31.08.2008 · Vier Millionen Deutsche leiden an der Krankheit: Sie haben zu nichts mehr Lust, können keine Freude empfinden. Fehlzeiten und Frühverrentungen nehmen zu. Dabei kann man Depressionen gut behandeln. Wenn nur die Scham nicht wäre.
Von Oliver HoischenHolger Reiners war es so, als habe er sich das Gemüt verrenkt, und zwar gewaltig. Depression? Das hieß auch bei ihm, zu nichts Lust zu haben, sich über nichts freuen zu können, vor allem nicht über das Leben. Mit keinem Buch, keinem Geschenk, keinem Kinobesuch war er zu bestechen, mit niemandem wollte er zusammen sein. Sog der Wunschlosigkeit, nennt das Holger Reiners. Eine diffuse Traurigkeit überkam ihn, eine fürchterliche Starre, die über Jahre blieb und die wie ein alter Bekannter manchmal um die Ecke schaut. Dazu die Sprüche: Reiß dich zusammen! Mäh wenigstens den Rasen! Doch man kommt nicht aus seinem Bett, nicht jetzt, nicht heute und warum überhaupt. Die Scham macht es noch schlimmer - keiner soll es merken.
Das Leid ist groß. 121 Millionen Menschen seien weltweit erkrankt, schätzt die Weltgesundheitsorganisation - und spricht von einer „gesellschaftlichen und wirtschaftlichen Zeitbombe“. Allein in Deutschland sollen es vier Millionen sein, die akut unter einer behandlungsbedürftigen Depression leiden. Tendenz steigend. Jedenfalls legen das die Zahlen nahe, die die Krankenkassen liefern. Seit Jahren schon nehmen die Fehlzeiten bei den psychischen Erkrankungen zu - während sie bei anderen Krankheiten abnehmen. So stieg etwa bei der DAK die Anzahl von Krankheitstagen aufgrund depressiver Störungen zwischen 2000 und 2004 um 42 Prozent.
Immer mehr werden wegen Depressionen frühpensioniert
Die Techniker Krankenkasse klagt, dass von den elf Tagen, die jede bei ihr versicherte Erwerbsperson im vergangenen Jahr krankgeschrieben war, 1,4 Tage unter die Rubrik psychische Störungen fielen, also mehr als zehn Prozent. Wobei längst nicht jeder wegen der Krankheit auch zu Hause bleibt: Denn die Diagnose einer psychischen Störung war im Jahr 2006 sogar 15 Prozent der Männer und 32,1 Prozent der Frauen mindestens einmal gestellt worden. Etwa ein Drittel davon waren Depressionen.
Und so geht es weiter: Wurden 1993 nur 41.409 Personen mit der Diagnose „psychische Erkrankungen“ frühpensioniert, so waren es 2007 schon 53.888. Bei der Deutschen Rentenversicherung ist zu erfahren, dass 28,7 Prozent der Männer, die im vergangenen Jahr wegen verminderter Erwerbsfähigkeit frühverrentet wurden, psychisch erkrankt, also vor allem depressiv waren. Bei den Frauen lag der Anteil gar bei 39,7 Prozent.
Die Krankheit kann jeden treffen
Die Zahlen sind also eindeutig, der Grund für den Anstieg aber keineswegs. Natürlich liegt die Frage nahe: Macht unsere moderne Gesellschaft krank? Ulrich Hegerl, Psychiater an der Universität Leipzig und Vorsitzender der Stiftung Deutsche Depressionshilfe, stellt das in Frage: „Depression ist keine Zivilisationskrankheit. Sie kann jeden treffen. Sie hat viele Gesichter, und sie ist behandelbar.“ Hegerl und seine Kollegen heißen die Entwicklung gut, schließlich sei sie Beleg dafür, dass die Krankheit besser als früher diagnostiziert werde. Kurz gesagt: Wem der Arzt früher Tabletten gegen Bauchschmerzen verschrieb, ohne dass die geholfen hätten, wem der Magen immer wieder gespiegelt und der Rücken geröntgt wurde, der habe heute größere Chancen, richtig behandelt und so auch gesund zu werden. „Man traut sich eher“, sagt Hegerl. Inzwischen gibt es Vorbilder: Etwa den Fußballspieler Sebastian Deisler, der keine Scheu hatte, seine Depression öffentlich zu machen.
Durch die korrekte Diagnose würden auch Kosten gespart, argumentiert Hegerl - für die oft jahrelange falsche Behandlung. Denn den meisten Depressionen lässt sich heute mit Medikamenten und Psychotherapie beikommen. Rund der Hälfte der Erkrankten geht es mit Antidepressiva innerhalb von sechs Wochen wieder besser, achtzig Prozent spätestens nach dem zweiten Therapieversuch. Hegerl legt Wert auf die Feststellung, dass Antidepressiva wirklich helfen. Und dass sie nicht abhängig machen - anders als Beruhigungsmittel. Als im Frühjahr eine Studie bekannt wurde, nach der Antidepressiva nur einen Placebo-Effekt haben, und die Leute das Medikament daraufhin absetzten, sei in Amerika die Selbstmordrate bei jüngeren Patienten sofort gestiegen, berichtet Hegerl. Dabei war die Aufklärung der vergangenen Jahre sehr erfolgreich: Die Suizid-Quote ging deutlich zurück. In Deutschland nehmen sich allerdings noch immer fast 10.000 Menschen jährlich das Leben - die Mehrheit davon aufgrund einer Depression, die nicht richtig diagnostiziert oder nicht richtig behandelt wurde.
Frauen bekommen häufiger Antidepressiva als Männer
Die Pharmaindustrie freut sich: Im Jahr 2000 soll mit Antidepressiva auf der ganzen Welt ein Umsatz von 13,1 Milliarden Dollar gemacht worden sein, bis 2010 könnten es schon 26 Milliarden Dollar werden. In Amerika gab es eine Zeit, da wurde das Medikament Prozac sogar zur Lifestyledroge - viele Leute nahmen es dort als Stimmungsaufheller oder um sich leistungsfähiger zu machen, obwohl sie gar nicht an einer Depression litten. Dabei ist die Regel: Wenn jemand vierzehn Tage lang grundlos ohne Antrieb und schlechter Stimmung ist, stimmt irgendetwas nicht. Hegerl und seine Kollegen haben dafür einen Selbsttest entwickelt (www.kompetenznetz-depression.de). Ein bisschen Depression, eine depressive Verstimmung, ist aber normal. Etwa nach dem Tod eines geliebten Menschen oder nach dem Verlust des Arbeitsplatzes.
Auch in Deutschland werden immer mehr Antidepressiva verschrieben. „Statistisch gesehen bekam jeder Beschäftigte im vergangenen Jahr Antidepressiva für eine Woche verordnet“, heißt es bei der Techniker. Auf der Liste der am häufigsten verschriebenen Präparate stünden Antidepressiva an achter Stelle. Ein großes Gefälle gibt es nicht nur zwischen den Geschlechtern: Frauen bekommen häufiger Antidepressiva als Männer. Sondern auch zwischen den Regionen: In den westlichen Bundesländern wird mehr von dem Medikament geschluckt als in den östlichen. Auch fehlen die Menschen dort nicht so häufig wegen Depressionen auf der Arbeit, überhaupt wird die Krankheit im Osten seltener diagnostiziert. Erstaunlich sind die Unterschiede zwischen Stadt und Land: „Obwohl in den Stadtstaaten Hamburg, Berlin und Bremen die Fehlzeiten wegen Depressionen erfahrungsgemäß sehr hoch sind, fallen die Antidepressiva-Verordnungen im Verhältnis dazu eher gering aus.“ Ein Grund könnte sein, dass es in den Ballungsräumen mehr Therapieangebote gibt und daher weniger medikamentös behandelt wird.
„Stress erhöht das Risiko“
Wer sich mit Depressionen beschäftigt, kann viel über Deutschland lernen. Auch wenn die Krankheit noch immer ein Rätsel ist. Holger Reiners hat sie ausführlich studiert, in all ihrer Komplexität, und ein Buch darüber geschrieben. Noch gut kann er sich an den Tag erinnern, als das Leiden begann, als ihn ein Lehrer in der Schule fertigmachte und sein Selbstwertgefühl zerbrach. Das heißt: Bei ihm gab es einen Auslöser, ein Life-Event, wie die Depressionsforscher das nennen. Mehr noch: Holger Reiners meint, für seine Krankheit durchaus auch etwas gekonnt zu haben. Zu lange habe er an einer Lebensillusion festgehalten, falschen Wunschbildern hinterhergejagt, nicht genug auf seine innere Stimme gehört - Betriebswirtschaft studiert zum Beispiel, anstatt seinen künstlerischen Neigungen nachzugehen.
Die Wissenschaftler geraten da ins Schleudern. Sie sind erst dabei, die Krankheit zu ergründen: Psychiater, Psychologen, Neurobiologen, Biochemiker und Molekulargenetiker. Die Depression sei ein „riesiges, rätselhaftes Geschöpf“, das von Vertretern verschiedener Disziplinen mit verbundenen Augen betastet werde, sagt einer. Wer bekommt eine Depression? Und wer nicht? Ist sie wirklich nur körperlich bedingt? Schon der griechische Arzt Hippokrates kannte die Melancholie - was ja nichts anderes bedeutet als „schwarze Galle“. Läuft die einem nicht manchmal über? Jürgen Fritze von der Deutschen Gesellschaft für Psychiatrie, Psychotherapie und Nervenheilkunde will dementsprechend herausgefunden haben: „Stress erhöht das Risiko, an einer Depression zu erkranken.“ Fritze berichtet von Forschungsergebnissen, nach denen es bei eineiigen Zwillingen eine Konkordanz von siebzig Prozent gab: Wenn der eine eine Depression hatte, dann hatte sie auch der andere. Bei denen lag es wohl in den Genen. Bei dreißig Prozent aber war nur der eine krank, der andere aber gesund. Hatten diese beiden vielleicht unterschiedlich viel Stress? Oder einfach eine andere Einstellung zum Leben?
Bei jedem Mensch ist „Erkrankungsbereitschaft“ anders
Fritze weiß auch von Versuchen, bei denen zwei Ratten Stromstöße bekommen haben - von denen dann aber nur eine depressiv wurde; nämlich diejenige, die den Rhythmus der Stöße nicht selbst bestimmen konnte. Das ist die Theorie von der „erlernten Hilflosigkeit“. Auf den Menschen übertragen bedeutete das, dass derjenige eher krank wird, der sein Leben nicht selbst gestaltet, der ohnmächtig ist - und die Zahl derer, auf die das zutrifft, so sagt der Professor vorsichtig, habe in den vergangenen hundert Jahren offenbar ständig zugenommen. „Unsere Gesellschaft wird immer arbeitsteiliger. Manche fühlen sich nur als kleines Schräubchen“, meint Fritze. Den modernen Stress definiert er als den „Stress, sein eigenes Leben nicht steuern zu können“. Der sei losgegangen, als die Menschen ihre dörfliche Scholle verließen und das Fließband erfunden wurde.
Also doch: Krebs der Seele? Das wäre wohl nur die halbe Wahrheit. Beides scheint zu gelten: Psychologische und biologische Theorien gehören zusammen. Bei jedem ist die „Erkrankungsbereitschaft“ anders, entscheidend ist die „psycho-biologische Disposition“ eines Menschen. So gibt es Leute, bei denen Depressionen häufig in der Familie vorkommen und die trotz belastender Lebensereignisse nicht depressiv werden. Aber das muss man erst mal wissen.
Heute mehr Leute "ihres Glückes Schmied"
Johanna Geisel (Jea.nne)
- 01.09.2008, 18:49 Uhr