http://www.faz.net/-gum-7kgc3
HERAUSGEGEBEN VON WERNER D'INKA, JÜRGEN KAUBE, BERTHOLD KOHLER, HOLGER STELTZNER

Veröffentlicht: 30.12.2013, 17:04 Uhr

Psychisch kranke Eltern War ich nicht lieb?

Kinder von psychisch kranken Eltern übernehmen häufig früh Verantwortung, stellen ihre eigenen Bedürfnisse zurück. Das Leid dieses Rollentauschs verfolgt sie oft ihr ganzes Leben. Im ersten von drei Teilen: Die Geschichte von Anne und ihrer Mutter.

von Andrea Freund und Kathrin Runge
© Kat Menschik Verunsichert, ratlos, überfordert: Je jünger das Kind, desto gravierender können die Folgen sein.

Etwa 13 Millionen Kinder und Jugendliche leben in Deutschland. Geschätzte drei Millionen von ihnen, also fast jedes vierte Kind, wächst mit einem Elternteil auf, das an einer psychischen Störung leidet - vorübergehend, wiederholt oder dauerhaft. Damit sind nicht alltägliche Stimmungsschwankungen gemeint, sondern Erkrankungen, die das Leben deutlich beeinträchtigen und behandlungsbedürftig sind, wie etwa Alkohol- und Drogensucht, Psychosen, Depressionen und Manien, Angst- und Essstörungen sowie Persönlichkeitsstörungen. 33,3 Prozent aller Erwachsenen leiden nach Angaben der DEGS-Studie des Robert-Koch Instituts von 2012 mindestens einmal im Leben an einer solchen Erkrankung. Bei mehr als einem Drittel treten mehrere dieser Störungen gemeinsam auf.

Je jünger das Kind, desto gravierender können die Folgen für seine Entwicklung sein. Die psychischen Grundlagen für Urvertrauen und Bindungsfähigkeit werden vor allem in den ersten Lebensjahren gelegt. Erfährt ein Kind dann keine körperliche und seelische Sicherheit und Verlässlichkeit, keine sinnvollen Grenzen, aber auch keine Ermutigung bei seiner allmählichen Lösung aus der Abhängigkeit von den Eltern - weil diese ständig betrunken sind oder „high“, in Wahnvorstellungen gefangen oder wegen einer Depression nicht ansprechbar -, fühlt ein Kind sich zunehmend verunsichert, ratlos, überfordert. Häufig muss es zudem Verantwortung für jüngere Geschwister oder die Mutter selbst übernehmen und diese etwa trösten. „Parentifizierung“ oder „Beeltern“ sagen Fachleute dazu. Liegt bei einem Elternteil eine Persönlichkeitsstörung vor, sind Kinder besonders gefährdet, wie eine deutsche Studie 2011 zeigte.

„Borderline ist eine Beziehungsstörung“

Das gilt vor allem für die Borderline-Störung, die zugleich zu den häufigsten gehört. Zwei bis drei Prozent der Bevölkerung in Deutschland sollen von dieser psychischen Erkrankung betroffen sein, Frauen häufiger als Männer. Die Symptome sind vielfältig. Grundlegend sind plötzliche Stimmungsumbrüche, ein instabiles Selbstbild sowie ein Gefühl innerer Leere und die Angst, verlassen zu werden. Hinzu kommen häufig Angst, Depressionen sowie Alkohol- oder Drogenabhängigkeit. Starke, innere Spannungszustände können sich in Selbstverletzungen, Selbstmord(versuchen) oder in Gewalt gegenüber dem Partner und eben dem eigenen Kind entladen.

„Borderline ist eine Beziehungsstörung“, sagt Birger Dulz, Chefarzt der Abteilung Persönlichkeitsstörungen an der Asklepios-Klinik Nord, an der 1989 die erste „Borderline-Station“ in Deutschland eröffnet wurde. „Viele dieser Menschen sind selbst unter traumatischen Bedingungen aufgewachsen, wurden sexuell missbraucht, körperlich misshandelt oder seelisch missachtet“, erläutert Dulz. Bindung erlebten Kinder von Borderline-Patienten als chaotisch oder ambivalent, da die Mutter nicht balancieren könne zwischen Nähe und Distanz: „Wenn ein Kind sich dann entfernt, was es auch muss, empfindet die Mutter das als Bedrohung und versucht, das Kind an sich zu binden. Ist das Kind dann ganz nah, fühlt die Mutter sich wiederum in ihrer Autonomie bedroht und stößt das Kind weg“, sagt Dulz.

1 | 2 | 3 | 4 Nächste Seite   |  Artikel auf einer Seite
 

Hier können Sie die Rechte an diesem Artikel erwerben

Weitere Empfehlungen
Nach Bombenattentat Ansbach hört nicht auf zu helfen

Vor einem Monat zündete ein Syrer eine Bombe im bayerischen Ansbach. Getötet hat er nur sich selbst, doch sein Ziel waren auch andere. Seitdem ist die Stimmung in der Stadt anders. Mehr Von Anna Reuß, Ansbach

24.08.2016, 19:24 Uhr | Politik
Co-Parenting Wenn die Eltern nur Freunde sind

Wenn Männer und Frauen sich zusammentun, um Kinder zu bekommen, muss nicht immer Liebe dahinterstecken: Freundschaft als Basis geht auch. Wir haben eine Familie besucht, in der das gut funktioniert. Mehr

27.08.2016, 14:42 Uhr | Gesellschaft
Treppen im Grundriss Es geht aufwärts

Eine Treppe leistet viel mehr als bloß zwei Etagen zu verbinden. Sie ist Skulptur, erschließt Wohnraum oder strukturiert das Haus. Manchmal sind ungewöhnliche Lösungen gefragt. Mehr Von Anne-Christin Sievers

23.08.2016, 11:52 Uhr | Wirtschaft
Gen-Musik So klingen die Gene

Martin Staege interpretiert die Zellen aus dem Blut von Patienten musikalisch. Ausgangspunkt sind bei ihm vor allem die Genexpressionsprofile der Krebszellen. Staege ist Genforscher und leitet ein Forschungslabor mit Schwerpunkt Krebsmedizin und Immuntherapie an der Universitätsklinik und Poliklinik für Kinder- und Jugendmedizin in Halle/Saale. Mehr

23.08.2016, 14:12 Uhr | Wissen
Experten empfehlen Zu Fuß zur Schule statt mit dem Elterntaxi

Ungezählte Kinder werden mit dem Auto zur Schule gefahren - ein Fehler, wie der Verband Bildung und Erziehung meint. Schüler sollten möglichst zur Schule gehen. Mehr

25.08.2016, 17:29 Uhr | Rhein-Main
Nachrichten in 100 Sekunden
Nachrichten in 100 Sekunden