhinweisen versehen sind, die vom Design her an eine Todesanzeige erinnern. Vorne müssen dreißig Prozent der Packung abgedeckt sein, hinten vierzig Prozent. Grund für die neue Regelung ist eine Verschärfung der Tabakrichtlinie der EU aus dem Jahre 2001, die am 1. Oktober Gesetz wird.
Wie wird Deutschland reagieren? Werden in Zukunft weniger Kinder zur Zigarette greifen und mehr Erwachsene zum Nikotinpflaster? Glaubt man den Rauchern, werden sie trotz der Hinweise im "Bild"-Schlagzeilenformat auch in Zukunft kräftig inhalieren. "Es steht ja in klein eh schon jetzt auf jeder Packung. Jeder weiß es", sagt eine attraktive Mittdreißigerin, die in einer Münsteraner Kneipe sitzt. "Kein Raucher ist gerne Raucher, sondern bloß ein armer Süchtiger, und von einer Sucht kommt man nicht durch so einen Aufdruck los", meint ein Mann im selben Alter. Und eine Frau Anfang Vierzig findet: "Es ist ein Schlag ins Gesicht, wenn man so eine Packung das erste Mal sieht. Aber aufhören werden die Leute nur, wenn sie selbst davon überzeugt sind, daß sie aufhören sollten. Und ob das durch solche Sprüche erreicht werden wird, ist fraglich." Es ist ähnlich wie beim Übergewicht oder beim überbeanspruchten deutschen Sozialstaat: Auch hier gibt es offenbar weniger ein Erkenntnis- als ein Umsetzungsproblem.
Zigarettenetui-Hersteller profitieren als einzige
Die Vermutung, daß die Hersteller von Zigarettenetuis die einzigen sein werden, die von der neuen Regelung profitieren, liegt da nahe. In Kanada, wo auf Zigarettenpackungen schon lange vergleichbare Warnhinweise prangen, gab bei einer Umfrage 2001 jeder vierte Raucher an, er habe schon mal eine Papphülle über eine Packung gestreift, weil er die Warnungen nicht ständig sehen wollte. Doch lediglich 400 der 2000 Befragten sagten, sie hätten deswegen tatsächlich schon einmal eine Zigarette weniger geraucht. Mehr Resonanz kam von seiten der Nichtraucher: Knapp die Hälfte von ihnen fühlte sich in ihrer Eigenschaft als Nichtraucher bestätigt. Richtet sich die Kampagne also in Wirklichkeit an sie?
Daß sich die Raucher von den Warnungen vor Schmerz, Impotenz und Tod nicht wirklich werden abschrecken lassen, das vermutet auch der Verband der Cigarettenindustrie. Und ein weiterer Bestandteil der Richtlinie, der "irreführende Werbezusätze" verbietet, macht dem Verband ebenfalls keine Angst. Konkret sieht das Gesetz vor, daß Zigarettenpackungen, die vom 1. Oktober an in den Handel gelangen, nicht mehr als "light" oder "mild" bezeichnet werden dürfen, und zwar selbst dann nicht, wenn der Zusatz "light" Bestandteil des Markennamens ist. Auch die Angabe "mit niedrigem Teergehalt" ist künftig verboten. Es soll nun wirklich ganz klar sein, daß Zigaretten töten können. Für den Verband freilich ist das kein Problem. Dort fürchtet man statt dessen die für 2004 geplanten neuen Schadstoffobergrenzen für Teer, Kohlenmonoxyd und Nikotin. Sie allein würden die Kunden verprellen.
Auf der Jahrestagung der Deutschen Gesellschaft für Sozialmedizin und Prävention, die am vergangenen Mittwoch begann, beurteilte man das neue Gesetz ebenfalls zurückhaltend, wenn auch aus anderen Gründen. Der Greifswalder Sozialmediziner Ulrich John etwa gab sich überzeugt, nur über eine Verdoppelung der Zigarettenpreise oder über Verkaufseinschränkungen könne man die Raucherraten merklich senken, weil die Mehrzahl der Raucher - immerhin siebzig Prozent - gar nicht aufhören wolle mit ihrer morbiden Angewohnheit. Ähnliche Bedenken äußerten die Mediziner auch über die ebenfalls in der Richtlinie festgehaltene Regelung, wonach die EU-Staaten vom 1.Oktober 2004 an von den Zigarettenherstellern verlangen dürfen, sogenannte Schockbilder - zum Beispiel von einer kaputten Lunge oder einem Mann, der im Krankenhaus künstlich beatmet wird - auf die Packungen zu drucken, wie sie etwa in Brasilien und Kanada bereits üblich sind.
Erhöhung der Tabaksteuer um insgesamt einen Euro
Immerhin: Die von den Ärzten verlangte Erhöhung der Tabaksteuer ist von der Bundesregierung vorgesehen; sie soll nicht auf einen Schlag, sondern bis zum Juli 2005 in drei Stufen um insgesamt einen Euro kommen. Zu vermuten steht indes, daß sich die meisten Raucher auch daran gewöhnen werden und der Bund am Ende mehr Einnahmen haben wird als zuvor. Man kann annehmen, daß dies Absicht war: Die Tabaksteuer soll vor allem helfen, den Haushalt des Finanzministers gesunden zu lassen. Schließlich hatte die Bundesregierung zunächst sogar gegen die Verschärfung jener EU-Richtlinie geklagt, die am Mittwoch rechtskräftig wird. Und wie paßt es ins Bild, daß trotz des Streits um die Tabaksubventionen an deren Höhe nichts geändert werden soll? Knapp achtzig Prozent des Einkommens der Tabakpflanzer in der EU werden auch künftig aus Subventionen stammen.
An jenen Stellschrauben, mit denen sich die Zahl der Raucher verringern ließe, dreht die neue Richtlinie also nur ein ganz klein wenig. Auch längerfristig ist keine Änderung in Sicht. Für Juli 2005 ist ein Verbot von Tabakwerbung in Zeitungen, im Internet und auf internationalen Sportveranstaltungen wie der Formel 1 geplant - davor ist keinem Raucher bang.
Kurze Namen für die Restfläche
Im Gegenteil: Einige Konsumenten können der Richtlinie sogar positive Seiten abgewinnen. Sie sind nämlich gespannt darauf, wie die Packungsdesigner auf die Herausforderung durch die vergrößerten Warnhinweise reagieren werden. Erste Reaktionen sind bereits zu beobachten. Auf der Dortmunder Fachmesse "Inter-Tabac 2003" wurde kürzlich die Zigarettenmarke "Sex" vorgestellt. Ein Vorteil des Namens: Er paßt problemlos auf die arg geschrumpfte freie Restfläche der Packung.
Katrin Hummel Jahrgang 1968, Redakteurin im Ressort „Gesellschaft“ der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung.
Jüngste Beiträge